Medikamentenherstellung der Zukunft – eine Vision

Medikamentenherstellung der Zukunft; Ingmar HoerrIngmar Hoerr will wieder mehr Visionär als Unternehmer sein. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Tübingen ist Forschungszentrum für die Künstliche Intelligenz. Ingmar Hoerr, der bei seiner Biotechnologiefirma Curevac bereits  Milliardeninvestoren im Boot hat, erklärt im Interview, wie das auch die Medikamentenherstellung der Zukunft umzukrempeln hilft. 

Herr Hoerr, merken Sie schon, dass Tübingen durch das 2017 vom Land gestartete  Innovationsprojekt „Cyber Valley“ zur Künstlichen Intelligenz (KI) zum coolen Innovationsstandort geworden ist?
Das ist noch im Werden. Aber man spürt den Aufbruch – da muss ich nur von meinem Bürofenster aus auf die vielen Kräne schauen. Und vor allem merkt man, dass kluge Köpfe aus Wissenschaft und Wirtschaft, die vorher vielleicht nicht so oft miteinander geredet haben, jetzt miteinander sprechen. Ich finde es übrigens sehr gut, dass die Teilnahme von Amazon an dem Programm in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.

Dass es jüngst Hörsaalbesetzungen und Kritik an möglicher militärischer Nutzung der KI gab, finden sie nicht problematisch?
Das ist doch legitim. Wir sollten auch Querdenken dürfen, ja, wir müssen es sogar, wenn wir in eine neue Ära aufbrechen.  Wenn sie nach China schauen, sehen sie Anwendungen von Künstlicher Intelligenz, die wir als offene Gesellschaft niemals haben wollen. Es ist doch viel besser, wenn diese Entwicklung in einer traditionsreichen Universitätsstadt wie Tübingen angestoßen und kritisch begleitet wird, als wenn man das irgendwo auf die grüne Wiese auslagert. Wir profitieren auch von der großen geisteswissenschaftlichen Tradition – etwa dadurch, dass das vom Theologen Hans Küng gegründete Weltethosinstitut mit eingebunden ist. Dass auch Geisteswissenschaftler auf Technologie blicken und nicht nur die Pragmatiker, ist gut.

Aber kann eine kleine Universitätsstadt da überhaupt Impulse setzen?
Natürlich müssen wir europäisch und global denken. Aber es braucht erst einmal einen Kristallisationskeim. Ich glaube, solch ein Cluster im Kleinen aufzubauen, ist viel besser als die Gießkannenpolitik, die es in Deutschland lange gab.

Cyber Valley – Potenzial für zukunftsträchtige Ideen

Gibt es genügend Luft für Startups?
Ich denke schon. Entscheidend sind die Persönlichkeiten. Die jungen Forscher heute haben etwas, was meine Kommilitonen und ich damals in Tübingen nicht hatten: ein Netzwerk, das sie bei einer Gründung begleiten kann. Junge Wissenschaftler müssen im Cyber Valley über den Tellerrand schauen, im Team zusammenarbeiten. Wenn denen eine Idee kommt, die sie für sich selber verwirklichen wollen, können sie jederzeit gründen. Ich bin sicher, dass hier auch spannende und zukunftsträchtige neue Unternehmen entstehen.

Das braucht sicher einen langen Atem. Auch ihr Unternehmen hat lange bis zum ersten marktfähigen Produkt gebraucht.
Ja, das waren insgesamt zwanzig Jahre. In der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre wird es aber nun so weit sein – etwa bei einer Impfung gegen Tollwut. Wir haben anfangs Dinge gemacht, die noch kein anderer getan hat. Das hat schon mal zehn Jahre gekostet. Aber disruptive Ideen brauchen ihre Zeit. Ich mag das Wort disruptiv eigentlich ja nicht so, weil das inzwischen fast inflationär gebraucht wird. Es heißt aber nichts Anderes, als dass etwas Bestehendes vollkommen von etwas Neuem verdrängt wird. Und dass man am Anfang gar nicht sieht, welches Potenzial in der neuen Technologie steckt.

Dachten Sie, dass es so lange dauert?
Natürlich nicht.

Hätten Sie auch dann angefangen, wenn Sie das gewusst hätten?
Selbstverständlich. Ich war mir von Anfang an sicher, dass das funktioniert. Die Komplexität war einfach größer als gedacht, weil wir in Curevac ein komplettes Pharmazieunternehmen abbilden mussten. Was mich aber zurzeit umtreibt ist etwas ganz anderes – und wieder etwas Umwälzendes.

Medikamentenherstellung der Zukunft – mit Drucker beim Arzt

Und was ist das?
In der Grundidee von Curevac, über Erbmaterial den Körper zu programmieren, damit er sich sozusagen seine Medikamente selbst herstellen kann, steckt noch eine viel größere Revolution. Sie könnte tatsächlich die Pharmaindustrie und die Apotheken irgendwann überflüssig machen. Meine Vision ist, dass Patienten die für sie passenden Medikamente in jedem Krankenhaus, ja sogar in jeder Arztpraxis einfach ausdrucken lassen – von einem Gerät, das nicht größer ist als der Computerdrucker auf Ihrem Schreibtisch, quasi wie im Raumschiff Enterprise, wo der Doktor Pille McCoy einfach den Körper scannt und dann das Passende spritzt.

Wie soll diese Medikamentenherstellung der Zukunft gehen?
Bei der Medikamentenherstellung der Zukunft fügt sich unser Thema zusammen: Dank Künstlicher Intelligenz haben Sie heute ganz andere Möglichkeiten der Diagnostik. Viele Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes oder Krebs werden dadurch viel früher erkannt werden können. Die Daten haben wir heute schon auf Halde. Wir wissen nur noch nicht, was wir daraus machen. Mit der von Curevac entwickelten Methode, die menschliches Erbmaterial (RNA) nutzt, könnten Sie für jeden Patienten individuell beliebige Medikamente herstellen: etwa einen Diabetes-Wirkstoff, ein Krebsmedikament oder etwas gegen Alzheimer. Bisher scheitert das daran, dass die traditionelle Medikamentenentwicklung noch viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Diese sieht Individualisierung der Medikamente in aller Regel gar nicht vor, und wenn, dann nur unter immensen Kosten. Mit der RNA geht es. Der Körper produziert dann sozusagen sein eigenes Gegenmittel gegen die Krankheit.

Und was bedeutet das für die Patienten?
Ich bin überzeugt: Es wird irgendwann so weit kommen, dass man viel mehr über Gesundheit als über Krankheit reden wird, weil Krankheiten so wie wir sie heute kennen vielleicht gar nicht mehr vorkommen. Sie könnten damit das ganze Thema Altern angehen. Den Tod werden wir natürlich nicht besiegen können, aber die Menschen könnten bis zuletzt fit bleiben.

Und  bis die Medikamentenherstellung der Zukunft kommt, dauert das noch einmal 20 Jahre?
Solch ein Umbruch kostet natürlich Zeit. Und es müssen auch Rückschläge einkalkuliert werden. Aber technisch sind wir gut vorangekommen, Wir haben schon einen Prototypen gebaut und die  globale CEPI-Impfstoff-Allianz überzeugt, das Projekt mit 30 Millionen Euro zu fördern. Natürlich muss man die derzeitigen althergebrachten Regulierungs- und Genehmigungsprozesse berücksichtigen und eventuell Anpassungen vornehmen. Vor allem brauchen wir die richtigen Gesundheitsdaten. Hier sind wir bei komplexen Krankheiten auf Künstliche Intelligenz angewiesen. Manche Impfstoffe könnten im Notfall – zum Beispiel beim Ausbruch einer Pandemie – vielleicht schon in den nächsten fünf Jahren gedruckt werden. Medikamente für komplexere Krankheiten werden wohl ein längeres Zeitfenster für die Entwicklung benötigen.

Begreift die Pharmaindustrie, was diese Medikamentenherstellung der Zukunft für ein Beben  sein könnte?
Schwer zu sagen. Ich hoffe, dass die Pharmaindustrie es als erste begreift. Sonst könnte das ganz andere Konkurrenten auf den Plan rufen, etwa Nahrungsmittelkonzerne, die heute schon „Gesundheit“ in Form von Lebensmitteln verkaufen oder die großen KI-Giganten selbst, die alle jetzt schon riesige Datenbanken zur Gesundheit erstellen und noch nicht wissen, wie all die Daten in die Entwicklung von Medikamenten überführt werden können. Ja, mancher sagt vielleicht, der Hoerr ist ganz schön durchgeknallt – wie schon vor 20 Jahren. Aber ich bin überzeugt: es wird früher oder später so kommen.

War das der tiefere Grund, warum Sie 2018  an die Spitze des Aufsichtsrats gewechselt sind?
Ja. Ich will an dieser starken Vision, die im Kern eine medizinische Revolution darstellt, unbedingt arbeiten Ich hatte im normalen operativen Geschäftsbetrieb einfach nicht die notwendige Ruhe und Zeit dafür.

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