Erstes Gründer Speed Dating in Stuttgart

Gründer Speed DatingAuch wer keine Mitstreiter findet, lernt interessante Ideen kennen; Foto: Lichtgut/Zweygarth

Gründer Speed Dating  klingt  nach Partnervermittlung. Doch wer in der Superschanke in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofes auf das erste offene Stuttgarter „Co-founder -Speed Dating“ blickt,  erkennt ganz andere Begehrlichkeiten.

Ziel des Treffens in der traditionellen Lokalität des Stuttgarter Startup-Events Gründergrillen ist es,  in einer  spontanen Runde unter Zeitdruck nach Mitstreitern für die eigenen Geschäftsidee zu fahnden oder Anschluss an ein Gründerteam  zu finden. Weiterführende Dating-Gedanken sind schon insofern Fehlanzeige, weil der – bei Gründer-Events durchaus typische – Männerüberschuss  etwa bei 30 zu drei liegt.   Viele der Gründungsinteressierten, die an sechs Tischen stehen oder sitzen,  würden am liebsten eine der Diven der Gründerwelt, einen der begehrten IT-Entwickler treffen.  Doch die machen sich, wie   Diven so sind, an diesem Abend rar.  IT-Experten und Code-Bastler wissen nämlich, dass sie auch abseits eines Gründer Speed Dating immer Anschluss finden.
Doch die Nachfrage für die Stuttgarter Premiere des lockeren Netzwerk-Events, bei dem neben der (Gründungs-)Partnersuche  der persönliche Austausch im Mittelpunkt steht,  ist  groß. Teilnehmer aus Tübingen, Konstanz, Geislingen oder sogar München haben hierhergefunden. Fast doppelt so viele wie angemeldet sind gekommen, was die Veranstaltungsfläche aus allen Nähten platzen lässt.

Beim Gründer Speed Dating zählt nur der Vornamen

Kathleen Fritzsche von der Start-up-Plattform Accelerate Stuttgart, die im Auftrag der veranstaltendenWirtschaftsförderung der Region Stuttgart das Event moderiert, hat etwas Mühe,  den sich sofort in Gespräche vertiefenden Pulk, in dem man sich  nur mit Vornamen präsentiert,  in Bewegung zu bringen.  „Drei weitergehen, zwei bitte stehenbleiben“, so lautet die Regieanweisung alle zehn Minuten, nach denen sich wieder eine neue Gruppe konstituieren muss. Und so driften  auch der Stuttgart-Hohenheimer Betriebswirtschaftsstudent Sascha, der Konstanzer Jurist Christian und der gerade zum Gründer gewordene  Finanzberater Gauthan  aus Stuttgart von Tisch zu Tisch. Alle sind sie Mitte zwanzig und kurz vor oder nach dem Studienabschluss. Sie hören von digitalen Vermittlungsplattformen für Lehrlinge oder Unternehmen, erfahren nebenbei von einem System, das Online-Umfragen effizienter und attraktiver werden soll, einer Mode-App oder computergesteuerten Hilfsprothesen für Gelenke.   Es ist diese Offenheit, die den Reiz der geselligen Startup-Anarchie ausmacht.
Die drei Teilnehmer, für die das Veranstaltungsformat noch neu ist, sind mit sehr unterschiedlichen Erwartungen  gekommen. Sascha will sich nur einmal umschauen, ob ein Unternehmen, seine Talente als Marketingexperte gebrauchen kann. „Es ist nicht so wichtig, was es genau für eine Idee ist: Es muss von den Leuten halt passen“, sagt er. Christian hat dafür eine Idee, die auf jemanden wartet, sie umzusetzen: „Mir schwebt eine Plattform vor, die es Studenten erleichtert, Informationsbroschüren von verschiedenen Hochschulen zu halten“, sagt er. Auch Abiturienten wollen seinen Marktuntersuchungen nach  am liebsten gedruckte Broschüren in die Hand zu bekommen. „Die meisten Webseiten der Hochschulen sind viel zu kompliziert. Und die Leute sind faul, “ sagt er. Sowohl die Nutzer als auch die auf nicht abgeholten Broschüren sitzen bleibenden Universitäten seien im Prinzip bereit, für einen solchen   Service zu bezahlen, meint er. Selber Gründen will er aber nach einer ersten Erfahrung mit einem Studienvergleichsportal, das er nach einigen Jahren an einen Verlag verkaufte, aber nicht mehr. Zeitaufwand und Ertrag hätten da  nicht gestimmt: „Ich will das ganz altruistisch an jemanden abtreten“. Reich könne man dabei nicht werden: „Aber man tut etwas Gutes.“.  Gauthan will hingegen einfach  Unternehmergeist schnuppern – und sich Ermutigung für sein Projekt einer fairen Finanzberatung holen. Auch er ist, entgegen dem Gründer-Klischee,  ganz offline ausgerichtet: „Die Leute wollen den persönlichen Kontakt.“

Zur Gründerkultur gehört trotz  Digitalisierung der persönliche Kontakt

Und dies ist auch der Schlüssel, warum zu der digitalisierten Startup-Welt Events wie das Gründer Speed Dating gehören, die Menschen zusammenbringen: Gründen braucht Teamgeist und Vertrauen. „Die Nachfrage ist da“, sagt Kathleen Fritzsche. Bisher wurden Speed-Dating-Events in der Region Rahmen von Hochschulen veranstaltet – etwa im vergangenen Herbst von der Hochschule Esslingen. „Jedesmal ist die Teilnehmerzahl größer geworden,“ sagt Fritzsche.
Christian findet zwar niemand, der seine Idee vom Broschürenversand übernehmen will, aber dafür erhält er viele Anregungen. „Nenne dein Ding doch My–Studi-Box“, sagt einer in Anlehnung an das Stuttgarter Start-up My Couchbox, einem Versender von Süßwaren-Überraschungsboxen. Auch Gauthan fühlt sich durchaus inspiriert, auch wenn die Diskutanten sich nicht so gerne am trockenen Thema Finanzdienstleistung, sondern lieber an technologischen Konzepten oder cleveren Plattformideen abarbeiten.
Manchmal scheint der Ideenaustausch wichtiger als die systematische Suche nach einem passenden Gründer-Partner. Am populärsten beim Dating ist am Ende in der Dreiergruppe der Betriebswirtschaftler – denn neben den Programmierkünsten ist das oft eine Kompetenz, die in Gründerteams fehlt: Es braucht noch jemand, dem das Klinkenputzen bei der Vermarktung Spaß macht. „Wir benötigen genau eine solche Nervensäge“, sagt einer aus dem  Gründerteam für die Lehrlings-Vermittlungsplattform. „Brauchst gar  nicht weiterreden, du bist doch nur ein BWLer. Wir suchen aber einen Programmierer!“, frotzelt hingegen ein anderer Dating-Teilnehmer.  Seine Mailadresse  tauscht der Hohenheimer Student am Ende mit einem  Stuttgarter Gründer, der computergesteuerte Hilfsprothesen für Gelenke entwickelt hat – und der bevor Sascha den Mund aufmachen konnte, schon den gewünschten Betriebswirtschaftler witterte: „Brauchst gar nicht weiterreden…“

Noch mehr Innovationen...

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER