Birgit Thoben: „Der Campus ist Bosch im Kleinen“

Birgit Thoben; BoschDie Plattform 12 auf dem Innovationscampus von Bosch in Renningen ist ein Kreativraum, wo sich Kunst und handfeste Ideen begegnen. Foto: Bosch

Birgit Thoben ist Innovationsmanagerin auf dem Ende des vergangenen Jahres eröffneten Bosch-Innovationscampus in Renningen. Im Gespräch mit IdeenwerkBW verrät sie, wie dort unter anderem Künstler zu einem kreativen Geist beitragen. 

Sie haben auf dem Innovationscampus einen ganzen Bereich für Künstler. Was bringt das für das Thema Innovation?
Die Arbeit mit Künstlern ist Teil unserer Innovationskultur auf dem Campus. Sie sind jeweils für einen begrenzten Zeitraum von drei Monaten hier, damit sie ihre künstlerische Sicht auf die Dinge behalten. In dieser Zeit tauchen sie in die Bosch-Welt ein. Das, was sie in der Plattform 12 erarbeiten, teilen sie mit unseren Forschern. Wir ermutigen sie, Neues zu probieren, vielleicht zu scheitern, es weiter zu probieren. Künstler und Forscher verbindet, dass sie kreativ sind. Sie gehen dabei unterschiedlich vor und doch gibt es auch Verbindendes: Für jedes Kunstwerk, das Sie im Museum sehen, war irgendwann jemand bereit, zu bezahlen. Und wenn jemand bereit ist, für eine Idee zu bezahlen, dann ist das eine Innovation, weil ein Markt dafür besteht.

Sie haben schon bei der Kunst das Thema Geld ins Spiel gebracht. Am Ende geht es doch auch um die Ökonomie. Wie trennen Sie die Spreu vom Weizen?
Durch einen mehrstufigen Prozess. Am Anfang geben wir die größtmögliche Freiheit, ohne Druck zu forschen und Ideen anschaulich zu machen. Erst dadurch ist gesichert, dass Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen von ein und derselben Sache reden können. Wenn ein Chemiker von einem „System“ spricht und dabei seine Moleküle vor Augen hat, denkt ein Kollege aus dem Fahrzeugbau bei diesem Begriff an ein Auto. Im zweiten Schritt prüfen wir, ob die Idee Potenzial für eine Innovation hat. Ist das der Fall, kann daraus schließlich ein Entwicklungsprojekt werden. Grob gesagt: Sie brauchen einhundert Ideen, um eine zu haben, die fliegt.

Und was ist die Rolle von Birgit Thoben dabei?
Ich behalte den Überblick über die Themen, an denen wir arbeiten. Und als Schnittstelle zwischen den Künstlern und den Forschern, aber auch zwischen Forschern unterschiedlicher Disziplinen, bin ich unter anderem dafür verantwortlich, dass auf der Plattform 12 optimale Bedingungen für kreativen Austausch existieren.

Wie straff ist der Zeitplan?
An einer guten Idee wird im Rahmen eines kleinen Projekts gearbeitet, diese erste Phase dauert drei Monate. Für die dann folgende Konzeptstudie braucht man im Schnitt ein halbes Jahr. Das sich anschließende Projekt läuft rund zwei bis drei Jahre. Das sind aber nur Richtwerte. Entscheidend ist: Forschung mit langem Atem ist bei uns möglich. Wir haben etwa 1 000 Aktivitäten im Jahr.

Und wer schafft es dann aus der Phase drei bis zum Produkt?
Etwa die Hälfte der Vorhaben im Projektstadium geht letztlich in die Produktentwicklung. Das sind im Wesentlichen Produktideen, die unsere Kunden begeistern, die die Lebensqualität der Menschen verbessern und die dazu beitragen, die natürlichen Ressourcen der Erde zu schonen.

Nicht schlecht.
Die vielen guten Ideen unserer Mitarbeiter sind Basis für unsere Innovationskraft. Zarte Pflänzchen sollen wachsen können, egal wie verrückt sie zunächst erscheinen. Damit daraus echte Innovationen werden, muss es für sie einen Markt geben. Wir sorgen auch dafür, dass kein Einfall verlorengeht. Alle Ideen weltweit bei Bosch fließen in eine Art Wissensdatenbank ein. Ein Forscher in Palo Alto kann sehen, wer schon einmal eine ähnliche Idee zum Beispiel in Bangalore verfolgt hat – und kann denjenigen direkt kontaktieren. Jeder kann Lösungsansätze kommentieren oder seine Unterstützung bei der Weiterverfolgung anbieten.

Birgit Thoben: Der Campus ist für alle offen

Wer darf in der Plattform 12 arbeiten?
Sie steht jedem Bosch-Mitarbeiter offen. Sechs Tage die Woche, von sechs bis 22 Uhr. Zehn Prozent ihrer Arbeitszeit können die Forscher zudem nutzen, um ungestört an Dingen zu tüfteln, für die sie brennen.

Kommt wirklich jeder?
Hier tauchen Vertreter aus dem Top-Management oder Mitglieder der Bosch-Familie auf, aber auch Mitarbeiter aus einer Bosch-Werkstatt. Niemand wird gefragt, welche Idee er im Köcher hat. Damit würden wir die Leute unter Druck setzen. Den Vorschlag, in der Plattform 12 die Sicherheitseinweisung für die Werkzeuge per Zeichentrickfilm und Video-App zu machen, hatte beispielsweise ein Kollege aus der Werkstatt.

Und wie kommen Sie an Ideen von außerhalb des Unternehmens heran?
Wir haben ein Forschungsumfeld, in dem wir mit mehreren hundert wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit vernetzt sind. Dazu gehören das Massachusetts Institute of Technology (MIT), die Stanford University in den USA, aber auch die Universitäten Stuttgart und Karlsruhe sowie Fraunhofer-Institute. Wir geben auch Forschern von außen die Möglichkeit, ihre Ideen und Patente über unsere Homepage an Bosch heranzutragen.

Sie zielen also auf eine Phase, wo es noch nicht unbedingt eine konkrete Geschäftsidee gibt?
Bosch betreibt angewandte Forschung: Die Dinge, die in Renningen und den Forschungsstandorten weltweit entwickelt werden, haben immer ein konkretes Produkt, den Markt und den Kunden im Blick. Dies sichert die wirtschaftliche Zukunft und finanzielle Unabhängigkeit des Unternehmens. Wenn Sie mit Ihrer Idee in die Projektphase kommen, kann daraus am Ende etwa auch ein Start-up werden. Ein Beispiel ist unser Start-up Deepfield Robotics, das sich mit vernetzter Landwirtschaft beschäftigt.

Was für Leute sind hier? Die Technologen oder die wilden Kreativen?
Beide. Auf dem Campus arbeiten Forscher aus rund 40 unterschiedlichen Nationen zusammen. Sie alle forschen an Zukunftsthemen wie dem automatisierten Fahren, der vernetzten Industrie oder dem Smart Home. Auf diesem Campus finden Sie Bosch im Kleinen.

Stuttgart liegt im Herzen eines globalen Netzwerks

Ist es kein Problem, Talente aus aller Welt nach Renningen zu bringen? Ist die Region Stuttgart als Wohnort anziehend genug?
Renningen ist das Zentrum unserer Forschung und damit für Experten aus aller Welt attraktiv. Für Wissenschaftler ist das Netzwerk an Universitäten und Forschungseinrichtungen rund um Stuttgart ein interessantes Umfeld: Sie finden kreativen Freiraum, industrielle Anwendungsmöglichkeiten in der Nachbarschaft und Start-ups. Außerdem haben wir Standorte überall in der Welt, von Palo Alto in den USA, Sankt Petersburg in Russland, Tokio in Japan, bis Shanghai in China. Diese regionalen Forschungszentren von Bosch sind weltweit wichtige Antennen nach außen.

Aber das ganze Konzept der Zusammenarbeit lebt doch von der räumlichen Nähe.
Sowohl als auch. Auf dem Campus ist die enge Zusammenarbeit möglich. In Renningen haben wir aus dem Umland von Stuttgart die vorher verstreuten Forschungsbereiche zusammengefasst, um den Austausch zu verbessern. Renningen ist der Knotenpunkt unseres weltweiten Forschungs- und Entwicklungsverbunds. Die Vernetzung bei Bosch findet also nicht nur lokal, sondern auch global statt.

Aber was macht der junge Kreative, der seine Ideen am besten morgens um fünf in der Bar bekommt?
Er kommt trotzdem, weil er fasziniert davon ist, wie anders das hier ist. Viele unserer Kollegen haben eine Leidenschaft für ein bestimmtes Thema. Bei uns finden sie die Möglichkeit, daran zu arbeiten. Wir haben viele Freiheiten – es gibt keine Präsenzpflicht am Arbeitsplatz, keine festen Schreibtische. Man loggt sich einfach ein und arbeitet. Wir sind völlig flexibel.

Bosch nimmt laut dem Bosch-Chef Volkmar Denner, die US-Eliteuniversität Stanford zum Vorbild, ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen?
Nein, gar nicht. Gemeint ist die Campusstruktur, die das interdisziplinäre und vernetzte Arbeiten ermöglicht. Bevor wir den Campus gebaut haben, waren wir auch im Silicon Valley. Dort haben wir einige gute Anregungen bekommen. Und doch sind wir unseren eigenen Weg gegangen. Bosch existiert seit 130 Jahren, wir sind ein Unternehmen mit langer Tradition. Darauf nehmen wir bewusst Bezug. Wir haben in der Plattform 12 Originalwerkbänke aus unseren Fabriken. Dort stehen auch umgebaute Scheinwerfer, die von den Kollegen schon vor hundert Jahren produziert wurden. Wir haben eine Herkunft. Aus ihr ziehen wir Kraft für die Zukunft.

Wie offen und wie geheim ist die Innovation hier? En vogue ist doch eine größere Offenheit.
Innovationen werden zunehmend nicht mehr von einzelnen Kollegen geschaffen. Vor allem an den Schnittstellen verschiedener Forschungsdisziplinen entstehen gute Ideen. Im stillen Kämmerlein forschen wir nicht. Mit externen Partnern arbeiten wir ganz bewusst zusammen. Klar ist aber auch, dass wir unsere Innovationen schützen müssen.

Die Rolle von Birgit Thoben ist auch die einer Übersetzerin

Was war Ihre schwierigste Aufgabe?
Die Kommunikation ist immer herausfordernd, zum Beispiel zwischen Ingenieuren, Maschinenbauern, IT-Spezialisten, oder auch mit den Künstlern. Wir alle sprechen unterschiedliche Sprachen. Meine Aufgabe ist auch die einer Mittlerin. Wenn ein Künstler etwa das Wort „Sicherheit“ gebraucht, dann meint er etwas ganz anderes als ein Ingenieur. Er reflektiert darüber, was er auf der Straße und in der Gesellschaft erlebt. Wenn wir hier von Sicherheit sprechen, dann denken wir zuerst an unsere Sicherheitseinweisung auf dem Gelände. Darin steckt auch eine Spannung zwischen persönlichem Sicherheitsgefühl und objektiver Sicherheit.

Und was hat am meisten Spaß gemacht?
Es gibt täglich neue Impulse, gerade von den Künstlern. Da erzählt Ihnen auf einmal einer etwas von einer Wurst. Dann kommen Sie auf den Campus und sehen ein riesiges, aufblasbares Ding auf dem Balkon. Natürlich fragt sich da jeder sofort, was das soll. Und das ist gerade das Schöne daran: Kunst regt zum Nachdenken an und fordert dazu auf, die Perspektive zu ändern. Umgekehrt haben auch die Künstler in der Zusammenarbeit mit unseren Forschern Aha-Erlebnisse: Vor einiger Zeit kam ein Künstler ganz aufgeregt zu mir, weil ein Forscher an der Skulptur des Künstlers den Prototypen eines Elektrowerkzeugs ausprobiert hatte. Auf der Plattform 12 darf grundsätzlich mit allen Objekten gearbeitet werden – es sei denn, es gibt einen Zettel mit dem eindeutigen Hinweis, es nicht zu tun. Der Künstler hatte vergessen, diesen Zettel anzubringen.

Und was sind die technologischen Aha-Erlebnisse?
Ich bin in der wunderbaren Position, ständig ganz neue Dinge vorgestellt zu bekommen – und dabei helfen zu dürfen, dass sie vielleicht einmal ein Produkt werden. Ein gutes Beispiel sind Fahrerassistenzsysteme für das automatisierte Fahren. Unsere Forscher haben dem Auto beigebracht, in die Zukunft zu schauen und bei einer drohenden Kollision mit Fußgängern den Fahrer beim Ausweichen zu unterstützen. Kleine Kameras im Innenraum erkennen, ob der Fahrer aufmerksam ist oder nicht. Das bietet neue Möglichkeiten für den Fußgängerschutz.

Und wie sieht Birgit Thoben die Zukunft des Campus?
Wir erhalten zum Beispiel mehr Platz. Bis Ende 2016 entstehen auf vier Stockwerken Büros und Labore für rund 350 zusätzliche Mitarbeiter. Ansonsten denken wir kontinuierlich über neue Themenfelder nach. Lassen Sie sich überraschen.

 

Zur Person

Bosch
Birgit Thoben hat an der Technischen Universität Berlin Energie- und Verfahrenstechnik studiert. Danach hat sie am Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme und am Zentrum für Deutsche Luft- und Raumfahrt in Stuttgart promoviert und geforscht. Danach ging Birgit Thoben zu Bosch. Zunächst arbeitete sie im Bereich  Abgasnachbehandlung von Dieselmotoren, dann forschte sie an der Brennstoffzelle fürs Auto. Anschließend wurde sie Teamleiterin im Bereich Chemie. Sie bildete sich zwischen 2012 und 2013 am Robert Bosch Kolleg zur Innovationsmanagerin weiter. Seit Mai 2014 ist Thoben Innovationsmanagerin in der internationalen Forschung bei Bosch. Birgit Thoben ist verheiratet und hat eine Tochter.

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