Stratasys erobert mit 3D-Druck die Industrie

StratasysStratasys bietet seine 3D-Drucker inzwischen in so genannten Fertigungszellen an. Foto: Stratasys

Die additive Fertigung mit 3D-Druck punktet mit Tempo und den Kosten.  Inzwischen ist sie auch in der Industrieproduktion anzutreffen. Weltmarktführer Stratasys legt in Deutschland zu.

Der Vergleich liegt für Wolfgang Kochan nahe. „Das ist wie die berühmte Garage, in der Bill Hewlett und David Packard in Palo Alto in Kalifornien den Grundstein für das Unternehmen Hewlett-Packard gelegt haben“, amüsiert sich der Manager, der viele Jahre für Hewlett-Packard gearbeitet hat, über den Gründungsmythos. Jetzt ist er Geschäftsführer in der Europazentrale des amerikanisch-israelischen 3-D-Druck-Anbieters Stratasys, der auch solch eine glorifizierte Entstehungsgeschichte hat.

Anfang der achtziger Jahre soll in den USA der spätere Stratasys-Gründer Scott Crump auf die Idee gekommen sein, dass sich Gegenstände herstellen lassen, indem sie Schicht für Schicht aufgebaut werden; üblicherweise entsteht ein Produkt genau andersherum, durch das Abtragen von Material mittels Drehen und Bohren. Der Durchbruch soll ihm gelungen sein, als er für seine Tochter einen Kunststofffrosch herstellen wollte. Crump nahm eine Heißklebepistole und baute mit den verflüssigten Materialien Polyethylen und Kerzenwachs schichtweise das Spielzeug auf – die Geburtsstunde einer Branche.

Über den Begriff 3D-Druck ist die Industrie nicht glücklich

Was anfangs nach Spielerei klang, ist längst zu einem Milliardenmarkt geworden. Die Beratungsgesellschaft Wohlers Associates, deren Analysen der 3-D-Druck-Branche stark beachtet werden, schätzt das aktuelle Marktvolumen auf knapp 6,1 Milliarden Dollar (5,2 Milliarden Euro). Sämtliche Prognosen für die nächsten Jahre unterstellen ein kräftiges Wachstum. Die Prüfungsgesellschaft ­De­loitte rechnet zum Beispiel mit einem Volumen von 20,5 Milliarden Dollar bis 2020.

Mittlerweile werden Komponenten für Autos und Flugzeuge ebenso schnell, gewichtssparend und kostengünstig mit dem 3-D-Drucker hergestellt wie Werkzeuge oder Zahnteile, Kronen und Brücken in der Dentaltechnik. Die Industrie mag den Begriff 3-D-Druck aber nicht und spricht lieber von additiver Fertigung. Auch Kochan, der Chef der Stratasys-Europazentrale am Flughafen Baden-Airpark (Rheinmünster, Landkreis Rastatt), hält den Begriff 3-D-Druck für missverständlich, weil er an den Drucker zu Hause am PC erinnert.

Noch dominieren auf dem Markt die Spezialisten

Das zu erwartende Wachstum lockt mittlerweile auch die Großindustrie an. So hat der US-Konzern General Electric 2016 für 1,5 Milliarden Dollar das deutsche Unternehmen Concept Laser und den schwedischen 3-D-Spezialisten Arcam gekauft. Auch Kochans alter Arbeitgeber Hewlett-Packard ist in das Geschäft eingestiegen. Bisher dominieren auf dem Markt die Spezialisten. So ist Stratasys mit einem weltweiten Umsatz von 673 Millionen Dollar globaler Marktführer, gefolgt von EOS Electro Optical Systems aus Deutschland und dem US-Anbieter 3 D Systems. Stratasys hat sich auf Fertigungsverfahren mit schmelzfähigem Kunststoff konzentriert. Das ist der größte Teil des Weltmarkts. Schneller als der Markt zur Herstellung von Kunststoffteilen wächst aber das Metallsegment. Bei den Verfahren, die etwa EOS und der Maschinenbauer Trumpf einsetzen, kommt Metallpulver zum Einsatz. Auch Stratasys hat ein Auge auf die Metallherstellung geworfen und ist eine Partnerschaft mit dem US-Unternehmen Desktop Metal eingegangen. Technologieunternehmen wie Canon, Rikoh und Epson gelten als weitere Interessenten, die über einen Einstieg in den 3-D-Markt nachdenken.

Was künftig alles in dieser Fertigungstechnik hergestellt werden kann, zeichnet sich erst in Umrissen ab. Ihren Siegeszug gestartet habe die additive Fertigung, so erzählt Kochan, im Protypenbau und im Design, gefolgt von der Herstellung von Montagehilfsmitteln wie Werkzeugen und Gussformen. „Jetzt werden die ersten Teile in Endprodukte eingebaut“, sagt Kochan. So wird zum Beispiel jeder neue Airbus A350 mit etwa 1000 additiv gefertigten Kunststoffteilen ausgestattet – von Halterungen und Klemmen bis zu Raumteilern und Gepäckklappen. Mercedes-Benz setzt den 3-D-Druck zum Beispiel auch in der Ersatzteilversorgung ein. Im Sommer hat das Unternehmen das erste gedruckte Ersatzteil aus Metall, eine Thermostatabdeckung für ältere Lastwagen-baureihen, für den Einsatz freigegeben. Kunststoffersatzteile werden schon länger verwendet. Da die Teile vor Ort gedruckt werden können, entfallen Lager- und Transportkosten. „Die Zahl der gedruckten Teile nimmt in den nächsten Jahren dramatisch zu“, ist sich Kochan sicher.

Stratasys sucht „Digital Natives“ im 3D-Druck

Die deutsche Industrie mit den Autoherstellern und -zulieferern an der Spitze ist nach Kochans Worten der Motor für die additive Fertigung, und das spiegelt sich auch im Umsatz von Stratasys, der im vorigen Jahr 120 Millionen Euro betrug. „Wir rechnen in diesem Jahr mit einem hohen einstelligen Wachstum“, sagt der Geschäftsführer. Kochan schwärmt von den Hidden Champions in der deutschen Industrie und attestiert auch dem Mittelstand insgesamt eine große Offenheit für Innovationen. „Die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ist eindeutig vorhanden.“

Für Kochan und den Stuttgarter Unternehmensberater Hans-Alfred Breuninger, der für Stratasys arbeitet und sich auf diese noch junge Branche spezialisiert hat, ist die additive Fertigung eine völlig neue Art der Produktion, die auch von den Mitarbeitern neue Qualifikationen erfordert. „Bisher gibt es keine richtige Ausbildung dafür“, sagte Breuninger, der zum Beispiel bei den Kammern für die Entwicklung eines entsprechenden Berufsbildes wirbt. „Denn wir brauchen Digital Natives im 3-D-Druck.“

Insbesondere in Deutschland fehlen die Vorkenntnisse

Stratasys hat in Rheinmünster etwa 150 Beschäftigte, die in Verwaltung, Vertrieb und Service arbeiten. Die in Israel und den USA gebauten Maschinen werden vor allem über europaweit 60 Vertriebspartner verkauft. Als Europazentrale unterhält Stratasys in Rheinmünster Test- und Showrooms, in denen das gesamte Maschinenprogramm gezeigt wird. Außerdem helfen Spezialisten den Kunden dabei, Teile zu konstruieren und das Material zu testen. Stratasys stellt nach Kochans Worten europaweit qualifizierte Mitarbeiter ein, vor allem Ingenieure unterschiedlicher Fachrichtung. Das Unternehmen kann seinen Bedarf zwar decken, aber der Geschäftsführer sagt auch: „Insbesondere in Deutschland ist es nicht ganz einfach, Leute zu finden, die bereits gewisse Kenntnisse der additiven Fertigung mitbringen.“

Stratasys und der 3D-Druck
Vor knapp zehn Jahren begannen die 3-D-Drucker, den Massenmarkt zu erobern. Anlass war das Auslaufen der Patente von Stratasys-Gründer Scott Crump. So kamen technisch einfache Geräte auf den Markt, die nur etwa 500 Dollar kosteten. Dass das Thema 3-D-Druck schnell in aller Munde war, ist das Verdienst der sogenannten Maker-Bewegung. Tüftler und Hacker, Hobbybastler und Open-Source-Verfechter in dieser Bewegung einte der Gedanke, mit moderner Technik selbst etwas Neues und Individuelles herzustellen. 
3-D-Drucker für den Privatgebrauch sind seitdem immer leistungsfähiger geworden, verarbeiten aber weiter nur Kunststoff. Stratasys stieg 2013 durch die Übernahme des US-Pioniers Makerbot in den Markt ein.  Die Tochter bedient das untere Preissegment, unterstützt aber auch den Einsatz von 3-D-Druck in der Schule, um Grundlagen zu vermitteln.

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