Digitalgipfel 2018 – von der Region in die Welt?

Digitalgipfel 2018Volles Haus auf dem Digitalgipfel BW in der Carl-Benz-Arena in Stuttgart:. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Auf dem baden-württembergischen Digitalgipfel 2018 in Stuttgart rücken auch Branchen jenseits der Industrie und der Metropolen in den Blick. Zehn neue Digitalzentren in den Regionen fördern technologische Kooperation zwischen Startups und etablierten Firmen.

Baden-Württemberg will das Thema Digitalisierung über die großen Unternehmen und die Metropolen hinaus noch breiter verankern. Auf einer Großveranstaltung in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena mit rund 1000 Teilnehmern – doppelt so viel wie ursprünglich erwartet – zeigte das Wirtschaftsministerium vorbildliche Beispiele. Dabei richtete sich der Blick nicht nur auf die Industrie, sondern auch auf Handwerk und Dienstleistungen. „Wir reden bewusst von der Wirtschaft 4.0 und nicht nur von der Industrie 4.0“, sagte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.

In einer zum Digitalgipfel 2018 veröffentlichten Studie steht Baden-Württemberg leicht besser da als der Bundesdurchschnitt – allerdings vor allem wegen der großen Firmen und Branchen im Land.

Der Digitalgipfel 2018 präsentiert Digital Hubs  in der Fläche

Um die Digitalisierung in den Regionen zu fördern, präsentierte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin  zehn ausgewählte Standorte für digitale Innovationszentren („Digital Hubs“) . Bei diesen vom Land geförderten Projekten soll auch abseits der Metropolen und im ländlichen Raum Startups mit etablierten Firmen zusammengebracht werden sowie die Verbindung zu den Hochschulen der jeweiligen Region intensiviert werden. Es gehe um „Erlebnisräume“ für die Digitalisierung, sagte die Wirtschaftsministerin. Insgesamt werden vom Land zehn Millionen Euro investiert. „Wir wollen als Standort auch in der Fläche attraktiv bleiben“, sagte Hoffmeister-Kraut.

Die zehn Standorte sind: Böblingen, Bruchsal, Calw, Freiburg, Heidelberg, Heidenheim, Künzelsau, Reutlingen,  Sankt Georgen und Ulm.

Als eines der größten bestehenden Probleme bezeichnete die Ministerin die insbesondere im ländlichen Raum immer noch fehlende Kapazität an Internet-Breitbandverbindungen. Es sei im übrigen wichtig, über die starke Industrie hinauszudenken. Sie nannte als Beispiel die Medizintechnik, wo Baden-Württemberg großes Potenzial habe.

Erfolgsgeschichten abseits der Industrie – auch auf Youtube

Auf der Veranstaltung wurde auch Europas erfolgreichste Youtube-Bloggerin aus dem Bereich Kochen präsentiert. Vom badischen Waghäusel aus hat Saliha Özcan mit ihrem auf Koch- und Backtipps spezialisierten Kanal „Sally’s Welt“ mit zwölf Millionen monatlichen Nutzern und bereits 260 Millionen Aufrufen allein im deutschen Sprachraum den zweitgrößten Konkurrenten in Europa mit acht Millionen Besuchern klar auf Platz zwei verwiesen. Mit ihren 32 Angestellten will sie bald zwölf Millionen Euro Umsatz machen. „Soziale Medien“ nannte Özcan als ihren entscheidenden Standortfaktor.

Peter Gress aus Esslingen zeigte, wie sich auch ein Friseur der Digitalisierung öffnen kann, insbesondere um für den Berufsnachwuchs attraktiv zu werden – etwa durch Kommunikation auf sozialen Medien oder durch eine Ausbildung mithilfe von virtueller Realität. „Anders können sie die jungen Leute heute weder gewinnen noch halten“, sagte Gress.

Mahnung zu globaler Perspektive

Ulrich Dietz, der Gründer und heutige Verwaltungsratsvorsitzende des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT, mahnte als Gastredner jedoch davor, im Land zu kleinteilig zu denken. Die Unternehmen im Land müssten sich noch viel mehr öffnen: „Sie können nicht alles alleine im kleinen Kämmerchen machen. Wenn sie schneller werden wollen, brauchen sie Know-how von außen.“ Ohne Kooperation mit anderen Firmen und ohne Talente im und aus dem Ausland sei dies nicht zu schaffen.

„Sie können nicht nur da sitzen und darüber klagen, dass sie die Leute nicht in ihre Region bekommen“, sagte Dietz. Es gehe nicht mehr nur um einzelne Produkte, sondern um globale Plattformen wie sie etwa die USA und immer öfter auch China entwickelt hätten. Dazu brauche es eine globale Perspektive.

Jens Kühnapfel, Mitgründer von Virtual Q, bekräftigte diese These. Das Stuttgarter Startup, das Warteschleifen bei Telefon-Hotlines vermeidet, hat inzwischen sogar Kunden in Afrika: „Vor 20 Jahren wäre das für ein kleines Startup noch völlig unmöglich gewesen.“ Die Hilfen für Startups insbesondere bei der Entwicklung ihres Geschäftsmodells seien im Land heute viel besser als vor wenigen Jahren, sagte Andreas Bihlmaier vom Karlsruher Robotik-Spezialisten Robodev, einem typischen Vertreter der auf Geschäftskunden ausgerichteten, heimischen Startups. Woran es aber fehle, sei Kapital:. „Sie haben dann jede Menge Kunden. Doch wenn niemand bereit ist, in sie zu investieren, sind sie trotz Aufträgen in einem halben Jahr pleite.“

Kommentar: Wo sind die (künftigen) Weltmeister?
Es kommt selten vor, dass bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Digitalisierung im Land ein Mann gleich neben vier Frauen sitzt. So geschehen auf dem Digitalgipfel 2018 des Landes. Dass die Wirtschaftsministerin eine davon war, machte diese Quote wohl leichter zu erfüllen. Aber es war auch das passende und willkommene Symbol für eine Veranstaltung, die den Blick ganz bewusst auch jenseits der üblichen Themen wie autonomes Fahren, Industrieroboter oder Big Data richtete.
Dieser Ansatz ist sehr zu begrüßen, denn in den vergangenen Jahren drohte die Debatte im Land allzu sehr um die großen, industriellen Branchen im Land zu kreisen. Die Digitalisierung umfasst aber alle Lebensbereiche und berührt alle Regionen. Das hat die Landesregierung – den berühmten südwestdeutsch-regionalen Proporz immer im Blick – zu Recht erkannt. Kleine und mittlere Firmen hinken hinterher. Die sitzen eben in der Fläche.
Es gibt nur ein Problem: regionale Standortförderung ist nicht dasselbe wie die Förderung von absoluten Spitzenleistungen. Zwischen den erfolgreichen, starken Branchen wie der Automobilindustrie, die im Weltmaßstab denken, und den vom Land verstärkt geförderten Mittelständlern klafft eine Lücke. Es fehlen die Welteroberer-Startups aus ganz neuen Branchen, die Plattformbauer, die keine „hidden champions“ sein wollen – also verborgene Spitzenreiter – sondern Weltmeister. So wie SAP, die letzte große Erfolgsgründung im Weltmaßstab vor nun mehr als 45 Jahren. Doch diese  globalen Champions gibt es nur mit mehr privatem Wagniskapital.

Noch mehr Innovationen...

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER