Wie geht Digitalisierung in Familienunternehmen?

Digitalisierung in FamilienunternehmenFür Robert Reisch vom Fachverlag Gentner in Stuttgart sind Regale mit Printprodukten weitgehend Geschichte. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Robert Reisch, der Geschäftsführer des Stuttgarter Gentner-Verlags, sieht gute Chancen für die Digitalisierung in Familienunternehmen. Dazu brauche es aber das nötige Vertrauen zwischen Senior- und Juniorchef.

Robert Reisch braucht nur in eines der Archivregale am Firmensitz im Stuttgarter Westen zu greifen, dann hält er ein Stück Vergangenheit in der Hand. Dicke Ordner liegen da, in denen Handwerker nachschlagen konnten, wie sie einen Kostenvoranschlag erstellen. „Keiner schlägt heute mehr so etwas nach – das googeln sie nur noch,“ sagt Reisch.

Doch als Geschäftsführer für Digitales und IT im Fachverlag Gentner in Stuttgart ist ihm vor radikalen Veränderungen nicht bange. Denn wenn er nach einem Vorbild für Anpassungsfähigkeit sucht, muss er nur auf seinen Großvater Alfons W. Gentner blicken. Der baute 1946 dank einer durch einige Zufälle früh ergatterte Lizenz der US-Militärregierung den von dessen Vater gegründeten Verlag rasch nach dem Krieg wieder auf. Noch heute hängt eine Kopie des Dokuments eingerahmt im Besprechungszimmer.

Zu kaufen gab es damals wenig. Dafür gab es einen Hunger nach Unterhaltung. Und so publizierte der Verlag ein damals höchst innovatives Medium: Die „Schwäbische Illustrierte“ präsentierte erstmals in Süddeutschland mit vielen eingestreuten Bildern einen Kessel Buntes – schöne Schauspielerinnen, Kriegserlebnisse oder auch Enthüllungsgeschichten wie „Goebbels und die Frauen“.

Das Verlagsprogramm begann mit einem Kessel Buntes

„Aber mein Großvater hatte immer auch das Praktische im Blick“, sagt Reisch. Und so gehörten von Anfang an auch lebensnahe Themen zum Programm. Als die Deutschen wieder mehr Geld übrig hatten, wollten sie nicht mehr nur ihr Herz wärmen, sondern auch ihre Wohnungen. Spezialthemen wie der Heizungsbau waren gefragt. Die Rechte an der Illustrierten wurden verkauft. Gentner mutierte Ende der Fünfzigerjahre zum Fachverlag. Mit dem Heizungsbau beschäftigt man sich noch heute.

Zuvor hatte der Verlag Anfang der fünfziger Jahre den frühen Tod des Gründers verkraften müssen. Doch weil dessen Witwe Verlag und Vermögen zusammenhielt und in zweiter Ehe den Druckereileiter heiratete, ging es weiter. Anpassungsfähigkeit bei gleichzeitig langfristigem Horizont, das zeichne Familienunternehmen aus, sagt Reisch. Sie seien für den digitalen Wandel gewappnet – wenn sie sich auf diese Stärken besinnen. Lange Jahre machte der Verlag mit Printmedien für Fachthemen wie Sanitär-, Heizungs- oder Klimatechnik, Fenster, Glas, Fassaden, Elektro- und Sicherheitstechnik sowie Arbeitsmedizin gute Geschäfte. Doch der aktuelle Umbruch ist tiefgreifender als der einstige Schwenk von der Unterhaltung zum Fachwissen. „Irgendwann einmal muss man begreifen, dass Digitalisierung mehr bedeutet als die Weiterentwicklung des Bestehenden“, sagt Reisch.

Digitalisierung in Familienunternehmen braucht Vertrauen

Das Schlüsselwort für den Umbruch im Familienunternehmen war Vertrauen. „Mache du mal“, das sei die Devise seines Vaters gewesen, sagt der 36-Jährige, der allmählich in die Rolle des Mit-Geschäftsführers hineinwuchs, die er seit Oktober 2017 bekleidet. „Mein Vater ist auch mit 64 noch neugierig und technikbegeistert – der ist keiner, der sich die E-Mail hat ausdrucken lassen.“ Ende April 2020 scheidet er aus der Geschäftsführung aus, der Sohn wird Verleger. Ein Vorteil sei es gewesen, dass es eine klare Nachfolgeregelung gegeben habe, sagt Reisch. Ob er oder seine drei Jahre ältere Schwester den Verlag übernehmen sollte, wurde lange im voraus entschieden. Das sei nicht bei allen Familienverlagen so.

Es sei ein Glücksfall gewesen, dass der Stabwechsel bei Gentner parallel zum technologischen Umbruch stattfand, sagt Reisch. Solch ein Generationswechsel mache die Digitalisierung in Familienunternehmen leichter. Als er 2008 parallel zum Jurastudium in Teilzeit im Unternehmen anfing, experimentierte man erstmals mit einer Produktdatenbank für Handwerker, die aber nur mühsam vorankam: „Die Hersteller haben nicht verstanden, warum sie uns ihre Produktdaten zur Verfügung stellen und auch noch dafür zahlen sollten.“ Dann machte man einen Schnitt. „Im Jahr 2014 haben wir uns extern gründlich durchleuchten lassen“, sagt Reisch. Danach sei klar geworden, dass man nicht weitermachen konnte wie bisher. Alles, was man zuvor digital gemacht hatte, sei nur eine Weiterentwicklung des Bisherigen gewesen.

Ihm sei es leichtergefallen, sich von bisherigen Produkten zu verabschieden, sagt Reisch: „Ich glaube, das es Familienunternehmen beim digitalen Wandel strukturell leichter haben: Die Wege zu Entscheidungen sind kurz, sie können dynamischer reagieren.“ Zudem gebe es für die Digitalisierung in Familienunternehmen mehr Liquidität.

Digitalisierung in Familienunternehmen braucht Verantwortung

Nicht zuletzt sei der heute Startups zugeschriebene, auf Eigenverantwortung setzende Führungsstil schon bei seinem Vater so gewesen: „Da hat sich im Kern mit mir gar nichts verändert. Wir sind grundsätzlich sehr nah an den Leuten. Bei uns kann jeder zum Geschäftsführer kommen.“ Er fühle besondere Verantwortung: „Wir wollen nicht den Wandel erzwingen, indem bestehende Mitarbeiter gegen neue ausgetauscht werden.“ Er kenne manche aus Kindertagen, als ihn sein Vater in die Firma mitnahm: „Das muss mit der vorhandenen Mannschaft gelingen.“ Neue Produkte treibe man aber mit neuen Teams voran.

Der Takt ist hoch: So publiziert ein dreiköpfiges Team zum Thema Haustechnik zwei Newsletter täglich. Suchmaschinenoptimierung und Werbung auf sozialen Medien – bei einem neuen, rein digitalen Angebot für Gebäude -und Fassadentechnik zog man alle Register. Binnen zwei Jahren habe man so die größte Internetplattform für Handwerker rund um dieses Thema etabliert, sagt Reisch: „Wir sind da komplett zahlengetrieben. Was auf der Webseite nicht funktioniert, kommt weg. Was läuft, wird als Evergreen immer wieder ausgespielt.“ Da kann auch ein Artikel über Fußbodenheizungen von 2009 dabeisein. Gesponserte Artikel sind eine Säule des Geschäftsmodells. Auch Nutzerdaten kann man datenschutzkonform monetarisieren: Für die Hersteller von Handwerkerbedarf beispielsweise bieten sie Informationen über ihre sehr spezielle Zielgruppe.

Aber auch eine andere Komponente ist wichtig: „Digitale Reichweite bekommen sie auch durch branchenspezifische Unterhaltung“, sagt Reisch. Etwas vom Geist der einstigen, bunten „Schwäbischen Illustrierten“ passt also gut ins digitale Zeitalter.

Digitalisierung in Familienunternehmen – das Beispiel Gentner
Robert Reisch (36) hat von 2004 bis 2010 in Tübingen Jura studiert und war danach bis 2012 im Referendariat. Von 2016 bis 2018 studierte er berufsbegleitend an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Am Institut für Familienunternehmen hat er dort seinen Masterabschluss gemacht. Seit 2008 arbeitet er im Gentner-Verlag, seit Januar 2013 ist er dort in Vollzeit tätig. Im Oktober 2017 wurde er Geschäftsführer für Digitales. Vom nächsten Jahr an wird er der Verleger sein. Im Verlag wird es wie bisher neben Reisch einen zweiten Geschäftsführer geben, der das operative Geschäft betreut.
Der Alfons-W.-Gentner-Verlag hat aktuell etwa 60 Mitarbeiter. Er publiziert elf Fachzeitschriften, 15 Fachbücher, zwei Unternehmenszeitschriften als Dienstleistung für Kunden. Aber vor allem betreibt er 16 Webseiten. Die größte ist Haustec.de, ein Portal für Gebäude- und Fassadentechnik. Dazu kommen 24 Kanäle auf sozialen Medien und elf Newsletter. Die Druckauflage beträgt etwa 150 000 Hefte im Monat. Monatlich gibt es circa 800 000 Besuche auf den Webseiten und 1,8 Millionen Seitenaufrufe.
Umsatzzahlen werden nicht veröffentlicht. Es gibt zwei Gesellschafter. Neben Robert Reisch ist seine Mutter die Mehrheitsgesellschafterin. In der Firmengeschichte blieben wichtige Anteile am Verlag über die Generationswechsel hinweg in den Händen der Frauen der Familie.

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