Fahrräder als Vehikel der Inklusion

InklusionGert Wiedemann mit einigen seiner Bikes. Foto: Horst

Gert Wiedemann ist auf Fahrräder spezialisiert, die sich an Kranke und Behinderte richten. Er hat nun auch ein Rad entwickelt, mit dessen Hilfe Demenzkranke ihren Radius erweitern – ein Stück Inklusion.

Was aus eigenem Interesse begann, hat sich für Gert Wiedemann zur Herzenssache entwickelt: Der Eislinger motorisiert spezielle Fahrräder und richtet sie ein für Menschen, die herkömmliche Drahtesel nicht mehr benutzen können. Eigentlich hat Wiedemann nur für sich selbst vorsorgen wollen, doch dann wurde daraus eine ganz neue Berufung. Der ehemalige Maschinenbauer, der Prüfautomaten für die Automobilindustrie entwickelte und eine Zeit lang als Glaskünstler unterwegs war, gilt mittlerweile als Spezialist für Inklusionsfahrräder, die Kranken und Behinderten ganz neue Regenerationsmöglichkeiten eröffnen.
Das gehe so weit, dass Querschnittsgelähmte wieder erste Schritte selbst gehen könnten, sagt Wiedemann. Inklusion im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Phänomen, dem mittlerweile auch anerkannte Therapeuten und Ärzte auf der Spur sind und das in klinischen Studien nun auch erkundet werden soll.

Auch ehemalige Spitzensportler nutzen die Räder

Zu seinen Kunden zählen unter anderem Spitzensportler, mit deren Namen (und deren Unglück) Gert Wiedemann allerdings keine Werbung für seine Sache betreiben will.Begonnen hat alles vor gerade einmal fünf Jahren aus purem Eigennutz. „Mir stand eine Hüft-OP bevor. Weil ich aber nicht aufs Radfahren verzichten wollte und damals die ersten E-Mountainbikes zu hässlich waren, habe ich mir selbst ein Rad zum E-Bike umgebaut“, berichtet der heute 63-Jährige, dem die Tüftelei im Blut zu liegen scheint.
Es folgten Aufträge für Bekannte, darunter auch eine Frau, die unter Multipler Sklerose leidet. „Wir haben dann nach einem Rad für sie gesucht“, erzählt Wiedemann. Dabei sei er auf den „Easy Rider“, ein pfiffiges Dreirad aus den Niederlanden gestoßen. Das eigne sich für MS-Erkrankte besonders gut. Die Bekannte war begeistert und Wiedemann eröffnete sich ein neues Betätigungsfeld: Er richtet derlei Gefährte für Menschen ein, die MS oder eine Querschnittslähmung haben, unter Parkinson oder den Folgen eines Schlaganfalls leiden oder ähnliche Handicaps haben. Aus einem Umkreis von 250 Kilometern kommen die Menschen in seine Eislinger Kellerwerkstatt, wo er Pedale, Sitzposition und Antrieb individuell zusammen- und einstellt.

Inklusion per Rad wirkt wie Medizin

Wiedemann gilt in Süddeutschland als der Fachmann für Inklusionsräder und wirkt mehr wie ein Therapeut, denn Techniker. Diverse Kliniken arbeiten mit ihm zusammen. Sobald es um E-Mobilität und Inklusion geht, ist er Ansprechpartner, unter anderem auch für innovative Tourismuskonzepte der Region Stuttgart, die unlängst mit ihm einen Inklusionsfahrradführer entwickelt hat. Besonders angetan haben es Wiedemann Fahrräder wie der mit Handkurbeln angetrieben wird, bei dem aber die das Füße an Fahrradpedale geschnallt werden, sodass diese sich beim Fahren mitbewegen. „Durch die zurückgelehnte Sitzposition sehen die Fahrer ihre Füße. Das ist für viele Querschnittsgelähmte wie Weihnachten, wenn sich dann ihre Füße mitbewegen“, sagt Wiedemann.
Dieses Prinzip habe sehr positive Effekte. „Durch die Bewegung werden nicht nur Stoffwechsel und Durchblutung angeregt, es entsteht auch eine visuelle Rückkopplung
der Bewegung der Beine zum Gehirn. Es zeigt sich, dass die Menschen dadurch eher oder schneller erste Geherfolge erzielen“, berichtet Wiedemann. Offenbar geling es dem Körper so leichter, neue Nervenbahnen zu aktivieren.

Wiedemann plant schon Zweisitzer

Diese Effekte sollen in einer klinischen Studie untersucht werden, an der Wiedemann beteiligt ist. Wiedemann will das Prinzip noch weiterentwickeln. Er hat ein System erdacht, das dem Fahrer zudem über Sensoren in den Pedalen ein akustisches Signal über dessen Beinaktivitäten gibt. „Das würde die Vernetzung von Gehirn- und Beinaktivität noch verstärken“, betont der Tüftler. Das Patentverfahren dafür läuft. Wichtig findet Wiedemann überdies einen Nebeneffekt der Inklusionsbikes: „Die Menschen erweitern mit den Rädern ihren Radius. Sie können an Aktivitäten teilhaben oder wieder teilhaben, die ihnen bisher verwehrt waren.
Das steigert die Lebensqualität.“ So hat er sich unlängst einem weiteren Projekt verschrieben, das Demenzkranken zugute kommen soll. Dafür sollen Zweisitzer-E-Bikes angeschafft werden, in denen die Demenzkranken mittreten können, aber nicht lenken müssen. „Wir wollen dafür junge Leute aus den Vereinen als Chauffeure gewinnen“, erklärt Wiedemann. Mit wir meint er sich und das Netzwerk Demenz im Landkreis.

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