Establishment und Hacker – Umarmung aus Kalkül?

Establishment und HackerIT-Querdenker können sich inzwischen vor freundlicher Aufmerksamkeit des Establishments kaum retten. Foto: Unsplash/Imgix

Nicht nur auf Events wie der Berliner Republica ist der Trend zu beobachten, dass Mächtige aus Wirtschaft und Politik beim Thema Digitalisierung die Querdenker umarmen. Establishment und Hacker – eine Analyse.

Warum suchen Manager und Politiker zunehmend die Tuchfühlung mit einem kritischen Publikum von IT-Experten und Internetfreaks? Einfache Antwort: Wenn Establishment und Hacker zueinander finden, dann ist das ein Zeichen dafür, wie das Technische und Ökonomische in der Digitalisierung zunehmend politisch wird. Zu lange hat man sich jeweils in eigenen Welten bewegt, die miteinander wenig in Berührung standen.

Zu einer Gruppe zählen die Technologieunternehmen, die in nie geahntem Tempo ihre Innovationen auf den Markt werfen. Das Motto: Alles Neue ist gut und nützlich – die Nutzer müssen das halt nur begreifen. Besonders aggressive Unternehmen wie der Fahrdienstleister Uber ignorierten da sogar Gesetze.

Daneben steht die Politik, den Trends meist hinterherhinkend, hin- und hergerissen zwischen der Sorge um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und dem Unbehagen über manche gesellschaftliche Konsequenzen.
Und da gibt es als dritte Expertengruppe noch diejenigen, die man mit einem inzwischen etwas aus der Mode gekommenen Begriff als „Hacker“ bezeichnet. Dies nun salonfähigen IT-Freaks sind Experten, die einerseits technologisch auf der Höhe der Zeit sind, sich aber weder von politischer noch ökonomischer Seite vereinnahmen lassen wollen. Dies ist das Milieu, dem etwa die Berliner Digitalkonferenz Republica entsprungen ist – und sich mit dieser Perspektive in Europa eine führende Rolle erarbeitet hat.

Die Technik ist da – es fehlen die Regularien

Es ist bemerkenswert, wie die offeneren Geister unter den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik nun den Austausch genau mit dieser sperrigen Klientel suchen. An innovativen technischen Ideen – ob für vernetzte Städte, autonome Autos, neue Medien oder Künstliche Intelligenz – mangelt es nicht. Was fehlt, sind die Leitlinien und die Regularien, wie wir damit umgehen.

Dass alles der Markt und die Bedürfnisse der Konsumenten regeln – diese vom Silicon Valley gepredigte, libertäre Fortschrittsideologie hat ihre Überzeugungskraft verloren, vor allem in Europa, aber nicht nur dort. Wie ist der richtige, europäische Weg zwischen kalifornischem Laisser-faire und Chinas totaler Kontrolle? Das ist eine Frage, die nicht auf Start-up- und Investorenforen beantwortet werden kann. Sie braucht eine Debatte mit vielen Perspektiven. Das haben durchaus auch Traditionsbranchen wie die Autoindustrie begriffen. Die Haltung zur Mobilität steht vor einem radikalen Wandel, vor allem in Städten und Ballungsräumen. Wer hier nicht ab und zu aus seiner Blase herausblickt, riskiert langfristig seine Relevanz – da mag die heutige Lobbymacht noch so groß sein.

Establishment und Hacker – Zeichen für Politisierung?

Die Rückkehr des Politischen ist inzwischen ein Modebegriff. Sie schlägt sich teilweise in unangenehmen Aspekten wie einer wachsenden Polarisierung der gesellschaftlichen Lager nieder. Doch sie bedeutet auch, dass die Bereitschaft, ökonomische Gewissheiten und vermeintliche Sachzwänge zu hinterfragen, so groß ist, wie schon lange nicht mehr. Auf dem Feld der Digitalisierung ist der Bedarf an einer offenen Debatte über deren Konsequenzen besonders groß. Diese Revolution umfasst sämtliche Aspekte unseres Alltags vom heimischen Herd bis zur Politik. Das Private und Gesellschaftliche lässt sich gerade hier vom Politischen und Ökonomischen überhaupt nicht mehr trennen.

Die Diskussion um die Digitalisierung braucht gleichzeitig technische wie politische Kompetenz, wie sie die Querdenker der IT-Revolution schon lange gepflegt haben. Insofern ist es ein gutes Zeichen, wenn Establishment und Hacker zum Dialog finden. Allzu kuschelig sollte es allerdings nicht werden. Wenn Politiker in hohen Ämtern oder gar Wirtschaftsbosse plötzlich anfangen, sich  IT-Freaks als Sparringspartner zu halten, sollten die sich fragen, ob sie vielleicht doch irgendetwas falsch gemacht haben.

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