Yvonne Hofstetter: KI und Demokratie – ein Rückfall?

KI und Demokratie; Yvonne HofstetterDefinieren Daten den Menschen? Das fragt die Theodor-Heuss-Presiträgerin Yvonne Hofstetter. Foto: Pixabay/Geralt/CC0

KI und Demokratie – ein Rückschlag? Diese These vertritt die Publizistin und IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter, die jetzt in Stuttgart den Theodor-Heuss-Preis 2018 erhalten hat.

Theodor-Heuss-Preis und Künstliche Intelligenz  (KI) ? Auf den ersten Blick ist das für einen Preis, der seit mehr als einem halben Jahrhundert politisches, gesellschaftliches und soziales Engagement wirkt, eine ungewöhnliche Kombination.

Man habe sich bei der Formulierung des Themas für den 53. Theodor-Heuss-Preis der 2018 unter der Überschrift “Programmierte Freiheit -Spielräume für Verantwortung” stand, nicht leicht getan, sagte die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan zur Preisverleihung in Stuttgart.

Graben zwischen Technologen und Gesellschaftskritikern

Sie umschrieb damit ein Dilemma beim Thema Digitalisierung: Den Graben zwischen oft politisch blinden Technikpropheten einerseits und denjenigen, die häufig ohne Detailkenntnis der Zukunftstechnologien, über deren Folgen für die Gesellschaft reflektieren. Man habe sich nach dem ersten Treffen erst einmal einlesen müssen “um zu einer verantwortbaren Entscheidung zu gelangen.” Das Thema KI und Demokratie liegt im Trend. Selbst die Computermesse Cebit ließ in der vergangenen Woche mit dem Amerikaner Jaron Lanier einen heftigen Kritiker der übermächtigen IT-Technologie zu Wort kommen.

Gewürdigt wurde mit der Publizistin, IT-Unternehmerin und Juristin Yvonne Hofstetter, eine radikale Kritikerin der Manipulation im Digitalzeitalter. Als Hoffnungszeichen wurden andererseits drei Initiativen gekürt, die den Spagat zwischen Technik und gesellschaftlicher Verantwortung wagen. Alle sind aus Berlin.

KI und Demokratie – drei Initiativen packen das Thema an

Da ist das Startup AlgorithmWatch, das die Mechanismen von Algorithmen etwa auf sozialen Medien transparent machen will. Der Aufklärungs- und Bildungsarbeit für junge Menschen haben sich hingegen die Initiative Jugend hackt und die Gruppe „Die Aula“ verschrieben. Erstere lädt junge Leute zwischen 12 und 18 zu so genannten Hackathons ein, wo sie im Team an Programmen arbeiten, die gesellschaftlich nützlich sein sollen. “Die Aula” hingegen bietet eine Online-Plattform, die Schülern eine demokratische Mitsprache an ihrer Schule ermöglicht, auf der sie für eigene Ideen Mehrheiten organisieren lernen.

Diese drei Gruppen setzen ein zentrales Anliegen der diesjährigen Theodor-Heuss-Preisträgerin Yvonne Hofstetter um: Bildung für die digitale Welt. Ihre Diagnose in der Dankesrede war radikal. Sie verstand sie aber als Ideologie- und nicht als Technologiekritik. Die Behauptung etwa, als Gegenleistung für die Preisgabe unserer Daten stehe eine nie gekannte individuelle Freiheit, nannte sie, “nichts als Ideologie und die Grundlage für einen Hyperkapitalismus”. Ausgerechnet die “Werbetechnologie amerikanischer Technologiekonzerne und deren Pseudo-Individualisierung haben wir zur neuen Plattform für die Meinungsfreiheit auserkoren”, sagte die 52-Jährige. Wenn die Technologen des Silicon Valley dabei von einem  optimierten Menschen träumten, so lehre die historische Erfahrung eines: “Neue Menschen waren nie eine gute Idee.”

Yvonne Hofstetter: Verändern Daten das Menschenbild?

Doch längst habe dieses Ideologie vom Menschen als “Datenhaufen” schleichenden Einfluss auf das Menschenbild gewonnen: “Es verändert unsere Selbstwahrnehmung, unser Wertesystem und unser Zusammenleben in Gesellschaft und Staat.” Es gehe angesichts eines immer weiter individualisierten Blickes auf die Realität um nichts weniger als den “Verlust der Wahrheit”, sagte sie: “Das Meinungschaos verwirrt die Bürger, die nicht mehr wissen, was wirklich ist und was nicht.” Soziale Medien seien zu den “Gesinnungstyrannen des 21. Jahrhunderts” geworden.

Die Folgen seien zu besichtigen, sagte Yvonne Hofstetter: “Aus einer unüberschaubaren Masse an Einzelmeinungen steigt jene starke populistische Führungsfigur auf, die einfache Antworten auf komplexe Fragen bietet.” Ihr Fazit zu KI und  Demokratie: “Seit langem lautet eine meiner Thesen, dass uns der digitale Fortschritt gesellschaftlich – nicht wirtschaftlich! – nicht weiterbringt, sondern um Jahrzehnte zurückwift.”

Am Ende bleibt als Lösung nur eine neue Aufklärung

Lösungen sucht Yvonne Hofstetter neben der Bildung auch in einer europäischen Technologiepolitik die in zentralen Bereichen wie der Künstlichen Intelligenz vorne mitmische – und ihre Werte dabei einbringe. Und nicht zuletzt müssten im digitalen Zeitalter Grundrechte nicht mehr nur gegenüber dem Staat, sondern auch gegenüber Unternehmen eingefordert werden können. Es brauche gegenüber den privaten Machtmonopolen eine Charta der digitalen Grundrechte – etwa die Selbstbestimmung über die eigenen Daten.

Hier zeigte sich der zweite Hauptredner, der Präsident des Bundeskartellamtes Andreas Mundt, optimistisch. Mundt, dessen Behörde etwa mit Facebook wegen dessen Datensammelpraxis im Clinch ist, hält es für möglich, durch das Durchsetzen rechtlicher Normen auch Datenkraken zu bremsen: “Wir können Licht und Gestaltung in das digitale Schattenreich bringen.”

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