Hobbyhimmel bietet Heimwerkern ein Refugium

HobbyhimmelMartin Langlinderer im Hobbyhimmel. Foto: Popowska

Martin Langlinderer hat mit dem Social-Startup Hobbyhimmel in Stuttgart-Feuerbach seine Idee einer offenen Werkstatt für jedermann realisiert. An sieben Tagen in der Woche kann hier gewerkelt, repariert und mitgearbeitet werden.

Es gibt sie, diese berühmten Schlüsselmomente, die dem Leben eine völlig neue Wendung geben. Martin Langlinderer hatte so ein Erlebnis. Der 36-Jährige wollte einem Freund zum Geburtstag einen Bilderrahmen bauen und brauchte dringend eine Kreissäge. Im Leihcenter eines Baumarkts hatte er Pech. „Von den dreien war eine kaputt, die zweite verliehen und die dritte gab es gar nicht mehr“, erinnert er sich. Seine zweite Station, eine Mietwerkstatt im Remstal, hatte unverhofft zu. Als er in den folgenden Tagen auch bei keinem Schreiner weiterkam, weil niemand seinetwegen Überstunden machen wollte, hätte er beinahe eine gekauft. Doch eine teure Maschine kaufen, die man nur einmal braucht? Schließlich fragte er sich: „Wieso gibt es nichts, wo man jeden Tag einfach hingehen, sein Zeug bauen, zahlen und wieder gehen kann?“ Das war vor drei Jahren.
Seitdem ist im Leben von Martin Langlinderer, der schon immer gerne gewerkelt hat, viel passiert. Der Idee, Stuttgarts erste offene Werkstatt zu eröffnen, die landesweit ihresgleichen sucht, folgten ein Konzept und schließlich – nach langer Standortsuche – die Eröffnung des Hobbyhimmels im IW8 in Feuerbach.

Nach Herzenslust sägen ohne die Nachbarn zu nerven

Der Hobbyhimmel erstreckt sich über 300 Quadratmeter. Es gibt unter anderem eine Holz- und eine Metallwerkstatt sowie eine Schweißkabine. Dazu kommen ein Lasercutter, ein 3-D-Drucker und eine CNC-Fräse. In den Regalen hinter der langen Theke am Eingang türmen sich Werkzeuge und Kisten, darin Schutzbrillen, Öle, Lötzubehör. Wer etwa drei Schrauben oder ein bestimmtes Klebeband braucht, wird hier fündig. Keiner soll eine Packung Schrauben kaufen müssen, wenn er nur drei braucht. Sieben Tage die Woche kann jeder ohne Anmeldung herkommen und von 13 bis 23 Uhr, samstags und sonntags gar von 10 Uhr an, nach Herzenslust bauen, reparieren oder an verschiedenen Kursen teilnehmen.
Es ist Samstagnachmittag. Während ein Pärchen, das zum ersten Mal vorbeigekommen ist, eine kurze Einweisung von Martin Langlinderer bekommt, sind die Besucher der Metallwerkstatt schon weiter. Stefan Pfaff gibt einen Kurs im Metallgießen. Während es draußen frostig ist, läuft dem gelernten Gießereimodellbauer in der Werkstatt der Schweiß die Stirn hinunter. „Das sind circa 800 Grad“, sagt er, als er den glühenden Topf aus dem Feuer nimmt und das flüssige Aluminium in die Form gießt. Wie viele andere, ist auch Pfaff rein zufällig über den Hobbyhimmel gestolpert. Seitdem engagiert sich Pfaff in der Werkstatt, kümmert sich um die Maschinen und gibt hin und wieder Kurse. „Ich habe zwar alles auch zuhause, doch hier ist es viel netter“, sagt er. Der Austausch mit den Hobbywerklern sei schön. Außerdem würden sich zuhause die Nachbarn wohl daran stören, wenn man abends oder am Wochenende werkeln würde.

Für den Hobbyhimmel 100 Stunden die Woche im Einsatz

Eine Stunde kostet zwei Euro, ein Tag zehn, für Spezialgeräte bezahlt man extra. Ohne Menschen wie Stefan Pfaff, die sich ehrenamtlich engagieren, wäre der Hobbyhimmel nicht zu den Konditionen möglich. Auch wäre das Angebot ohne die vielen Unterstützer, die Werkzeug und Gerätschaften spenden oder dem Hobbyhimmel als Dauerleihgaben überlassen, wohl deutlich abgespeckter. „Wir könnten noch einige Menschen brauchen, die sich engagieren möchten“, sagt Langlinderer.
Er hat den Anzug längst gegen Kleidung, der man die Arbeit ansieht, getauscht. Wenn der Wirtschaftsingenieur, der seinen Beruf vorerst aufgegeben hat, nicht gerade eine der zahlreichen Anfragen beantwortet, telefoniert er, räumt hier und da auf oder etwas um. Seine Tage sind lang, die Freizeit rar. Wenn die ersten Hobbywerkler um 13 Uhr den Hobbyhimmel betreten, hat Martin Langlinderer schon einige Zeit gearbeitet. „Ich bin bestimmt 100 Stunden in der Woche hier“, sagt der. Nicht selten ist er schon am frühen Morgen irgendwo zugange, weil ihm jemand etwas für die Werkstatt geschenkt hat. Vor ein paar Tagen etwa hat ihm eine Privatperson eine Industrie-Absauganlage überlassen. Also ist er an jenem Freitagmorgen früh aufgestanden und hat mithilfe seiner Freundin die Anlage erst abgebaut, sie in sein Auto verfrachtet und in den Hobbyhimmel gebracht.
50 000 Euro hat er selbst in die Werkstatt gesteckt. „Anfangs wollte ich noch Geld mit dem Hobbyhimmel verdienen“, sagt er. Doch je mehr er sich mit Nachhaltigkeit und ökologischen Aspekten beschäftigte, desto mehr verdrängten diese Themen seine finanziellen Interessen. „Wenn es ums Geld ginge, hätte ich schon lange aufgehört.“

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