Slush 2018: Netzwerken in der Finsternis

Slush 2018Reden, reden und nochmal miteinander reden - das Geheimnis der Slush. Foto: Slush

Finnland ist mitten im Winter einer der wichtigsten Treffpunkte für Startups und Innovatoren weltweit. Das Geheimnis der Slush 2018: Der Mensch und nicht die Technologie steht im Mittelpunkt.

„Slush“ heißt auf Englisch „Schneematsch“. Und es gehört trockener finnischer Humor dazu, ein Startup-Event, das im tiefsten, trübsten, dunkelsten Winter von Helsinki stattfindet, genauso zu nennen. „Ist doch schön, dass das Wetter heute kooperiert“, sagt der Conférencier auf der Bühne zur Begrüßung. Der Nieselregen, durch den Zehntausende zur Messehalle von Helsinki stapfen, ist eine klare Verbesserung. Einen Tag vorher war echtes Matschwetter.

Die Teilnehmer kommen von der Dunkelheit ins Dunkle. In der Halle gibt es nur gedimmtes Licht. Morgens geht man vor Sonnenaufgang hinein. Und bis man herauskommt, ist die Sonne am frühen Nachmittag schon untergegangen. Und dennoch ist das Messezentrum, in dem sich im Laufe des Tages die Ausdünstungen von tausenden Menschen zu saunaartigen Schwaden verdichten, binnen zehn Jahren zum wichtigsten Mekka der europäischen Startup-Szene geworden.

Das Stuttgarter Startup Mapstar sucht nach Mit-Visionären

Jonathan Gauger

Shora Shirzad und Jonathan Gauger  vom Stuttgarter Startup Mapstar sind jedenfalls begeistert. Sie sind Teil einer Gruppe von einem Dutzend Startups aus Baden-Württemberg, die mit Unterstützung vom Land und der Standortförderer von Baden-Württemberg international (bw-i) nach Helsinki gekommen sind.

Sie haben eine App entwickelt,  die es jedem Nutzer ermöglicht, virtuelle, dreidimensionale Objekte an reale Orte zu platzieren. Um sie zu sehen, genügt ein Smartphone, das jeder in der Tasche hat. Der Clou: Jeder der die App hochlädt und an denselben Ort kommt, kann sie auf dem Bildschirm ebenfalls anschauen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das virtuelle Objekt kann eine beschriftete Tafel sein oder eine Comicfigur. Oder vielleicht ein im realen Hintergrund eingebettetes Foto oder ein Video. Statt also Erlebnisse nur über Facebook zu teilen, kann man sie an realen Orten für jeden „Follower“ in allen Dimensionen erlebbar machen. Eine verrückte Idee – doch andererseits genau das, woraus das wirklich große Ding werden könnte.

Was in Stuttgart verrückt ist, scheint auf der Slush 2018 normal

Shora und Jonathan – in Helsinki gibt es nur Vornamen –  müssen ganz schnell ganz groß werden, wenn sie den Markt aufrollen wollen. Und dafür braucht es Partner mit einer weltweiten Vision und viel Kapital, die es in Baden-Württemberg nicht gibt.

„In Stuttgart erklären sie dich für verrückt, wenn du mit sowas kommst“, sagt Shora. „In der Region ist man sehr auf die Autoindustrie fixiert. Andere Visionäre werden eher ausgebremst“, sagt Jonathan.  Doch genau für solche Visionen ist Helsinki der richtige Ort. Hier gibt es Vorträge von Startups, die es  binnen fünf Jahren geschafft haben, sich in 140 Ländern zu etablieren.

Hohe Dichte an Kreativität pro Quadratmeter

Nirgendwo sonst auf der Welt läuft auf wenigen Quadratmetern so viel Kreativität und Investorenkapital herum. In Helsinki braucht niemand  durchgetaktete Messekalender. Der beste Moment für beide Stuttgarter war auf der Slush 2018 eine der vielen Netzwerk-Parties in Helsinki – und ausgerechnet eine, bei der sie sich in der Adresse geirrt hatten.  Hinein kamen sie ohne Einladung zwar nicht, doch aufgeben gilt nicht. Shora hing also noch eine Weile herum. „Ich bin dann tatsächlich auf dem Klo angesprochen worden“, sagt er. Und das war nicht irgendwer, sondern der Mitgründer eines großen europäischen Risikokapitalfonds.  Das Ergebnis: Eine Einladung zur Startup-Präsentation.

Einen spannenden Kontakt mit dem Erfinder einer der meist eingesetzten Datenbanken der Welt knüpfte er in einer Rauchpause an der Messehalle. Ein weiterer Geheimtipp: Die Kaffeemaschine am Rande der Investoren-Zone in der Halle. Und nach einer Präsentationsveranstaltung für deutsche Startups stellte sich spontan ein Teilnehmer aus dem Silicon Valley an den Stehtisch. Sein Unternehmen beschäftigt sich wie die Stuttgarter mit Augmented Reality (AR), also der Verbindung von virtueller und tatsächlicher Realität. „Wie weit ist Stuttgart von Hamburg?“, fragte der Amerikaner, der auf Europatour ist. Für ihn war das dann doch zu weit – aber ein Gespräch über Skype ist vereinbart.

Innovation geht nur mit Kooperation

So funktioniert heutzutage das so geannte Netzwerken:  Innovation geht nur mit Kooperation. In geduldiger Aufbauarbeit haben die Veranstalter in Finnland erreicht, dass an einem unmöglichen Ort zu einer unmöglichen Jahreszeit eine der größten Zusammenballungen der Kreativ- und Technologieelite weltweit entstanden ist. Das war nur möglich, weil am Anfang eine nicht profitorientierte Hochschulinitiative stand, keine Standortentwickler, keine Investoren und keine mit Sponsorenmacht auftretenden Großkonzerne.

Nun hängen sich zunehmend etablierte Firmen an, insbesondere die Deutschen.  Bosch und Porsche sind sichtbar präsent, es gibt einen Gemeinschaftsstand verschiedener Bundesländer. Doch im Gegensatz zu den Protzständen auf anderen Messen verlieren sich auch große Namen wie Google oder Facebook im Gewühl.  „Wir zeigen hier keine Autos“, sagt die Porsche-Sprecherin. Das Programm besteht darin, den Startups zu erklären, dass Porsche mit ihnen auf Augenhöhe zusammenarbeite. „Für uns sind Designthemen interessant oder Ideen zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine“, sagt die Sprecherin. Und ganz visionär macht man auch einen Workshop, in dem es um nichts weniger geht als den Sportwagen des Jahres 2050.

Was schafft Finnland, woran Deutschland scheitert?

Deutschland hat es bisher nicht geschafft, ein  Event in derselben Liga zu etablieren. Das vor wenigen Tagen verkündete Ende der IT-Messe Cebit ist ein Menetekel. Allzuoft fokussiert man sich nämlich im Land der Ingenieure auf Technologie.  In Helsinki dreht sich hingegen alles um Menschen und deren Begegnungen. Die Partys am Rande sind so wichtig wie das Messegelände.

Shora  und Jonathan haben zwar schon vor der Veranstaltung ihre „Match-Liste“ zusammengestellt. Aber vielmehr ist die Slush ein Kommunikations-Dauerlauf: Jeder Nebensitzer, jeder Mensch in der Schlange kann potenziell interessant sein.

Platz zum Reden ist auf der Slush 2018 wichtiger als Technikpräsentationen

Shora Shirzad

Die Flächen zum Sitzen, Plaudern,  Kaffeetrinken sind in der Slush-Halle so groß wie die für die Messepräsentationen.  Auf zahllosen Bühnen erzählen Entrepreneure ihre Geschichte.„Ich glaube meine Stimme macht bald nicht mehr mit“, sagt Jonathan. Der Härtetest: Die Kommunikation auf den Partys.  „Das hat einen großen Vorteil: Auf der Tanzfläche vermischen sich alle, da gibt es keine Grüppchenbildung.“   Der Nachteil: „Du musst schreien.“  Pausen sind nicht drin: Die erste Slush-Party startet schon am Vorabend, bevor die Messe losgeht – und geht bis fünf Uhr morgens. Dunkel ist es ja so oder so.

Für Startups wie Mapstar ist die Slush 2018 ein einziger großer Fischzug. Königsdisziplin ist der Austausch der Visitenkarten, doch auch Vernetzungen auf sozialen Plattformen wie LinkedIn gelten genauso als Trophäen. Um konkrete Verhandlungen geht es meist nicht,  Verträge oder Investitionsvereinbarungen werden nicht abgeschlossen. „Es ist eine ganz andere Atmosphäre als bei Events, wo bei jeder Präsentation klar ist, dass Startups von Investoren Geld einsammeln wollen“, sagt Jonathan. „Siebzig Linkedin-Vernetzungen in zwei Tagen – das bekommst du sonst nirgends.“

Kreativität kann nicht geplant werden – Spaß auch nicht

Und Offenheit heißt auf der Slush 2018 auch, dass die Standbetreiber sich nicht daran stören, als Shora und Jonathan ausgerechnet bei Rolls-Royce einen Stehtisch in Beschlag nehmen, um eine  Pause vom Dauer-Kommunizieren zu machen – nicht ohne aus dem Augenwinkel zu peilen, ob der Mann  schräg gegenüber vielleicht einer der Investoren war, der vorher bei ihrer Startup-Präsentation Fragen gestellt hat? Kaum wenden sie kurz den Blick ab, ist er weg. Verpasst.

Doch dann kommen zwei junge Männer an den Stehtisch, schütteln enthusiastisch die Hände und stellen sich vor. Die beiden Ungarn haben eine von Internet und Mobilnetz unabhängige Kommunikationsmöglichkeit zwischen Smartphones entwickelt. Die Stichworte Kommunikation und Smartphone sind Schnittstelle genug.  Begeistert erzählt man einander vom jeweiligen Projekt, als gehe es fast schon um eine Kooperation. Doch auf die Frage, warum  die Ungarn das Stuttgarter Startup so zielsicher angesprochen haben, schauen sie verblüfft. „Ich hatte keine gottverdammte Idee, was die machen“, sagt einer von ihnen lachend und verschwindet – die Visitenkarte von Mapstar in der Hand.

„Wir wollten auf der Slush unsere Idee  auch internationalen Investoren und potenziellen Partnern vorstellen“, sagt Jonathan als Bilanz: „Erreicht haben wir jedoch viel, viel mehr. Im Nachgang werden wir eine Vielzahl weiterer Termine mit Investoren, Startups und potenziellen strategischen Partnern haben. Und wir hatten einfach brutal viel Spaß hier.“

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