Paravan Behindertenautos – fast schon autonom

Paravan BehindertenautosUm sie behindertengerecht zu machen, werden Autos bei Paravan gründlich umgebaut. Foto: Paravan/Heinz Heiss

Eigentlich baut Roland Arnold mit seiner Firma Paravan Behindertenautos aus konventionellen Fahrzeugen um. Er beherrscht damit jetzt  schon Technologien, die beim autonomen Fahren wichtig werden.

Deshalb geben sich in der kleinen Gemeinde Pfronstetten-Aichelau (Kreis Reutlingen) auch viele Automanager, Zulieferer und Politiker die Klinke in die Hand.  Arnolds Firma Paravan verfügt über eine Schlüsseltechnologie für den wachsenden Zukunftsmarkt autonomes Fahren – ein elektronisches Lenksystem, das ohne Lenkrad und Lenkgestänge auskommt, die so genannte Drive-by-wire-Technologie.

Die Autos werden über einen Joystick und elektronische Verbindungen gesteuert, auch beim Gasgeben und Bremsen, weil sie für Menschen mit schweren Handicaps konzipiert sind. Paravan ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer für individuell umgebaute Behindertenfahrzeuge und in der Automobilbranche ein gefragter Partner. Der bayerische Autozulieferer Schaeffler, ein Konzern mit rund 90 000 Mitarbeitern, hat mit dem kleinen Familienunternehmen jüngst sogar ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet.

Am Anfang der Paravan Behindertenautos steht ein „Aha-Erlebnis“

Dabei hat Paravan seine Gründung eigentlich einem Zufall zu verdanken. „Ein Aha-Erlebnis“, wie der umtriebige Firmenchef sagt, dem eine Unternehmerkarriere keineswegs in die Wiege gelegt war. Roland Arnold stammt aus einfachen Verhältnissen, verliert in jungen Jahren den Vater durch einen tragischen Unfall – zurück bleibt die Mutter mit vier Kindern und einer kleinen Landwirtschaft. Arnold lernt Kfz-Mechaniker, macht einen Reifenhandel auf, repariert Autos und arbeitet nebenher noch mit seinem Bruder als Mähdrescherfahrer – nach der Grenzöffnung auch in Ostdeutschland.

Paravan Behindertenautos

Firmenchef Roland Arnold. Foto: Paravan

Auf dem Heimweg an einem Augustabend 1996 hat Arnold dann auf einer Autobahnraststätte eine Begegnung, die ihn nicht mehr los lässt. Er hilft einer überforderten Frau, ihren querschnittsgelähmten Mann im strömenden Regen ins Auto zu hieven. Die Frau klagt ihm ihr Leid, wie kräftezehrend die Autofahrten jedes Mal sind, weil sie ihren Mann fast nicht in den Wagen bekommt. Arnold lässt das Thema nicht mehr los.

„Es muss doch möglich sein, dass auch schwerstbehinderte Menschen wieder mobil sind“, beschreibt er seine Idee. Er beginnt in der kleinen Garage auf dem Bauernhof seines Bruders zu tüfteln, wie man Autos behindertengerecht umbauen kann. Er informiert sich über unterschiedlichste Handicaps und Lähmungen, besorgt sich Zahlen über Körperbehinderte und Rollstuhlfahrer, redet mit Uniprofessoren, wendet sich an Institute und Unternehmen, schaut sich an, was es alles auf dem Markt gibt. Klar, Einstiegsrampe oder Lenkhilfe, „aber nichts Gescheites“, also keine maßgeschneiderte Lösungen für einzelne Behinderungen, wie Arnold in seinem unverkennbaren Schwäbisch sagt.

Anfangs erntet er Spott, stößt auf Skepsis und Widerstand, doch der Älbler lässt sich nicht beirren nach dem Motto: „Wenn man mit den Leuten redet, kann man ja nicht dümmer werden.“ Er rödelt weiter. Das habe auch mit dem Unfall seines Vaters zu tun, dass er so „ein Schaffer-Gen“ in sich hat und anderen Menschen helfen will, meint er.

Paravan Behindertenautos  lassen sich mit minimalen Kräften steuern

Im März 1997 lässt er sein Unternehmen im Handelsregister eintragen und den Firmennamen schützen: Paravan, zusammengesetzt aus dem Wort Paraplegie – der medizinische Begriff für Querschnittslähmung – und Van, das bevorzugte Fahrzeugmodell für Paravan Behindertenautos. Im darauffolgenden Jahr präsentiert er einen Prototypen auf Basis eines Chrysler Voyagers, in dem er viele seiner Ideen umgesetzt hat. Auch der Unterboden liegt tiefer als bei Wettbewerbern, damit der Einstiegswinkel für die Rampe flacher ist – und die verschwindet auch noch im Unterboden. Arnold geht auf Messen, bekommt erste Aufträge und Innovationspreise.

Manchmal reicht beim Umbau für die Paravan Behindertenautos ein einfacher Schwenksitz, mal ist komplexe Steuerungstechnik nötig, um Schwerstbehinderte wieder mobil zu machen, die mit ihrem Elektro-Rollstuhl bis vors Lenkrad fahren. Der verankert sich automatisch und lädt sich gleich auf. Je nach Behinderung gibt es beispielsweise Kopf- und Rückenstützsysteme, ein Touchscreen für Blinker, Hupe und Warnblinklicht – sogar Sparachsteuerung ist möglich. Arnold setzt frühzeitig auf die Drive-by-wire-Technologie, die er „Space Drive“ nennt und weiterentwickelt. Damit sind Umbauten für fast jeden Grad von Behinderung möglich.

