Johannes Strachwitz – vom Hip-Hop zur Blockchain

Johannes StrachwitzJohannes Strachwitz hatte in seinem Leben immer wieder neue unternehmerische Ideen. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Der Stuttgarter Hip-Hop-Entrepreneur Johannes Strachwitz erfindet ein neues Festival, das sich ganz um die innovative Technologie der Blockchain dreht.

Interviewtermin in einer Agentur: Altbau, geräumiges Entree, links ein Schnapsschränkchen aus den 50ern, darüber ein Bild des amerikanischen Street-Art-Künstlers Shepard Fairey. Daneben eine Reihe Klappsitze, die so aussieht, als wäre sie kurz nach dem Wunder von Bern aus einem Stadion abgestaubt worden. Der Boden: natürlich Fischgrätparkett. Köln, Berlin, Hamburg: Diese Agentur könnte in jeder größeren Stadt residieren. Wer länger die Eingangs-Wand betrachtet, dem offenbaren sich aber irgendwann die Ziffern 0, 7, 1 und 1.

Willkommen also in Stuttgart, willkommen bei der Agentur 0711, die ihren Lokalpatriotismus in die Firmen-DNA integriert hat. Angefangen als Kommandozentrale der hiesigen Hip-Hop-Szene, hat es die Firma längst zu einem ernstzunehmenden Vertreter der Branche mit dem etwas sperrigen Namen Kreativwirtschaft gebracht. Früher haben die 0711er Clubs betrieben und die Hip-Hop-Open veranstaltet. Heute bringt die Agentur Unternehmen die nötige Portion Popkultur bei, wenn es um Produkte, Marketing oder Events geht – und erfindet nebenbei eigene Veranstaltungen: zum Beispiel ein Blockchain-Festival, das erstmals am 21. Februar stattfindet.

Johannes Strachwitz kam  2012 mit der Blockchain in Berührung

Wie kommt man darauf, eine Veranstaltung zu der Technik aus der Taufe zu heben, die unter anderem hinter der Bitcoin-Währung steckt? „Ich bin das erste Mal im Herbst 2012 mit dem Thema Blockchain in Berührung gekommen, als ich angefangen habe, in Bitcoins zu investieren“, erinnert sich Johannes Graf von Strachwitz, der die Agentur 1996 als 0711 Büro mit seinem Kompagnon Jean-Christoph „Schowi“ ­Ritter gegründet hat. „Kryptowährungen sind aber nur ein einziger Anwendungsbereich, der auf Grundlage der Blockchain-Technologie geschaffen werden kann.“ Mit der Technik seien darüber hinaus ganz neue Möglichkeiten entwickelt worden, die etwa bei der Echtheitsprüfung von Zulieferteilen oder Dokumenten zum Einsatz kämen.

Und dennoch: Es ist ein weiter Weg von deutschem Rap zur Internet-Verschlüsselungstechnik. Eine solche Strecke kann man nur gehen, wenn man über den Tellerrand schaut und vor Neuerungen keine Angst hat. Johannes Strachwitz, den alle nur Strachi nennen, ist so einer, der sich als Entrepreneur immer wieder neu erfindet.

Strachwitz hat Hip-Hop in Stuttgart eine Struktur gegeben

Anfangs hat der 45-Jährige, der sein Wirtschaftswissenschaften-Studium an der Uni Hohenheim abgebrochen hat, als Strukturen-Geber seinen Beitrag geleistet für den Erfolg von Hip-Hop in den 90ern in Stuttgart, der vor genau 20 Jahren seinen Höhepunkt erreichte, als sich vier Alben aus der Landeshauptstadt gleichzeitig an der Spitze der Charts tummelten. Das 0711 Büro war einer der Treffpunkte,  an dem sich der hiesige Hip-Hop-Zusammenschluss Kolchose im ehemaligen Radio-Barth-Gebäude am Rotebühlplatz sammeln konnte. „In erster Linie deshalb, weil wir ein Sofa zum Rumhängen hatten und über uns die Modelagentur von Markus Brodbeck beheimatet war. Wir hatten gute Aussichten zu bieten.“

Parallel zum Rap kam der Fußball: Nachdem Johannes Strachwitz mit dem 0711 Club auf dem Pragsattel einen der erfolgreichsten Hip-Hop-Clubs Deutschlands betrieben hatte, initiierte er eine Party-Reihe im Perkins Park, bei der die VfB-Meister-Generation um Fernando Meira feierte. Strachwitz führte die Fußball-Profis hinter die Kulissen der Hip-Hop-Open oder zu anderen großen Rap-Konzerten, bis er schließlich selbst Teil des Fußballgeschäfts wurde.

Vom Hip-Hop-Mogul zum Spielerberater

Heute ist er zertifizierter Spielerberater und Teilhaber der Agentur Apertura, die sich auf Fußballer aus Südkorea spezialisiert hat. Wer etwa für seine Betriebssportgruppe noch einen fähigen Rechtsaußen sucht, kann sich an Strachwitz wenden. Sein Spieler Chang-hun Kwon, derzeit beim FCO Dijon in der französischen Ligue 1 unter Vertrag, wäre laut dem Portal Transfermarkt.de für eine Ablösesumme von 7,5 Millionen Euro zu haben.

Das Netzwerk der Agentur umfasst laut Firmen-Website zwölf verschiedene Themenbereiche, die sich um Popkultur und Fußball drehen. Jetzt kommt noch das Blockchain-Festival hinzu. Wie haben sich die 0711er in dieses Feld eingearbeitet? „Ich bin vom Wesen her kein Techie. Deswegen habe ich eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das eigentlich Revolutionäre beim Bitcoin die damit einhergehende Erfindung der Blockchain ist.“

Johannes Strachwitz sagt, wieso das Festival nicht in Berlin stattfindet

Dass die Verschlüsselungstechnik unter anderem in der Kritik steht, weil sie unverhältnismäßig viel Energie verbraucht, weiß Strachwitz. Er betont die Vorzüge, die das System seiner Meinung nach mit sich bringe: „Wenn wir die Blockhain als einen Fortschritt in der Evolution des Internets sehen, haben wir nun ein Netzwerk für den sicheren Austausch von Wert.“

Wieso findet das Festival in Stuttgart statt und nicht in der Start-up-Hochburg Berlin? „Was es in Stuttgart bereits gibt, ist eine starke Community, die vielleicht sogar stärker, wenn auch deutlich kleiner ist als  die in Berlin. Diese Gemeinschaft wird von sehr fähigen und aktiven Akteuren ­vorangetrieben“, sagt Strachwitz. So gebe es zum Beispiel das „Blocklab“, ein ­Netzwerk für Blockchain-Technologie in der Region Stuttgart. Und im vergangenen Jahr fand erstmals ein Blockhain-Hackathon – ein kreatives Treffen von Software-Entwicklern – in Stuttgart statt, organisiert von der BWCon, der Wirtschaftsinitiative, die den hiesigen Hightech-Standort fördern will.

Auch bei einem Blockchain-Festival muss die Dramaturgie stimmen

Zum Ende des Interviews einmal kurz Luft holen auf dem Balkon der Agentur, von dem aus man eine beneidenswerte Sicht über den winterlichen Kessel hat. Zurück im Besprechungsraum fällt der Blick auf Goldene Schallplatten an der Wand und auf ein VfB-Trikot, das die 0711er für den Verein aus Bad Cannstatt gestaltet hatten. Kurzes Geplauder über die legendären Hip-Hop-Open. Kann man die Expertise, die man sich da erarbeitet hat, für ein komplett anderes Festival verwenden? „Inhaltlich eher weniger. Man braucht aber einen gewissen dramaturgischen Ablauf. Da sehe ich durchaus Parallelen. Ansonsten sind das zwei komplett unterschiedliche Events, aber jedes in seiner speziellen Art besonders für uns“, sagt Strachwitz und verabschiedet sich. Der nächste Termin des Entrepreneurs zwischen Popkultur, Fußball und Blockchain steht an.

Blockchain-Events in Stuttgart
Das erste Blockchain Future Festival (BCFF) findet am 21. Februar ab 10 Uhr im Perkins Park auf dem Killesberg statt. Der Fokus der Veranstaltung liegt auf dem Thema „Blockchain trifft Industrie“. In Vorträgen, Workshops und Roundtables soll unter anderem gezeigt werden, welche Firmen und Projekte im Bereich der neuartigen Verschlüsselungs-Technologie es gibt und wie Unternehmen von ­dieser Expertise profitieren können.  Alle relevanten Infos zur Veranstaltung, zu den Partnern und Referenten finden sich  unter www.blockchainfuturefestival.de.
Kurz zuvor gibt es eine weitere Veranstaltung rund um das Thema Blockchain. An der Hochschule für Technik findet vom 15. bis 17. Februar der zweite Stuttgarter Blockchain Hackathon statt. Dort werden 150 Teilnehmer –  vom Unternehmer, über IT-Experten bis zu Studierenden – innovative Konzepte rund um diese Technologie entwickeln. Eingeladen wird von der Wirtschaftsinitiative Bwcon und dem BlockLAB. Zu gewinnen sind Preise im Wert von 15 000 Euro.

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