Das Blockchain-Labor der Deutschen Bank

Blockchain-Labor der Deutschen BankEine unzerreißbare Kette an Transaktionen - das verspricht die Blockchain. Foto: Pixabay/anaterate/CC0

Die Finanzbranche ist im Wandel. Banken experimentieren mit neuen Geschäftsmodellen und Technologien. Ein Besuch im Blockchain-Labor der Deutschen Bank in London.

Wenn das wirklich eine Revolution ist, kommt sie ziemlich unspektakulär daher. Jon Pearson sitzt in einem Büro der Deutschen Bank in London und tippt. Sein Computerbildschirm ist zweigeteilt: Links eine weiße Eingabemaske, in deren Felder der 41-Jährige Namen und Daten einträgt. Zu jedem Eintrag erscheint rechts, auf schwarzem Grund, eine lange Reihe von scheinbar willkürlich zusammengewürfelten Zahlen und Buchstaben. Sie sieht aus, als hätte ein Kleinkind auf der Computertastatur gespielt.

Dieses unleserliche Wirrwarr ist der Code einer Blockchain – einer Technologie, die Unternehmen weltweit beschäftigt. Nicht nur Banken experimentieren damit, auch Daimler und Bosch, Logistikriesen, die IT-Branche sowieso. Sie alle eint eine Hoffnung: dass die Blockchain Zeit und Geld sparen wird. Und damit nicht nur Effizienzgewinne, sondern neue Geschäftsfelder eröffnet.

„Es ist eine Weile her, dass etwas derartig Neues und Innovatives entstanden ist. Das könnte eine ähnlich tief greifende Veränderung wie die Erfindung des World Wide Webs sein“, sagt Pearson. Der Brite im schlichten blauen Pulli kam sozusagen über das Internet zur Deutschen Bank, er half bei der Gestaltung von deren Online-Plattform „Autobahn“. Technische Innovationen sind sein Ding.

Daten auf einer Blockchain sind kaum zu löschen

Trotzdem entbehrt die Blockchain-Begeisterung des Bankers nicht einer gewissen Ironie. Denn erfunden wurde die Blockchain für Bitcoin – die skandalumwitterte Digitalwährung, deren beispiellose Kursentwicklung Spekulanten weltweit auf Trab hält. Die Bitcoin-Erfinder haben gezielt ein Zahlungsmittel geschaffen, das ohne Banken und staatliche Garantien auskommt – eine Kampfansage an das Finanzsystem. Doch als Mittel zum Zweck entwickelten sie mit der Blockchain ein Konzept, das auch für das Establishment interessant ist.

Der entscheidende Punkt: Daten, die auf einer Blockchain gespeichert werden, können praktisch nicht gelöscht werden. Denn sie werden auf allen Computern abgelegt, die an das Netzwerk angeschlossen sind. Obendrein werden sie mit einer fälschungssicheren digitalen Signatur versehen, so dass sich nachvollziehen lässt, von welchem Netzwerkteilnehmer eine Transaktion oder Information stammt. Und: Transaktionen können dort so programmiert werden, dass bei Erfüllung etwa einer Vertragsbedingung automatisch eine Zahlung ausgelöst wird.

Vorteile bringt das zum Beispiel für internationale Handelsgeschäfte: Wenn der Abschluss der Eingangskontrolle für eine Warenbestellung automatisch mit deren Bezahlung verknüpft wird, senkt das die Risiken für Lieferanten. Audi hat dieses Prinzip bei der Lieferung von Autos nach Spanien getestet, die über die Blockchain-basierte Handelsfinanzierungsplattform Batavia abgewickelt wurde. Batavia ist ein Kooperationsprojekt der Commerzbank und anderer Institute mit IBM. Die Deutsche Bank hat mit acht weiteren Geldhäusern eine ähnliche Plattform namens We Trade aufgebaut, über die im Mai die ersten echten Geschäfte laufen sollen.

Das Blockchain-Labor der Deutschen Bank geht in die Offensive

Pearson tüftelt hoch über den Dächern Londons an weiteren Pilotprojekten. Er leitet das Blockchain-Labor der Deutschen Bank. Einzelne Medienvertreter dürfen das Labor besuchen. Die Bank will zeigen: Wir nehmen die Herausforderung, die durch Bitcoin und andere Kryptowährungen entstanden ist, an.

Das wohl ehrgeizigste Projekt im Blockchain-Labor der Deutschen Bank: Man bastelt zusammen mit anderen Geldhäusern an einer eigenen Digitalwährung. Der United Settlement Coin (USC), so der Arbeitstitel, ist eine Art Gegenentwurf zum Bitcoin: Jede digitale Münze, die das Konsortium auf der Blockchain in Umlauf bringt, soll durch echtes Geld auf den Zentralbankkonten der beteiligten Institute gedeckt sein.

Jeder USC-Euro kann jederzeit im Verhältnis 1:1 in einen normalen Euro umgetauscht werden. Auch für die anderen großen Währungen wird es USC-Abbilder auf der Blockchain geben. Ziel: Eines Tages könnte der USC für die Abwicklung von Geschäften direkt auf der Blockchain genutzt werden. Bei Projekten wie Batavia oder We Trade können über den Code derzeit nur Zahlungsanweisungen an die teilnehmenden Banken programmiert werden. Bei einer Kombination von We Trade mit USC wäre diese Übertragung ins bisherige Überweisungssystem nicht mehr notwendig.

Noch fehlen Puzzleteile

„Das ist das Puzzleteil, das uns noch fehlt“, sagt Paul Maley. Der 42-Jährige gehört zu einer Gruppe von Bankern, die vor einigen Jahren die Diskussion über eine Alternative zum Bitcoin angestoßen haben. Seine Vision: Irgendwann könnten große Unternehmenskunden USC auch direkt über eine elektronische Geldbörse senden und empfangen. Gleichwohl blieben sie damit an ein von Banken errichtetes Netzwerk angeschlossen – anders als beim Bitcoin und anderen Kryptowährungen. „Es geht um den Aufbau einer neuen Marktinfrastruktur“, fasst Anja Bedford zusammen.

Die 33-jährige Deutsche ist Projektleiterin für die USC und Produktverantwortliche im Blockchain-Labor der  Deutschen Bank. Kein leichter Job. Denn die Beschleunigung und Standardisierung, die mit Transaktionen auf der Blockchain verbunden ist, wird viele der bisher von Bankmitarbeitern erbrachten Dienstleistungen überflüssig machen. Bedford glaubt: „Die Banken werden verstärkt zum Infrastruktur- und Technologieanbieter.“ Wenn die Finanzinstitute diese Rolle einnehmen wollen, müssen sie sich mit der Blockchain befassen. Auch andere Branchen arbeiten an Netzwerken, über die sie allein Zahlungen abwickeln könnten.

Die Banken müssen am Ball bleiben

Schließlich hat die weltumspannende Gemeinschaft aus Programmierern und Softwareentwicklern, aus deren Mitte der Bitcoin entstanden ist, der Welt mittlerweile weitere Blockchain-Lösungen geschenkt. Eine der wichtigsten Fortentwicklungen ist Ethereum. Diese Variante ermöglichte erstmals die Programmierung sogenannter Smart Contracts – Verträge, die verbindlich mit einer Aktion verknüpft werden. Der Ethereum-Code ist öffentlich und kann deshalb auch für private Blockchains genutzt werden. Deren Vorteil gegenüber dem allgemeinen, frei zugänglichen Ethereum-Netzwerk ist neben der Vertraulichkeit die Effizienz.

Denn für die ursprüngliche, öffentliche Ethereum-Blockchain gilt ähnlich wie beim Bitcoin: Die Größe des Netzwerks kostet viel Speicherplatz, Zeit und Energie. Das liegt daran, dass jede Transaktion von einer Vielzahl der an die Blockchain angeschlossenen Computer überprüft werden muss. Das geschieht mittels aufwendiger mathematischer Operationen, für die eine riesige Rechnerleistung nötig ist. Bei den privaten Blockchains ist dieser Aufwand viel geringer – zumal die Beteiligten einander in der Regel kennen und die Prüfprozesse oft einigen wenigen Partnern überlassen.

Die Geldhäuser verteidigen ihre Relevanz

Die Schöpfer von Ethereum und anderen öffentlichen Projekten arbeiten daran, ihre Effizienzprobleme zu überwinden. Wenn die Banken nicht am Ball bleiben, sind sie raus aus dem Spiel. „Mein Job ist, herauszufinden: Wie verändert sich unser Geschäftsmodell?“, sagt Bedford. Sie stellt Traditionen infrage.

Für die Deutsche Bank reist die gebürtige Wittenbergerin um die Welt, um Blockchain-Projekte zu besichtigen und Vorträge zu halten. Am Wochenende zieht sie die Wanderstiefel an und folgt dem Lauf der Themse aufs Land. So hat sich Bedford auch mit Blick auf die Blockchain Bodenständigkeit bewahrt. „Das ist kein Allheilmittel“, stellt sie klar. „Wir können nicht alles auf die Blockchain packen.“ Uabhängig davon, wie sie organisiert würden – zentrale Funktionen von Banken würden auch in Zukunft noch gebraucht: „Dass wir Kredite vergeben und den Marktteilnehmern Risiken abnehmen, dürfte auch weiter unsere Aufgabe bleiben.“

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