Mehr Phantasie! ZKM-Chef Weibel zur Digitalisierung

ZKM-Chef Weibel zur Digitalisierung"Die Gesellschaft bemerkt einen notwendigen Wandel normalerweise immer erst, wenn es zu spät ist", sagt Weibel. Foto: ZKM

Der Daniel Düsentrieb der Kunst wurde Peter Weibel einmal genannt: Der Leiter des Karlsruher Zentrums für  Kunst und Medientechnologie (ZKM) verblüffte als Performance- und Videokünstler und erlangte internationales Renommee. Das Urteil von ZKM-Chef  Weibel  zur Digitalisierung ist skeptisch. Er sieht Deutschland und Europa weit hinterherhinken.

Herr Weibel, was genau bedeutet Digitalisierung?
Zur Welt der Worte, Bilder und Dinge gesellt sich eine neue Welt. Die Welt der Daten. Die Welt wird durch die Digitalisierung in eine Datenwelt verwandelt. Wir kommunizieren heute über Mobiltelefone und Satelliten, Computer und Internet, mehr mit Daten als mit Dingen. Diese Daten, die uns Sensoren für nahezu alles von Waschmaschinen bis Weltraumsonden liefern, müssen verarbeitet werden. Dazu werden Algorithmen benötigt.

Wie werden diese Datenmengen verarbeitet und analysiert?
Zur Datenverarbeitung und deren Interpretation ist künstliche Intelligenz notwendig, weil die Datenmengen für die Erfassung durch natürliche Intelligenz zu groß sind. Bei der Aufarbeitung eines Finanzskandals kann niemand Zehntausende Seiten von Protokollen lesen, niemand kann die Krankengeschichten von einer Million Menschen lesen. Dazu benötigen wir Algorithmen, die diese Datenmengen durchkämmen auf der Suche nach bestimmten Begriffen, Schlüsselworten. Dasselbe gilt für die Teilchenforschung beim Cern in Genf. Die Korrelation von Daten ermöglicht es dann, neue Befunde, neue Zusammenhänge und damit auch eine neue Wirklichkeit herzustellen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft?
Als 1958 Jack S. Kilby den integrierten Schaltkreis (den Chip) erfand, für den er im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physik erhielt, gab es ganz schnell die Befürchtung, dass durch das neue Bauteil und dessen Weiterentwicklung Jobs wegfallen könnten. Dazu kam es auch. Es wurden aber gleichzeitig durch die neue Technik auch viele neue Arbeitsplätze, eine ganze neue Industrie der Mikroelektronik geschaffen.

In welchen Ländern gab es denn diese Entwicklung?
Diese Entwicklung hat in Amerika stattgefunden und nicht bei uns in Europa. Dies hatte zur Folge, dass sich über die Jahrzehnte hinweg in den USA eine Softwareindustrie entwickelt hat, die heute die Welt beherrscht. Die Situation für die Wirtschaft stellt sich also so dar: Die USA produzieren die Software, Asien dazu die Hardware.

Europa und Deutschland konsumieren neue Technologien nur

Und wo besteht jetzt noch eine Chance für Europa?
Bislang konsumieren Europa und auch Deutschland die neuen digitalen Technologien nur. Es gibt nun aber die Chance, die vorhandenen Technologien aufzugreifen und konsequent einzusetzen, und zwar als Kulturtechnik. Europa hat seine globale Hegemonie in der Neuzeit nicht nur durch Kriege bekommen, sondern auch seinem Monopol auf Innovation zu verdanken, das die Moderne hervorgebracht hat. Diesen Weg müssen wir weitergehen und uns dabei nicht beirren lassen. Innovation entsteht aber nur durch Wissen und Phantasie. Der Zugang zum Wissen und die Ausbildung von Fantasie beziehungsweise Kreativität müssen massiv gefördert werden. Bisher beherrscht zum Beispiel nur eine kleine Anzahl von Menschen das Wissen zahlreicher Programmierungen. Wir haben jetzt die Chance, über den Weg der Bildung das Wissen auf die Schultern zahlreicher Mitstreiter zu verteilen. Bekanntlich sehen Zwerge auf den Schultern von Riesen weiter als die Riesen selbst.

