Alugha: Mannheimer wird amerikanischer Visionär

AlughaBernd Korz am Times Square in New York. Foto: Arthur Rewak/Alugha

Die deutsch-amerikanische Handelskammer New York  lässt regelmäßig auf ihrer Tour STEP NYC einige deutsche Startups ein wenig Wall-Street-Luft schnuppern – und erzeugt Aha-Erlebnisse. Hier die Geschichte der Mannheimer Übersetzungsplattform Alugha.

Bernd Korz klingt wie ein Silicon-Valley-Prophet. „Wir wollen das Uber für Übersetzungen werden“, sagt er mutig über seine 2014 gegründete Firma Alugha. Die von dem Mannheimer Startup entwickelte Software kann kinderleicht jedes Video im Internet mit bis zu 7000 verschiedenen Sprachversionen versehen. Übersetzer liefert Alugha auf einer eigenen, offenen Vermittlungsplattform gleich mit. „Alugha bedeutet auf Suaheli: ,eine Sprache‘“, sagt Korz. Die Welt retten will er übrigens auch noch: „Stellen Sie sich vor, wie viel Serverplatz und Energie man sparen kann, wenn man nicht mehr für jede Sprache ein Extravideo braucht.

Der 47-Jährige steht im Besprechungsraum der deutsch-amerikanischen Handelskammer New York. Vom 24. Stockwerk aus sieht man hier tief in die Straßenschluchten von Manhattan. Die Wall Street liegt um die Ecke. Wenn hier Träume nicht Flügel bekommen, wo sonst? Eine Woche lang werben 13 Startups aus Deutschland in der Stadt um Kunden und Investoren. STEP NYC heißt das Programm, das Andrea Diewald, Mitarbeiterin der deutsch-amerikanischen Handelskammer New York, seit zwei Jahren von Stuttgart aus organisiert: „In denn USA gibt es extrem viel Risikokapital, das ist richtig“, sagt sie: „Aber es gibt andererseits auch ganz  viel Nachfrage danach. Die Investoren sind verwöhnt.“ Das Spektrum reicht bei der Dezember-Tour vom Online-Anwaltsvermittler Advocado aus Greifswald  und  dem mobilen Bewerbungs-Tool LogOn aus der Nähe von Memmingen,  über die IT-Optimierer von LeanIX  aus Bonn bis zu Just Spices aus Düsseldorf,  einem  Anbieter für kreative Gewürzmischungen. Der 47-jährige Korz, der einzige Baden-Württemberger, ist mit lässigem, schwarzem T-Shirt und seiner unverblümten Sprache ein Exot. Während die anderen mit Hochglanz-Präsentationen punkten, verströmt er Energie – und eine sympathische Prise Wahnsinn.

Die Startup-Metropole New York sprengt deutsche Dimensionen

In Deutschland sind alle diese Start-ups erfolgreich. Doch New York ist eine andere Liga. Marketing auf Amerikanisch ist am ersten Tag das Thema. Susan Lindner, PR-Expertin aus New York, will von den Gästen Visionen hören. „Ihr müsst Geschichten erzählen“, sagt sie. Aber auf den Punkt! Da gibt es bei Korz noch Potenzial. „Das Ziel von Alugha ist es, Sprachbarrieren weltweit zu eliminieren. Jeder Mensch hat eine Botschaft – und die ist wichtig!“, sagt sie klar und knapp. Der Deutsche schaut sie an. Wie hat sie das nur so schnell kapiert?
New York ist nach dem Silicon Valley die zweitgrößte und angeblich am schnellsten wachsende Gründermetropole der Welt. Sechs Milliarden Dollar (5,7 Milliarden Euro) wurden hier 2015 in Start-ups gesteckt – also in Firmen mit innovativen Ideen und hohen Wachstumschancen. Zum Vergleich: In ganz Deutschland waren es rund 3,7 Milliarden Euro. Wie viele Startups sich in der Stadt tummeln, weiß niemand. Die Schätzungen liegen zwischen 8000 und 10 000. Die Tour-Organisatorin Diewald hat nach zehn Touren mit 127 Teilnehmern inzwischen ein Auge dafür, wer vom Stahlbad New York profitieren kann.

Kann es der Alugha-Gründer hier schaffen?

