Anlagetrend Big Data: Wo bleibt der nachhaltige Erfolg?

Ablenkung durch AppsForscher nutzen inzwischen sehr diffizile Methoden, um herauszubekommen, was Nutzer gerade tun und ob sie anfällig sind für die Ablenkung durch Apps und soziale Medien. Foto: CC0

Der Anlagetrend  Big Data ist heute mehr denn je ein Handel mit Hoffnungswerten. Trotz fehlender Perspektiven, wie Snapchat und Co. auf Dauer Geld verdienen wollen, stehen sie hoch im Kurs.

Deutsche Aktienanleger könnten mit dem Jahresauftakt durchaus zufrieden sein. Der deutsche Leitindex Dax hat einen neuen Höchststand erreicht und auch die Unternehmen haben trotz aller weltpolitischen oder weltwirtschaftlichen Wirren im ersten Quartal beste Ergebnisse abgeliefert. Bis auf die beiden Energieversorger konnten alle ihren Umsatz steigern – insgesamt schafften sie ein Umsatzplus von neun Prozent auf knapp 346 Milliarden Euro – ein neuer Rekordwert. Der operative Gewinn stieg sogar um elf Prozent auf 37,4 Milliarden Euro, was ebenfalls einem neuen Höchststand entspricht, wie die Stuttgarter Unternehmenberatung EY in einer neuen Studie errechnet hat. Zwei Drittel der Unternehmen verzeichneten steigende Gewinne – die höchsten Gewinne fuhren im ersten Quartal zwei Autohersteller ein: Volkswagen erwirtschaftete ein Betriebsergebnis von 4,4 Milliarden Euro, bei Daimler waren es vier Milliarden Euro. Und doch verliert die „Old Economy“, die seit Jahrzehnten weltweit etablierten Unternehmen, bei international anlegenden Investoren zunehmend an Bedeutung. Mag auch manche Übernahme, etwa in der Pharmaindustrie, heute Summen erreichen, die vor einigen Jahren nicht vorstellbar waren – was bei den Unternehmen passiert, deren Geschäftsmodell für manche Beobachter nach wie vor nicht wirklich nachvollziehbar ist, ist bisher unerreichbar.

Anlagetrend Big Data: Unkalkulierbare Investition

19 Milliarden Dollar etwa hat das Internetportal Facebook für den „Kommunikationskanal“ WhatsApp bezahlt. Das ist so viel, wie die Commerzbank an der Börse wert ist. Oder doppelt so viel wie die Lufthansa. Und die haben immerhin Filialen und Flugzeuge und Tausende Mitarbeiter. Whatsapp dagegen hat 55 Angestellte. Das macht 345 Millionen Dollar pro Mitarbeiter. Es klingt absurd, zum Teil gar unfassbar. Bei Daimler etwa könnten Investoren in etwa abschätzen, welchen Gewinn der Autohersteller machen wird, wenn die neue S-Klasse ein Erfolg wird. Ebenso konnten sie kalkulieren, was passiert, wenn das neue Modell floppt. Aber heute sind Anleger offenbar bereit, Kurse für Aktien zu zahlen, die nur auf Hoffnungen beruhen. Der erst vor wenigen Monaten an die Börse gegangene Foto-App-Spezialist Snapchat etwa hat schon vor dem Börsengang verkündet, dass man voraussichtlich einige Jahre lang mehr Verlust als Umsatz machen wird. Der Börsengang gelang dennoch, fast 25 Dollar war das Papier am Ende des ersten Handelstages wert, der Ausgabekurs hatte bei 17 Dollar gelegen. Dann aber veröffentlichte Snapchat seine Zahlen für das erste Quartal des laufenden Jahres. Und das Pendel schlug aus. Nach ganz weit unten. Zwischenzeitlich fand sich die Aktie gar nahe ihrem Ausgabewert wieder. Inzwischen steht sie mit 18,58 Euro wieder minimal besser da.

Börsenerfolg aufgrund mangelnder Alternativen

Den Umsatz konnte das Unternehmen mit Sitz in Los Angeles zwar um das Vierfache auf 149,6 Millionen Dollar steigern, das war aber immer noch weniger als von vielen Analysten erwartet. Zudem stand ein Verlust in Höhe von sage und schreibe 2,2 Milliarden Dollar zu Buche.Es scheint viele Anleger, vor allem Großinvestoren, derzeit aber nicht zu interessieren. „Es gibt keine Alternativen zum Anlagetrend Big Data, die etablierten Industrien bieten kaum noch Wachstumsfantasien, die dot.com-Unternehmen stehen hoch im Kurs“, meint ein Börsianer in Frankfurt. Und damit steht er nicht allein. Während früher auch Substanzwerte, etwa Immobilien, Maschinen oder langfristige Lieferverträge, zur Bewertung der Unternehmen an der Börse beigetragen haben, sind es heute in vielen Bereichen nur noch Zukunftshoffnungen. „Das erinnert schon sehr an den Neuen Markt“, meint ein Analyst. Auch damals, Ende des 20. Jahrhunderts, waren es vor allem die „Aussichten“, die die Anleger locken sollten, egal wie lang der Weg bis zum Erfolg sein sollte, egal, wie viel Geld auf dem Weg dorthin nötig war, egal, wie gering die Chancen überhaupt waren. Und auch jetzt sind es vor allem Großinvestoren wie George Soros und andere Wall Street-Schwergewichte, die den „Neuen Markt 4.0“ beleben. Auch viele Analysten sind noch recht positiv gestimmt.

Wo kommt das Geld her?

Aber steckt dahinter nicht nur reine Spekulation? Wollen die Großinvestoren durch Zukäufe auf das Papier aufmerksam machen, die Aktie als aufgehenden Stern am US-amerikanischen Technologiehimmel gelten lassen, und am Ende, wenn immer mehr Anleger endlich auch jener Meinung sind und den Kurs in die Höhe getrieben haben, die eigenen Anteile verkaufen und Gewinne mitnehmen? Bei vielen dieser neuen Unternehmen stellt sich die Frage, womit eigentlich Geld verdient werden soll. Facebook ist als Kommunikationsplattform ja ganz unterhaltsam – aber wo kommt das Geld her? Mit Whatsapps weltweit kommunizieren zu können, ist für den Nutzer angenehm – und für das Unternehmen? Hier werden Daten verkauft, damit die Käufer ihre Werbung gezielter schicken können. Google, Facebook oder Apple sind finanziell so stark, dass sie aufstrebende Konkurrenten mit neuen Ideen mehrheitlich einfach aufkaufen. Ob ihr Geschäftsmodelle aber im Vergleich zur Old Economy, der Automobilindustrie oder der Ölkonzernen, Jahrzehnte lang erfolgreich sein wird, wird sich zeigen müssen. Bisher setzen die Anleger noch auf den Anlagetrend Big Data.

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