Sevdesk – Milliardenchance in der Provinz

SevdeskSevdesk-Mitgründer Fabian Silberer zeigt, dass auch in Offenburg große Visionen reifen können. Foto: Lichtgut/Zweygarth

Startups, die abseits der Metropolen entstehen, sind in Baden-Württemberg zu wenig im Blick – sagt Fabian Silberer, Gründer der erfolgreichen IT-Firma Sevdesk aus Offenburg

Wo entstehen Gründerideen? In einem Berliner Hipster-Café? Auf einer Netzwerk-Party im Silicon Valley? Auf dem Innovationscampus eines IT-Unternehmens? Wie wäre es vielmehr mit einem Bauernhof in der Nähe von Offenburg? Fabian Silberer stammt von einem Aussiedlerhof aus der Oberrheinebene, sein Vater betrieb Maisanbau und Schweinezucht. „Auch ein Bauer ist ein Unternehmer, das habe ich schon früh mitbekommen“ , sagt er.

Und ebenfalls schon früh gab es zu Hause Computer, die Silberer – zum Schrecken seines Vaters – schon im zarten Alter von zehn Jahren auseinanderzunehmen versuchte. Sein erstes eigenes Geld verdiente er dann schon als Teenager mit der Konzeption von Webseiten, bevor er dann an der dualen Hochschule Karlsruhe  Wirtschaftsinformatik studierte.

Sevdesk soll zweites „Unicorn“ aus Baden-Württemberg werden

Seit 2013 hat Fabian Silberer, ursprünglich aus der Garage seiner Eltern heraus, mit der Firma Sevdesk in der Provinz ein IT-Unternehmen hochgezogen, das heute 70 Mitarbeiter hat. Aber das ist aus Sicht des 27-Jährigen erst der Anfang. Die Perspektive Mittelständler sei  zu klein, sagt er: „Natürlich träume ich mal von einem Börsengang. Ich möchte das zweite Milliardenunternehmen aus Baden-Württemberg werden“, sagt er – in Anspielung auf die Göppinger IT-Firma Teamviewer bei der 2014 ein Investor bei einer solchen Unternehmensbewertung einstieg. Er wäre dann ein so genanntes „Unicorn“ (Einhorn) im Jargon des Silicon Valley. Dort hat Silberer bei einem Aufenthalt gegen Ende seines Studiums solche Dimensionen erlebt: „Es ist enorm, mit was für einer Geschwindigkeit man da vorangeht.“

Sevdesk hat ein Rechnungsprogramm und eine Buchhaltungssoftware entwickelt, die einen Markt vom kleinen Selbstständigen bis hin zum größeren Unternehmen bedient. Ausgangspunkt war die Bitte eines Geschäftsmanns, der bei Silberer anfragte, ob er eine Software kenne, mit der er auch vom Tablet aus und von unterwegs Rechnungen schreiben könne. Vor zehn Jahren gab es das noch nicht. Silberer entwickelte die Software deshalb gleich selber. Das ist einerseits ein typisches Produkt für Geschäftskunden, wie man es aus Baden-Württemberg kennt, andererseits aber eines mit enormem Potenzial. „Rechnungen schreiben muss jeder“, sagt Silberer.

Silberer fordert Aufmerksamkeit für Gründer in der Peripherie

Gründen überall im Land, das ist auch eine Vision, die das baden-württembergische Wirtschaftsministerium verfolgt – in einigen Tagen wieder auf dem zweiten Startup-Gipfel BW in Stuttgart. Aber zwischen Vision und Realität klafft eine Lücke, findet Silberer: „Offenburg wird da bisher noch gar nicht beachtet. Was es bisher gibt, ist eher ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

In der nahen IT-Metropole Karlsruhe fand er Ansprechpartner, die ihm bei der Entwicklung seines Unternehmens weiterhalfen. Dort haben man gestaunt, wie wie weit die Autodidakten aus Offenburg beim Thema Marketing gekommen waren. Dennoch: „Jeder denkt sehr regional, nicht an die Großregion. Bei Baden-Baden hört es von dort aus gesehen schon auf.“ Obwohl Offenburg etwa auf halben Weg zwischen Karlsruhe und Freiburg liegt, wird es der Startup-Region Südbaden zugeordnet. „Und in Freiburg ist in Sachen Startups wirklich nicht viel los“, sagt Silberer.

Das Gründen in Offenburg half bei der Fokussierung

Ein Standort an der Peripherie wie  Offenburg habe allerdings durchaus Vorteile, sagt der Sevdesk-Gründer. Was man anderswo „Startup-Netzwerk“ nennt, funktioniert dort über private Beziehungen: Nicht nur sein  Mitgründer, den er an der Hochschule kennenlernte, sondern auch der Grundstock der Mitarbeiter kam über persönliche Kontakte zum Unternehmen. Die gleiche Sprache sprechen, das heißt oft auch: den gleichen Dialekt. „Der erste Mitarbeiter war 2014 mein bester Freund, der eigentlich Waldfacharbeiter war und eine Ausbildung als IT-Systemkaufmann bei uns absolviert hat.“

Es waren Menschen, die sich ganz bewusst für ein Leben in der Region entschieden hatten. Und dieser Pool hat ausgereicht – bisher jedenfalls.  „Es gibt da nicht diesen Krieg um Talente wie in Berlin oder auch schon in Karlsruhe,“ sagt Silberer. So schnell man dort Leute finde, so schnell zögen sie zum nächste Unternehmen weiter, weil dort bessere Bezahlung oder schnellere Karriere winken. Doch in seinem Führungsteam gibt es sogar einen Mitarbeiter aus Berlin, der einige Tage in der Woche extra nach Offenburg pendelt.

„In Berlin rennt man auf hundert Events und lässt sich ablenken.  Wir konnten uns ganz auf unser Unternehmen und unser Produkt fokussieren“, sagt Silberer.

Das Internet macht den Standort irrelevant

Verkaufen aus der Provinz heraus? Das sei kein Problem, sagt der Sevdesk-Gründer: „Das können sie im Internetzeitalter von überall.“ Nach ersten Lernerfahrungen verabschiedete man sich vom konventionellen Vertrieb: „Wir konnten per Telefonakquise nichts verkaufen.“ So war man schon früh dazu gezwungen, modernste Kanäle wie das Internet und soziale Medien zu nutzen. Als die ersten Nutzer von der Sevdesk-Lösung überzeugt waren, wurden sie über diese Kanäle zu den besten Verkäufern. „Gottseidank hat der klassische Weg nicht funktioniert“, sagt Silberer im Nachhinein.

Im Land hat man eine wichtige und ausreichende Finanzierung für die ersten Schritte erhalten. „Als wir von der Sparkasse und der L-Bank 75000 Euro bekamen, war das für uns enorm viel Geld“, sagt Silberer.  Doch nun reichen Karlsruhe oder Stuttgart als Orientierungspunkte nicht mehr. Jetzt bräuchte sein Unternehmen Hilfe beim nächsten Schritt über die Grenzen von Baden-Württemberg hinaus – etwa die Vernetzung mit internationalen Investoren. Weitere Standorte in Berlin und Barcelona sind nämlich schon im Visier.

Hochschulen aktivieren, Förderdschungel lichten

Was wären seine Ratschläge für die Landespolitik? „Was mich extrem stört, ist die Tatsache, dass an den Hochschulen dieser Unternehmergeist nicht genug gefördert wird. Vielen kommt erst gar nicht die Idee zu gründen.“ Es fehle eine Anleitung, wie aus einer smarten Idee am Ende ein Geschäftsmodell werden könne.

Überall,  nicht nur in den Metropolen, brauche es kompetente Anlaufstellen. „Meine Erfahrung ist: Viele Banken und die IHK sind mit dem Thema Startup immer noch überfordert.“    Es gebe insgesamt gute Förderprogramme, sagt er: „Aber die Strukturen, in denen das Geld verteilt wird, sind nicht optimal“. Seine Vision: Eine einzige Stelle, die über alle Förderprogramme und die Unterstützungsmöglichkeiten Bescheid weiß.  Für Gründer sei das bisher ein Dschungel und nur schwer durchschaubar.

Zweiter baden-württembergischer Startup-Gipfel
Zum zweiten Mal nach 2017 lädt das baden-württembergische Wirtschaftsministerium am 1. Februar auf dem Gelände der Landesmesse Stuttgart zu einem Treffen der Startups im Land ein.
Auf 25 000 Quadratmetern  werden sich in Halle 1 der Landesmesse Stuttgart 350 Startups aus Baden-Württemberg und internationalen Partnerregionen sowie 200 Netzwerkpartner aus Beratung, Förderung und Technologietransfer begegnen. Dazu kommen  400 teilnehmende Unternehmesvertreter und Investoren.   Partnerland ist Israel.

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