Selbst wenn der Fahrer nur noch minimale Restkräfte hat, um einen Impuls auszulösen und dann das Auto mithilfe mikroprozessgesteuerter Eingabegeräte steuert, die Signale im Bruchteil einer Sekunde an Servomotoren für Bremse, Gas und Lenkung übertragen. Ein dreifach redundantes System. „Das muss absolut ausfallsicher sein“, sagt Arnold, „denn Menschen, die schwerstbehindert sind, keine Arme oder Beine mehr haben, können nicht einfach ins Lenkrad greifen.“

Das System ist für die Straße zugelassen

Der 53-jährige Paravan-Gründer hat sich das System patentieren lassen und dafür auch die Tüv- beziehungsweise Straßenzulassung. Das macht seine Technologie für die gesamte Automobilbranche interessant. „Damit ist es für das autonome Fahren  in Stufe 4 und 5 – also  voll automatisiert und fahrerlos  – sofort einsetzbar und nachrüstbar“, sagt Arnold. Viele arbeiten mit ihm zusammen, denn seine Technologie steckt in Showcars von Autoherstellern und Zulieferern – darunter auch Audi, Daimler und ZF. Joint-venture-Partner Schaeffler schwärmt: Mit dem Paravan-Deal verschaffe man sich einen riesigen Erfahrungs- und Zeitvorsprung, weil man die Technologie drei oder vier Jahre schneller in Großserie bringen könne.

„Schaeffler ist ein Familienunternehmen. Die ticken wie wir“, sagt Arnold. Er erhofft sich von der Weiterentwicklung der Technologie zur Serienreife, dass die Autos für Schwerstbehinderte erschwinglicher werden. Noch kostet ein Umbau soviel wie das eigentliche Fahrzeug, oft auch mehr. Paravan – mit rund 180 Mitarbeitern und etwa 30 Millionen Euro Umsatz – konzentriert sich weiter auf Umbauten und Rollstühle. Und dann beschreibt der pfiffige Unternehmer, warum er den „tollsten Job“ überhaupt hat. Er berichtet von Behinderten, die trotz schwerster Beeinträchtigungen mit minimalem Kraftaufwand und maximaler technischer Unterstützung dann wieder in die Lage sind, Auto zu fahren. „Die können dann plötzlich wieder entscheiden, wohin sie fahren wollen. Für die ist das eine ganz neue Freiheit.“

Der Gründer will die Firma nicht verkaufen

Im Gästebuch im Foyer, wo auch zahlreiche Fotos von prominenten Besuchern hängen – darunter auch Daimler-Chef Dieter Zetsche und Kanzlerin Angela Merkel –, haben sich viele Paravan-Kunden verewigt, mit teils sehr berührenden und persönlichen Dankesworten. Manche sind prominent, andere nicht. Auch Samuel Koch, der in der TV-Sendung „Wetten dass?“ verunglückt ist und seither im Rollstuhl sitzt, zählt zu den Paravan-Kunden, die im Übrigen aus aller Welt kommen. In der Werkstatt werden unterschiedlichste Fahrzeuge umgebaut – unter anderem auch das für die querschnittsgelähmte ehemalige  Stabhochspringerin und österreichische Politikerin Kira Grünberg, das 2019 ausgeliefert wird.

Anfragen von Interessenten, die sein Unternehmen kaufen wollten, hat Arnold schon oft bekommen. Doch da winkt er ab. Der zweifache Familienvater will lieber das schier Unmögliche möglich machen. Im Sommer hat Paravan sogar einen Caterpillar-Radlader behindertengerecht umgebaut. „Sie sollten mal sehen, wie die Leute sich freuen, wenn wir ein Fahrzeug übergeben“, sagt Arnold.

Paravan Behindertenautos
Die Paravan GmbH wird 2005 gegründet, zuvor was das Unternehmen die Einzelfirma von Roland Arnold. Der Mittelständler wächst stetig, bekommt mehrere Preise, unter anderem auch den Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft. Zeitweise hält auch der Schraubenkonzern Würth die Mehrheit an Paravan, gibt sie aber ab, um dem Familineunternehmen die Zusammenarbeit mit einem Player aus der Automobilbranche zu ermöglichen.
Am Paravan-Sitz Aichelau entsteht über die Jahre ein 50 000 quadratmetergroßer Mobilitätspark. Die Firma, die auf den Bau von Behindertenfahrzeugen, Rollstühlen und Bewegungstrainern spezialisiert ist, betreibt auch eine Behinderten-Fahrschule. 
Im Herbst 2018 übernimmt Schaeffler von Paravan die Drive-by-wire Technologie (Lenktechnologie für autonome Fahrzeuge), die im Joint-venture Schaeffler Paravan Technologie GmbH & Co. KG weiterentwickelt wird. Schaeffler hält daran 90 Prozent, Paravan zehn Prozent der Anteile, wobei Paravan-Gründer Roland Arnold Chef der Geschäftsführung ist.

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER