Blick ins All – Raumfahrt in Friedrichshafen

Raumfahrt in FriedrichshafenDie Merkursonde Bepi Colombo wurden am Bodensee entwickelt. Foto: ESA

IdeenwerkBW-Schwerpunkt Raumfahrt und Baden-Württemberg (2): Luft- und Raumfahrt in Friedrichshafen hat Tradition. Heute werden hier vor allem Satelliten gebaut.

Als am 20. Oktober des vergangenen Jahres in Kourou (Französisch-Guayana) eine Ariane 5 ins All startete, war viel „Friedrichshafen“ mit an Bord. Die Trägerrakete brachte die in der Bodensee-Stadt entwickelte und produzierte vier­teilige Raumsonde Bepi Colombo ins All. Nach einer etwa 8,5 Milliarden Kilometer langen Reise soll sie von Ende 2025 an den Merkur und seine Umgebung erforschen. Bepi Colombo ist ein Gemeinschaftsvorhaben der Europäischen Raumfahrtagentur Esa und der Raumfahrtagentur Jaxa. Die Raumsonde war bereits der sechste Satellit, bei dem der Airbus-Standort Friedrichshafen die industrielle Führung hatte oder wesentliche Teile zulieferte und der im Lauf des Jahres 2018 ins All geschossen wurde.

Raumfahrt in Friedrichshafen – größter Standort im Südwesten

Friedrichshafen, genauer gesagt Immenstaad, knapp zehn Kilometer westlich des Stadtzen­trums, ist eines der Zentren der weltweiten Satellitenfertigung. Seit fast 60 Jahren entwickelt und baut Airbus am Bodensee Satelliten, Instrumente und Komponenten für nationale Raumfahrtagenturen, die Esa und die EU. Schwerpunkt sind die wissenschaftliche Erforschung des Weltalls, Erdbeobachtung und Meteorologie sowie Experimentieranlagen zur Forschung unter Schwerelosigkeit.

Der frühere Dornier-Standort hat sich seit den 50er Jahren stark gewandelt: Wo früher nur Flugzeuge gebaut wurden, entstanden nach und nach Aktivitäten wie Raumfahrt und Verteidigung. 1985 von Daimler übernommen ist das Werk heute Bestandteil der Airbus-Sparte „Airbus Defence and Space“. Mit 2250 Beschäftigten ist Ludwigshafen-Immenstaad der größte Luft- und Raumfahrtstandort in Baden-Württemberg.

Airbus investiert weiterhin kräftig

Damit das so bleibt, investiert Airbus kräftig. Am 22. Februar wird das neue Technologiezentrum mit dem größten Reinraum Europas eröffnet. 47 Millionen Euro wurden für die neue Satellitenmanufaktur investiert. Hier sollen unter optimalen Bedingungen beispielsweise die Satelliten zur Erdbeobachtung gebaut werden. Die Reinraumfläche verdreifacht sich, die technischen Möglichkeiten sind um ein Vielfaches besser, die Flexibilität vergrößert sich enorm. 13 bisher verstreute Labore können zu einem zusammengefasst werden. Darin können bis zu acht Satelliten gleichzeitig fertiggestellt werden.

Airbus-Ingenieure entwickeln hier beispielsweise die zweite Generation der polarumlaufenden Wettersatelliten MetOp, die 2021 starten wird. Und für das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus werden hier die Multispektral-Satelliten der Sentinel-2-Mission, die Ozeanografie-Satelliten Sentinel-6 und die Radarinstrumente für die Sentinel-1-Satelliten gebaut.

Der Airbus-Standortfür Raumfahrt in Friedrichshafen ist als Kompetenzzentrum für die Entwicklung von Experimentieranlagen zur Forschung unter Schwerelosigkeit seit Jahren weltweit führend auf dem Markt. Für die Internationale Raumstation ISS wurde hier auch der überwiegende Teil der Experimentieranlagen, die im Europäischen Columbus-Labor sowie im amerikanischen Teil der Station eingesetzt wurden, entwickelt. Zum Bereich Weltraum in Friedrichshafen gehören auch Geo-Intelligence-Produkte und -Dienstleistungen. Außerhalb des Weltraumsektors steht Friedrichshafen darüber hinaus für die Entwicklung und die Fertigung von Sicherheitssystemen und von Mobilen Systemen.

Luft- und Raumfahrt in Friedrichshafen hat eine lange Geschichte

Friedrichshafen ist jedoch nicht nur ein bedeutender Airbus-Standort. Luft- und Raumfahrt in Friedrichshafen verfügen über eine lange und bedeutende Tradition. In und um Friedrichshafen befinden sich etliche kleinere Unternehmen und mit der Space Tech GmbH (STI) auch ein weltweit tätiges Unternehmen (Satellitensysteme und -instrumente), das rund 100 Mitarbeiter beschäftigt.

Bekannt geworden ist die 60 000-Einwohner-Stadt aber durch die Zeppelin-Werke mit den berühmten Luftschiffen. Die starke Präsenz dieser Branche war der Hauptgrund für die starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg.

Die Zeppelin Luftschifftechnik in Friedrichshafen blickt auf ein gutes Jahr zurück und hat 2018 das dritte Luftschiff an den Reifenkonzern Goodyear ausgeliefert. Die Tochter Zeppelin-Reederei, eine Fluggesellschaft, die etwa Rundflüge mit den Luftschiffen organisiert, transportierte im vergangenen Jahr 24 700 Passagiere. Und im Zeppelin-Museum im ehemaligen Hafenbahnhof direkt am See ist die Luftfahrt­geschichte der Stadt sehr präsent. Das Museum verfügt nach eigenen Angaben über die weltgrößte Sammlung zur Geschichte und Technik der Luftschifffahrt. Hauptattraktion ist aber sicher die begehbare und in Teilen originalgetreue Rekonstruktion des Luxusliners LZ 129 Hindenburg.

Auch der Autozulieferer ZF hat Wurzeln in der Luft- und Raumfahrt

Die Luftfahrtgeschichte der Stadt ist auch sonst unübersehbar – etwa beim hier beheimateten Autozulieferer ZF Friedrichshafen, einem der größten Autozulieferer der Welt, der seine Wurzeln ebenfalls in der Luftfahrt hat. Als Gesellschafter des Bodensee-Airports Friedrichshafens hat ZF nach wie vor Verbindungen in die Branche. Und auch die MTU Friedrichshafen, das Kernunternehmen von Rolls-Royce Power-Systems, ein Geschäftsbereich von Rolls-Royce, war einst ein Luftfahrtkonzern.

Heute werden inte­grierte Systemlösungen in den Bereichen Marine und Infrastruktur angeboten. Unter der Marke MTU werden schnell laufende Motoren und Antriebssysteme für Schiffe, Energieerzeugung, schwere Land- und Schienenfahrzeuge, militärische Fahrzeuge sowie für die Öl- und Gasindustrie entwickelt und produziert.

Geschichte: Der Weg von Dornier zu Airbus
Die Anfänge des Airbus-Werks liegen im „Seewerk“, das Luftfahrtpionier Claude Dornier 1956 in Immenstaad baute. Dornier wandelte sich vom Flugzeugbauer zum Hightech-Konzern, dessen Aktivitäten außerhalb der Luftfahrt 1962 in der Dornier System GmbH gebündelt wurden.
1985 wurde Dornier Teil des damaligen Daimler-Benz-Konzerns. Dornier wurde dort Teil der Dasa, die den Luft- und Raumfahrt­bereich umfasste. Die später mehrmals umfirmierte Dasa ging im Jahr 2000 im europä­ischen Luft- und Raumfahrt­konzern EADS auf.
Innerhalb der EADS gehörte das Werk Friedrichshafen zunächst zur Raumfahrttochter Astrium. Sie wurde 2014 mit der früheren Rüstungssparte EADS Defence & Security (später Cassidian) und Military Aircraft zur heutigen Sparte „Airbus Defence and Space“ zusammengelegt.

Die erste Folge des Schwerpunkts erschien am 20.2.

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