Startup-Kultur am Arbeitsplatz – ein Mythos?

Startup-Kultur am ArbeitsplatzImmer voller Power - so sollen sie sein, die Startup-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Foto: CC0

Die Startup-Kultur am Arbeitsplatz wird manchmal fast missionarisch verklärt. Aber mehr Selbstreflexion darüber, wann und wo sie ihre Grenzen hat, würde gut tun. Ein Diskussionsanstoß.

„Liebes Team, ich will euch wissen lassen, dass Frau X bei uns beruflich abgeschlossen hat und wir sind begeistert, dass sie ihre Super-Kräfte für ihr neues großes Abenteuer nutzt.“ So hat der US-Journalist Dan Lyons in einem vor eineinhalb Jahren in den USA publizierten Buch über die Startup-Kultur beschrieben, wie man in seinem Startup HubSpot eine Entlassung frischfröhlich inszeniert habe (deutscher Titel: „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“). Die Beschreibung der Unternehmenskultur in einem US-Startup,  das  mit Marketingsoftware für kleinere Firmen sein Geld verdient, liest sich wie Realsatire. Es beschreibt aber wohl über weite Strecken bittere Realität.

Solche Entlassungsmails des Chefs, von denen alle Mitarbeiter in Kenntnis gesetzt wurden, seien surreal und grausam gewesen: „Aber alle bei Hub Spot taten als sei dies völlig normal. Uns wurde gesagt, wir seien Rockstars, wir seien inspirierend und würden die Welt verändern. Aber in Wahrheit waren wir reine Verfügungsmasse.“

Vor hundert Jahren hätten Fabrikarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen und weniger Arbeitszeit gestreikt, sagt Lyons: „Heute feiern die Angestellten im Silicon Valley ihre eigene Ausbeutung.“ Wer zwischen neun und fünf arbeite gelte als „Loser“. „Für einen bestimmte Art von Mensch – normalerweise jung und männlich – bedeuten Entbehrungen einen Teil vom Kick.“

Lyons ist für seine Zuspitzungen kritisiert worden, aber sein Porträt der Arbeitsbedingungen in einem Startup, das fehlende Gewinne mit Marketing-Großspurigkeit kompensiert, kann man nicht nur als Schilderung typisch amerikanischer Exzesse abtun. In den USA ist die Debatte über den Startup-Mythos am Arbeitsplatz längst entbrannt. Denn ob es Startups in Deutschland nun gerne hören oder nicht: Vieles an ihrer Kultur kann seine amerikanischen Wurzeln nicht verleugnen. Sie stammt aus einer Wirtschaftsordnung, der Arbeitnehmerrechte deutschen Musters fremd sind.

In der Frühphase stimmt das Bild – aber dann?

Eins vorab: Man würde der überwältigenden Mehrheit der Gründer in Deutschland Unrecht tun, wenn man ihnen solche, auch ein wenig alberne Exzesse wie bei HubSpot zutrauen würde.  Insbesondere in einer frühen Gründungsphase käme kein Startup von der Rampe, wenn es sich solchen Zynismus leisten würde. Ohne ein funktionierendes, fair miteinander umgehendes Team würden solche junge Firmen gleich wieder von der Bühne verschwinden. Und es ist ein Riesenunterschied für die Startup-Kultur am Arbeitsplatz, ob man am Anfang ein unersetzlicher Entwickler ist – oder später zur Fußtruppe gehört.

Wenn es aber in die Expansion geht, im Startup-Deutsch die „Skalierung“, kommt die Stunde der Wahrheit.

Aggressivität gehört dazu

Wer  Berichte über die knallharte Arbeitsatmosphäre in der Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet liest, der kennt den Preis aggressiven Expansionswillens, der ja als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal eines Startups von einer konventionellen Gründung ist. „Rocket ist kein langfristiger Arbeitsplatz“, sagte eine ehemalige Führungskraft dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Jeder weiß, dass er ersetzbar ist. Erst kommen die Investoren, dann die Kunden und zum Schluss die Mitarbeiter.“ Dazu passt auch der gerade veröffentlichte Berliner Erfahrungsbericht einer Frau, die zwei Jahre die dortige Startupwelt erlebt hat mit der Bilanz: „Traumjob Startup? Vergiss es!“  

Das traditionelle Verständnis eines deutschen Arbeitnehmers passt jedenfalls nicht in diese Welt. Es hat auch gute Seiten, dass in der Startup-Kultur am Arbeitsplatz neue Wege beschritten werden. Zu Recht klagen junge Unternehmen über manche Regulierungen, die an traditionellen Firmen orientiert sind und nicht an ihrer Situation. Allerdings greift auch in Deutschland beispielsweise der Kündigungsschutz erst ab elf Mitarbeitern, also noch nicht in einer sehr frühen Phase der Gründung.

Bitte mehr Selbstreflexion und weniger Missionsgeist

Wer die etablierte Wirtschaft dazu animiert, sich zu hinterfragen, sollte dazu auch als Startup selber in der Lage sein.  Startups sehen sich zu Recht als Gegenpol zur Erstarrung etablierter Firmen. Persönliches Engagement gilt bei jedem Mitarbeiter als selbstverständlich. Und das betrifft vor allem die Bereitschaft, so viel zu arbeiten wie nötig. Viel Geld zu verteilen gibt es am Anfang auch nicht. Die Motivation muss von innen kommen. Grenzen der Arbeitszeit? Gehaltserhöhung? Einzelbüro? Das sind Fremdworte.

Das Versprechen im Gegenzug sind Freiheit und Selbstverwirklichung, Augenhöhe, Autonomie und Respekt. Es ist kein Zufall, dass Startups oft in der Anfangsphase von jüngeren Mitarbeitern geprägt sind, die noch eher mit dem Unternehmen verheiratet sind als mit einer Familie. Das Wort „verheiratet“ trifft diese spezielle Arbeits-Beziehung übrigens perfekt. Wie in einer Ehe sind die emotionalen Erwartungen hoch. „Gut drauf“ zu sein, wie es das Selbstmarketing erfordert, kann zum emotionalen Dauer-Druck werden.

Die Startup-Kultur am Arbeitsplatz hat einen Totalitätsanspruch

Der Mensch wird in dieser Kultur extrem über seine Arbeit definiert, mehr als sich ein Karl Marx je hätte träumen lassen. Totales, auch emotionales Engagement gilt als wichtige Leistungs- und Energiequelle. Doch damit verschwimmt die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit oder zwischen privater und geschäftlicher Person, allem Reden über die „Work-Life-Balance“ zum Trotz. Und manchmal soll auch die eher der Regeneration der Arbeitskraft dienen als der Erkenntnis, dass es auch ein Leben jenseits der Arbeit gibt.

Gewiss: Ohne Besessenheit sind neue Ideen nicht durchzukämpfen. Es geht um eine „Mission“. Das mag für das Gründerteam und die Kernmannschaft zwingend notwendig sein. Bedenklich wird es, wenn dieser Totalitätsanspruch der Startup-Kultur am Arbeitsplatz bis hinunter zum kleinen Mitarbeiter als Selbstverständlichkeit eingefordert wird. Arbeit bis zum Umfallen scheinen bemerkenswerterweise junge Männer cooler als Frauen zu finden.

Beim (großen) Geld hört die Freundschaft auf

Spätestens wenn es um die ersten größeren Finanzierungsrunden geht, wird es mit der einen großen Startup-Familie problematisch. Wenn Investoren mitreden und die Unternehmensanteile wertvoll werden, entsteht auch ohne die nach außen immer noch flachen Hierarchien ein erhebliches Machtgefälle. Wer viele Unternehmensanteile sein eigen nennt, hat andere Interessen und ein anderes Gewicht, als jemand der im Team eher Arbeitnehmerrolle hat. Es ist oft der Moment, wo sich die knallharten Businesstypen von den  Kumpels und Freunden trennen, mit denen sie einst gegründet haben.  Das einzige, was sich  nicht ändert,  sind  dann noch die knappen Gehälter und die langen Arbeitszeiten.

Der Mythos von der Startup-Kultur am Arbeitsplatz wird  von groß gewordenen Firmen zynischerweise oft auch dann noch strapaziert, wenn sich die Ausgangsbedingungen radikal verändert haben. Niemand wird einen Konzern wie Amazon oder Unternehmen wie Uber oder Tesla noch ein Startup nennen. Dennoch wehren sie sich insbesondere in den USA mit Händen und Füßen gegen alles, was nur ansatzweise wie ein traditionelles Arbeitnehmerrecht aussieht. Einer der meistkommentierten Artikel der „New York Times“ in den vergangenen Jahren war die mit vielen Fallbeispielen gespickte Abrechnung mit dem Leistungsdruck bei Amazon. Und selbst Firmen wie Google, die ein besseres Image haben, zeichnen sich durch einen missionarischen Perfektionsdrang gegenüber ihren Mitarbeitern aus, der uns in Deutschland fremdeln lässt.

Mittelstand als Vorbild – statt Amazon

Wenn ein über die Kinderschuhe hinausgewachsener Gründer Vorbilder für die Startup-Kultur am Arbeitsplatz sucht, muss es nicht Amazon sein. Vorbild könnte genau jener Mittelstand sein, dem Startups – zu Recht – mehr Dynamik und Flexibilität beibringen wollen. Hier hat man gelernt mit Spielregeln und Strukturen zu leben und dennoch beweglich zu bleiben. Viele dieser Firmen sind erwachsen und dennoch dynamisch.

Hier überlebt man Arbeitszeitregeln, ja „sogar“ Betriebsräte und Gewerkschaften. Wenn das Beste aus beiden Welten kombiniert wird, hat Deutschland eine Chance, seine eigene Startup-Kultur zu etablieren, ohne immer nur in die Vereinigten Staaten zu schielen. Und Startups in Baden-Württemberg könnten sich mit einer solchen kulturellen Symbiose auch leichter tun als ihre Kollegen in Berlin.

RelatedPost

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER