Vitero baut das virtuelle Klassenzimmer

ViteroHeidi Sigel und Fabian Kempf von der Vitero GmbH. Foto: Susanne Roeder

IdeenwerkBW-Schwerpunkt Frauen und Startups (2): Ein gesundes Maß an Unvernunft machte Heidi Sigel zur Co-Gründerin von Vitero, einem Unternehmen, das Software für Online-Live-Kommunikation anbietet .

Das Unternehmen für Lern-Software, Vitero, wächst seit knapp zehn Jahren organisch und nachhaltig. So lautete auch von Anfang an der Plan seiner sechs Gründer. Ihnen waren die vielen Flops während der Dot-Com-Blase noch in Erinnerung und gleichzeitig Warnung, dass längst nicht alles Gold war, was damals glänzte. Deshalb schlugen sie einen anderen Weg ein. Sie wollten auf der Basis solider Erfahrung zu gründen – eine Philosophie, die gerade gründenden Frauen zugeschrieben wird.

Gründerin und gleichzeitig eine von zwei Geschäftsführern bei Vitero ist Heidi Sigel. Sie verließ den ihr zur Routine gewordenen Job in der Druckindustrie, wollte „etwas Neues wagen, kreativ und innovativ sein“. Von Gründung und Selbstständigkeit war noch nicht die Rede. Sigel wechselte zunächst ihren Arbeitsplatz. Es gelang ihr, eine am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) ausgeschriebene Stelle zu bekommen.

Finanziell bedeutete das zwar erst einmal einen Rückschritt, doch „es war ständig etwas los“, schwärmt sie noch heute. Als Projektkoordinatorin betreute sie internationale Projekte. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen, musste nach kurzer Zeit EU-Projekte in Brüssel vorstellen und verteidigen, um die Gelder zu bekommen.“

In der Druckbranche hätte Sigel nicht gegründet

Doch sie riskierte dann noch mehr, indem sie die Selbstständigkeit wählte. „Aus meinem Hintergrund mit der Druckindustrie hätte ich den Mut nicht gehabt“, gibt sie zu. Aber sie wollte es einfach wissen und die Gründung der Vitero GmbH war eine folgerichtige Weiterentwicklung von Ideen gewesen, auf die sie zusammen mit den Projektteams beim IAO gestoßen sei. Zusammen mit ihrem Kollegen Fabian Kempf war sie sich ihrer Sache sicher. Beide wussten, sie hatten mit ihrer Virtual Classroom Software eine echte Marktlücke entdeckt. Bei Vitero geht es darum, Menschen in virtuellen Räumen neuartig mit­einander kommunizieren zu lassen.

Geholfen beim riskanten Unterfangen, sich selbstständig zu machen, hat zweifellos, dass sich alle sechs Gesellschafter kannten. „Wir waren in gemeinsamen Projektteams.“ Zusammen mit dem Ingenieur Kempf übernahm Sigel die Geschäftsführung. „Es ging darum, die Koordination des Geschäfts auf zwei Hauptschultern zu verteilen und den vier Mitgründern dadurch die Möglichkeit zu geben, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die ihren Begabungen entsprechen“, erklärt sie die Struktur des Startups und ergänzt: „Wenn jemand eine gute Produktidee hat, heißt das noch lange nicht, dass er oder sie ein guter Gründer ist.“ Man bringe schließlich nicht alles mit, was notwendig sei, um eine erfolgreiche Firma zu haben.

Sechs Gesellschafter ziehen bei Vitero an einem Strang

30 fest angestellte Mitarbeiter hat das Unternehmen, drei weitere sollen in Kürze eingestellt werden. Zusätzlich arbeitet Vitero mit freien Mitarbeitern. Führen sechs Gesellschafter nicht zwangsläufig zu Pro­blemen? Solche Zweifel zerstreut Sigel. „Wir kannten uns nicht nur alle vom Fraunhofer-Institut, wir haben auch gezielt darauf geachtet, wer ins Boot passen könnte. Dadurch klappt alles sehr harmonisch.“

Die Idee zur Gründung entstand bereits im Jahr 2004. Richtig losgelegt mit ihrem Startup haben sie vor knapp zehn Jahren. „Wir haben das Produkt Lern-Software ein Stück weit neu erfunden“, sagen Kempf und Sigel. „Was ist zeitgemäß und was nicht, wohin gehen unsere Kunden, welche zusätzlichen Bedarfe sind da? All das analysieren wir genau und entwickeln dabei stetig weiter.“

Die Forschung zu „Collaborative Learning“ lieferte Impulse

Der Forschungsbereich „Collaborative Learning“ lieferte den zündenden Funken. Dieses gemeinsame Lernen wollten sie mit moderner Technologie zu einem modernen Lernen weiterentwickeln. Das hieß: weg vom virtuellen Frontalunterricht. Der Kerngedanke der Software bei Vitero ist ein virtueller Tisch als Metapher, um den herum die Teilnehmer als Avatare sitzen. Die Software liefert unterdessen sehr viele Konfigurationsmöglichkeiten.

Neben den bereits bewährten Funktionalitäten für Kommunikation und Kollaboration wird es zum Ende des Jahres mit der neuen Vitero-Generation auch virtuelle Treffpunkte jenseits des „Vitero Tisches“ geben – im Wald, im Café, als Kamingespräch oder anderswo. Auch virtuelle Erfahrungen wie eine Gipfelbesteigung und das Gefühl, oben zu stehen, sind geplant. Neu ist auch die Idee einer Modellfirma, in der Kommunikationsprozesse abgebildet werden.

Vitero läuft auf jedem Endgerät

Die Technologie kann mit einem nahezu beliebigen Endgerät abgerufen werden. „Bei uns ist immer etwas los. Es bewegt sich unheimlich viel“, berichtet Sigel und ergänzt mit sichtlicher Freude: „Wir sind dynamisch und agil.“ Und: „Wir haben einen Frauenanteil von 68 Prozent.“ Das, so Sigel, sei bei einer Softwarefirma außergewöhnlich. Mittelbetriebe oder Großunternehmen wie Lufthansa oder Volkswagen zählen gleichermaßen zum Kundenkreis von Vitero.

Vitero ist nun als gereiftes Startup erfolgreich etabliert. „Die größte Herausforderung für uns besteht nun darin, genügend gute Leute zu finden“, sagt Sigel. Dadurch, dass Vitero sehr schnell wachse, brauche das Unternehmen in kurzer Zeit viele Leute. „Die Machertypen, die etwas bewirken wollen, die Ziele verfolgen, die Spuren hinterlassen, die suchen wir“, ergänzt Kempf und verweist auf seine Partnerin Sigel als leuchtendes Beispiel für diese Denke.

Von der Ingenieurin zur Gründerin
Heidi Sigel studierte Wirtschafts­ingenieurwesen der Fachrichtung Druck in Stuttgart. Nach einigen Jahren in der Druckindustrie war kein berufliches Fortkommen mehr in Sicht. „Die fehlende Dynamik in der Branche hat mich dazu bewogen, zu Fraunhofer zu gehen und einen Neustart zu wagen.“
Nach mehr als drei Jahren am Fraunhofer-Institut mit Schwerpunkt administrative Betreuung internationalerForschungs- und Entwicklungsprojekte keimte zusammen mit Fabian Kempf der Gedanke zur Gründung der Vitero GmbH. Kempf hatte im Themenbereich E-Learning promoviert.
Die Vitero GmbH bietet Software­lösungen für Live-Online-Kommunikation für Unternehmen aller Branchen an. Der Schwerpunkt liegt auf synchroner, internetbasierter Kommunikation. Virtuelle Klassenzimmer, Web-Konferenzen und Online-Kollaboration sind die Hauptgeschäftsfelder. Neben Soft- und Hardwareberatung bietet Vitero Trainings, Pilot- und Einführungsprojekte an.

Der erste Text der Serie erschien am 16.4.

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