Gehört der Alugha-Gründer dazu? „Bernd Korz – Visionär“, steht über seiner persönlichen Webseite. Wenn die New Yorker eine echt amerikanische Geschichte vom Scheitern und Wiederaufstehen hören wollen, kann er sie erzählen. Einst war er Bauunternehmer und baute etwa beim Hamburger Volksparkstadion mit – bis ihn Großkunden mit  schlechter Zahlungsmoral ruinierten. Korz gründete wieder. Diesmal eine IT-Firma, die er aber ebenfalls aufgeben musste. Danach arbeitete er freiberuflich im IT-Bereich .
Vor fünf Jahren kam ihm die Idee mit der Online-Übersetzungsplattform. Doch als er potenziellen deutschen Partnern davon erzählte, hatten die nur Bedenken. „Da brauchen wir einen Prototypen, hieß es. Der kostet mindestens 150 000 Euro und braucht sechs Monate“, sagt Korz. 

Alugha

Bernd Korz mit Sohn Niklas in der Zeit der Firmengründung im Jahr 2014. Foto: Rewak/Alugha

Als er frustiert seinem damals 15-jährigen Sohn, einem Computerfreak, am Abendbrottisch davon erzählte, hörte der nur still zu. Eine Woche später kam er an und sagte: „Papa, ich will dir etwas zeigen“. Der Prototyp war fertig. Heute ist Sohn Niklas eines der wichtigsten Teammitglieder im Unternehmen.  Alugha hat 25 Mitarbeiter, die neun Sprachen sprechen. Das Start-up macht bereits monatlich Umsätze im gut fünfstelligen Bereich. Man hat internationale Lehrvideos für BASF erstellt, übersetzt Imagefilme für Europäische Institutionen und dolmetscht Lehrfilme für den beliebtesten Mathematik-Tutor Europas auf You Tube, der im Monat auf Millionen Klicks kommt. Und um die wundersame Geschichte komplett zu machen: 3,5 Millionen Euro Investorengelder hat Korz ebenfalls eingesammelt. Als er einem befreundeten jungen Unternehmer von dem Projekt erzählte, stieg der gleich ein – weil er aufgrund früherer Erfahrungen mit dem Alugha-Gründer an dessen Elan glaubte. „Das gibt es in Deutschland selten“, sagt Korz.

Die New Yorker fordern Aggressivität

Vor dem Auftritt bei den Investoren gibt es in New York eine weitere Schulung. Korz holt wieder ganz weit aus: „Wir sind smarter als Youtube. Wir können hunderte Videos in hunderte Sprachen übersetzen.“ Er rattert die Liste möglicher Kunden herunter: Multinationale Firmen, Bildungseinrichtungen, Übersetzer auf der Suche nach neuen Kunden, Leute mit dem Wunsch nach mehr Reichweite für ihre You-Tube-Videos. „Wir sind eine Mischung aus Facebook und Wikipedia,“ sagt er – stolz auf den neu erfundenen Superlativ.
„Und was heißt das?“, fragt unbeeindruckt Eyal Megged, New Yorker Spezialist für digitale Medien. „Das Problem, das ihr lösen wollt, ist offensichtlich“, sagt er: „Aber ich habe mehrfach den Faden verloren. Was ist das Zielpublikum? Werbeagenturen? Profis oder Amateure?“ Amerika, das Land der Visionen, hat eine nüchterne Seite: Große Ziele brauchen kleine, konkrete Schritte. Hohe Risiken lohnen sich nur, wenn am Ende riesige Profite winken, am besten der hundertfache Kapitaleinsatz. „Konzentriert euch allein auf den wirtschaftlich lohnendsten Weg“, sagt Megged: „Bildung ist ja nett. Aber lohnt es sich, da Geld reinzustecken?“
Auch Josh Cohen von der Startup-Beratung JSC Innovation, der in Deutschland gelebt hat, macht keine Umschweife: „Komm nur hierher, wenn du eine Plattform hast, wo du vor der Wahl stehst: die Welt erobern oder gar nichts. 95 Prozent der deutschen Startups bleiben besser in Deutschland, anstatt hier ihre Ressourcen zu verschwenden. Oder kennen Sie ein einziges deutsches Startup, das die Welt dominiert?“ Dafür brauche es Aggressivität: „In Deutschland haben Startups Angst, dass ihre Ideen gestohlen werden. Hier hast nur vor einem Angst: Dass du zu langsam bist.“

Fünf Minuten für die Unternehmenspräsentation

Dann ist es soweit. Drei Risikokapitalgeber sind geladen. Fünf Minuten Zeit haben sie jeweils für Einzelgespräche mit den 13 deutschen Startups mitgebracht. Korz und sein schweigsamer Teampartner Arthur, der Mann fürs Kreative, eilen mit aufgeklapptem Laptop im so genannten Coworking-Space „Primary“ am Broadway an Dutzenden und Aberdutzenden von Mini-Glaskoben für Start-ups vorbei. Keine halbe Minute brauchen die New Yorker Profis, um Alugha zu verstehen. Binnen eineinhalb Minuten ist das Geschäftmodell abgeklopft – und zerlegt. Den größten Erfolg hat Korz, als er bei Investor Nummer drei mit der Präsentation seines Video-Spielers einsteigt. „Eindrucksvoll“, sagt der, als Korz zwischen den Übersetzungen hin- und herklickt. „Die haben sofort alles begriffen“, sagt der Alugha-Gründer ebenfalls beeindruckt.
Unter dem Titel „Hacker und Hefeweizen“ steht danach das öffentliche Präsentationsfinale an. Solche „Pitches“ sind auch in Deutschland Routine. Zeitlimit normalerweise fünf Minuten – in New York sind es zwei. Korz schafft es beim Üben in zwei Minuten und acht Sekunden. Nervös ist er trotzdem. Der Satz, dass er schon Geld verdient, muss unbedingt rein…

Kleine Panne beim Pitch

Alugha ist von den 13 deutschen Start-ups fast das letzte, das vor 130 Wirtschaftsexperten, Investoren und Start-up-Vertretern vorträgt. Bernd Korz hebt an – und schon hakt die Technik. Mit der Punktlandung wird das heute Abend nichts. Im Finish lässt er auch noch den Umsatz unerwähnt. Doch um Haltungsnoten geht es nicht. Die Jurymitglieder sagen nur zwei, drei Sätze. Doch die treffen ins Schwarze.
„Man muss das Produkt sehen – dann sagt man: Wow!“, sagt
Andrew Baker von der Investorengruppe Empire Angels: „Aber ihr müsst die nötige, große Reichweite schaffen“. Und  Todd Breeden von der Risikokapitalfirma Kiwi Venture findet einen anderen wunden Punkt: „Seid ihr sicher, dass es für Leute in der Internet-Crowd sinnvoll ist, für euch zu übersetzen? Dass die Qualität stimmt? Allein aus Herzensgüte heraus tut das niemand.“ Und Garrett Klugh von der Risikokapitalgesellschaft Star Angel bilanziert: „Ein echt cooles Produkt. Freiberufler können eine solche Plattform gebrauchen.“ Korz holt Luft – läuft doch.

Korz weiß nun, dass er Tempo machen muss

Wir müssen uns auf einen Kern des Produktes konzentrieren. Da haben die hundertprozentig Recht,“ sagt er danach. In Deutschland werde er immer nur gefragt, was an seiner Technologie neu sei: „Aber dieser Teil ist banal. Wir haben vielmehr ein Problem identifiziert – und dafür eine Lösung gefunden.“ Die Amerikaner haben die Vision darin erkannt. „Wenn du in Deutschland sagst, dass du 100 Millionen Menschen erreichen willst, halten dich alle für einen Spinner,“ sagt er.
Nach zwei Minuten steigt auch in New York kein Investor ein. Doch der Mannheimer reist mit  einem Stapel an
Visitenkarten ab: „Da sind Leute aus der Film- und Medienbranche dabei, aus einem Autokonzern, zwei coole Entwickler. Auch mit einem Risikokapitalgeber habe ich schon Verbindung.“ Jeder knüpft mit am Netz, ob er eigene Interessen hat oder nicht. Das macht man so in den USA. „Ich habe drei richtig heiße Kontakte für dich“, lautet eine Mail. Korz weiß, dass Alugha New Yorker Tempo braucht. „In den USA ist man da vom ersten Moment an effizient. Zack, zack heißt es: Denke in großen Dimensionen, gehe geradeaus“, sagt er: „Wir in Deutschland wursteln lieber vor uns hin.“ Er hat es begriffen: Eigentlich ist er ein Amerikaner.

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