Und was sagt der ZKM-Chef  Weibel zur Digitalisierung?
In Deutschland und auch in Teilen Europas ist man nicht bereit, sich konsequent auf die Digitalisierung einzulassen. Gerade in Deutschland habe ich den Eindruck, dass wir hier in einem Land leben, in dem es Angst vor der und auch Widerstand gegen die neue Technik gibt. In Deutschland herrscht Technophobie. Und das sollte in einem Land, in dem das Auto erfunden wurde, eigentlich nicht sein.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?
Deutschland ist gut im Maschinenbau, also in der physischen Mobilität, hier werden gute Autos entwickelt. Aber die virtuelle Mobilität der Daten stand nicht im Zen­trum der Industrie. Daher hat eine Datenfirma wie Google sich zuerst mit dem Thema des selbstfahrenden Autos befasst, das heißt, mit der Konvergenz von daten­gesteuertem Fahren und menschlichem Fahren. Erst seit geraumer Zeit setzen die etablierten Autobauer alles daran, bei diesem Thema wieder Boden gutzumachen.

Tun die Deutschen und Europäer denn genug, um diesen Rückstand aufzuholen und zu den führenden Ländern aufzuschließen?
Ich glaube nicht, dass die Deutschen und auch die Europäer so schnell Amerika und China bei dem Thema einholen können. Es wird sicherlich eine längere Zeit dauern, bis der Abstand zu den beiden Ländern aufgeholt werden kann.

ZKM-Chef Weibel zur Digitalisierung: Mehr Bildung!

Was ist nun zu tun, speziell hier in Deutschland?
Es muss versucht werden, die Digitalisierung und die Arbeit mit den Daten überall möglich zu machen. Das muss universell angewendet werden. In den Fabriken, in den Krankenhäusern, im Justizwesen, in der Wirtschaft, in den Schulen und Universitäten, im gesamten Leben muss auf das Thema gesetzt werden.

Wird denn genug investiert?
Klares Nein. Der Staat und auch die Wirtschaft müssen eindeutig viel mehr investieren. Es geht um das Überleben der Indus­trie. Es wird von allen Seiten zu wenig Geld in die neue Datentechnik und digitale Informationstechnologie gesteckt.

Wie wird die Gesellschaft Ihrer Ansicht nach darauf reagieren?
Die Gesellschaft bemerkt einen notwendigen Wandel normalerweise immer erst, wenn es zu spät ist. Das Umschalten ist aber noch machbar, wenn nun in die notwendigen Bereiche investiert wird. Aber dass Veränderungen notwendig sind, ist noch nicht in allen Teilen der Gesellschaft hierzulande angekommen. Noch brummt es in der Wirtschaft, und das macht blind.

Warum ist das so? Jetzt müssten doch die Weichen für die Zukunft gestellt werden!
Gerade, weil ein Geschäftszweig gut läuft, kümmert er sich nicht um Veränderung und versäumt plötzlich den Anschluss. Darum spricht man von disruptiver Technologie. Aber wenn nun Tempo gemacht wird und innerhalb von fünf Jahren die nötigen Schritte eingeleitet werden, ist es aus meiner Sicht möglich, den Wandel gut begleiten zu können.

Was würden sie als ZKM-Chef Weibel zur Digitalisierung in der Bildung tun?
Das ist ein sehr wichtiges Thema. Bildung ist die Grundlage für die Bewältigung der sich abzeichnenden Herausforderungen. Die nächste Generation muss die digitalen Kenntnisse von Anfang an vermittelt bekommen. Nur so kann sie sich in der digitalen Welt dann ohne Probleme zurechtfinden. Deshalb ist gerade in diesem Bereich eine Bildungsoffensive notwendig, die sehr umfangreich sein muss.

Zur Person: Peter Weibel
Peter Weibel (74) verblüffte als Performance- und Videokünstler und erarbeitete sich internationales Renommee als Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Der Österreicher wurde am 5. März 1944 in Odessa in der Ukraine geboren. Er studierte in Wien und Paris. Neben Literatur belegte er die Fächer Philosophie und Film, aber er studierte außerdem auch Medizin und Logik.  Peter Weibel lehrte an Hochschulen in Österreich, Kanada, den USA und in Australien. 1989 wurde er der erste Direktor des Instituts für Neue Medien (INM) in Frankfurt/Main. Er prägte die Entwicklung der Computerkunst maßgeblich. Seit Januar 1999 leitet er das ZKM in Karlsruhe. Wenn sich  ZKM-Chef  Weibel zur Digitalisierung äußert, kombiniert er technologisches Wissen mit kultureller Kompetenz.

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER