Weltkulturerbe aus dem 3D-Drucker?

3D-DruckerDer Baaltempel von Palmyra soll mit technologischer Hilfe wiederauferstehen; Foto: Jerzy Strzelecki , CC BY-SA 3.0

3D-Drucker als Retter für verlorene Kulturgüter? Das klingt auf den ersten Blick bestechend. Aber bei genauerem Blick erkennt man, dass auch in diesem Fall moderne Technologie kein Allheilmittel sein kann.

Michael Danti hat eine Vision. Der US-Archäologe träumt von einem befriedeten Syrien, einem Land, in dem Zerstörung nicht von Dauer ist und die Vernichtung von Weltkulturerbe rückgängig gemacht werden kann. Durch Rekonstruktion. Doch ein Wiederaufbau von antiken Stätten, die durch Krieg oder Verfall demoliert sind, ist in der Fachwelt umstritten.
In seinem Büro in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts hält Michael Danti eine Satellitenaufnahme in Händen. Das Foto zeigt eine Ausgrabungsstätte in Syrien. Wo der Archäologe vor vier Jahren mit dem Pinsel eine Säulenbasis gesäubert hat, ist heute ein Krater zu sehen. 20 Jahre grub der US-Forscher im Nahen Osten. Nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs tauschte er die Schaufel gegen den Schreibtisch. Seither leitet er die Syrian Heritage Initiative, eine Organisation, die im Auftrag der US-Regierung beobachtet, welche Monumente in dem Krisengebiet von Plünderungen und Sprengungen bedroht sind. Für Danti ist es „der schlimmste Notfall für das Weltkulturerbe seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Helfer versuchen zu retten, was zu retten ist

Traurige Berühmtheit erlangte 2015 der Tempel des Baal in Palmyra, als ihn die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) mit Sprengladungen in Trümmer legte. Nach 2000 Jahren zerfiel das großartige Bauwerk innerhalb weniger Sekunden zu Schutt. Zerstört oder ihrer Schätze beraubt sind auch das Kloster Mar Elian nahe Palmyra, die römische Stadt Apamea am Orontes in Nordsyrien, die älteste christliche Kirche der Welt in Dura Europos und die bronzezeitliche Stadt Mari, beide im Osten Syriens. Außerdem die antike Stadt Hatra im Irak, die Museen in Mossul, die assyrischen Städte Nimrud und Chorsabad, das 1600 Jahre alte Kloster Mar Behnam bei Mossul – um nur einige Stätten zu nennen. Und die Liste des Schreckens wächst. „Es gibt etwa 20 000 archäologische Stätten in Syrien und im Irak“, schätzt Michael Danti, „die Museen nicht mitgerechnet.“
Dem stehen etwa 50 Helfer vor Ort gegenüber. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist. „Wird eine Region bedroht, bleibt manchmal noch genug Zeit, um unsere ‚Monuments Men and Women‘ dorthin zu senden. Wenn das gelingt, holen sie tragbare Kunstschätze, Fotos und Dokumente aus den Museen“, erklärt Danti und schränkt zugleich ein: „Große Statuen und Architektur können wir nicht retten.“

Wiederaufbau mit Duplikaten aus dem 3D-Drucker

Vielleicht aber rekonstruieren. Während im Nahen Osten die Detonationen nicht enden, bauen Historiker die antiken Stätten in Europa wieder auf – mit Duplikaten aus dem 3D-Drucker. Vorreiter der digitalen Wiederherstellung ist das Institut für Digitale Archäologie (IDA), eine Kooperation der Universitäten Harvard in den USA und Oxford in England.
Der Prüfstein für die Arbeit des IDA ist sechs Meter hoch: der Hadriansbogen von Palmyra, den der IS 2015 sprengte, und den das IDA in einer Kopie wieder auferstehen ließ. Im April ragte der Bogen über den Trafalgar Square in London. Im Herbst soll er auf dem Times Square in New York zu sehen sein – als Antwort auf die Zerstörungswut der Terrormilizen. Dass der Bogen so schnell hergestellt werden konnte, ist nur dank Digitaltechnologie möglich.
Normalerweise fertigt das IDA vor der Rekonstruktion 3D-Aufnahmen des Originals an. Das war im Fall von Palmyra nicht möglich. Alles, was den Digital-Archäologen zur Verfügung stand, waren Fotos. Daraus schufen sie ein 3D-Modell im Computer und schickten die Daten nach Italien. In Carrara sägte eine computergesteuerte Fräse eine Replik des Bogens aus Marmorblöcken, samt antiker Ornamentik. Ein 3D-Drucker von der Größe eines Basketballfelds arbeitet derzeit in Pisa. Die monströse Maschine spuckt Architekturteile aus, ihre Tinte ist ein künstliches Sandsteingemisch. Noch 2016 soll der Koloss in Palmyra und Aleppo aufgestellt werden, um dort die frischen Lücken der antiken Stätten mit Rekonstruktionen zu füllen.

Zeichnungen von Hand sind  nicht zu ersetzen

„3D-Rekonstruktionen mit Scannern und Druckern lassen sich schnell anfertigen, das stimmt“, sagt Nils Hellner vom Deutschen Archäologischen Institut in Athen. „Aber eine Zeichnung von Hand ist nicht zu ersetzen.“ Unter Hellners Ägide und der seines Vorgängers Klaus Herrmann wurde ab 2004 eine der über zehn Meter hohen Säulen des 2500 Jahre alten Zeus-Tempels in Olympia wieder aufgestellt, später folgten Teile der Nordwand. 2012 war das Ensemble komplett. Die Archäologen fahndeten monatelang nach dem geeigneten Baustoff und fertigten Pläne der Bauteile an. Zentimeter um Zentimeter zeichneten sie Säulentrommeln und Kapitelle akribisch ab. „Technische Details wie Steinbearbeitungsspuren versteht man erst, wenn man sie zeichnet“, erklärt der Bauforscher. „Punktwolken, die der Laser aufnimmt, liefern zwar ein Gerüst. Aber die Nachbearbeitungen sind sehr aufwendig. Da ist es einfacher, die Stücke gleich zu zeichnen.“
Auf Handarbeit setzt auch Søren Nielsen im dänischen Roskilde. Nielsens Team baut mit historischen Werkzeugen Drachenboote nach und sticht mit ihnen in See. Als Vorlage dienen dem Schiffsarchäologen Wracks aus der Wikingerzeit. Doch deren Bretter lagen über 1000 Jahre in der Ostsee und sind verbogen. „Keinem Computer gelingt es bisher, verformetes Holz seiner Eigenschaft gemäß wieder in den ursprünglichen Zustand zu bringen“, so Nielsen. Mit seinen Kollegen schneidet er die Form der Bretter aus Pappe und biegt die Schablonen so lange, bis sie zusammenpassen. „Wenn wir ein Wikingerschiff mit historischen Methoden bauen, dauert das natürlich lange. Aber wir erhalten dabei Antworten auf Fragen, die wir sonst nicht einmal gestellt hätten.“
Trotz Kritik an der digitalen Methode mit dem 3D-Drucker will Michael Danti in Boston künftig stärker auf hochauflösende 3D-Scans zurückgreifen: „Rekonstruktionen sind wichtig, um das öffentliche Interesse zu erregen.“ Noch lieber würde Danti an seine ehemalige Wirkungsstätte zurückkehren. „Wenn Archäologen wieder in Syrien arbeiten können, wird ihre Aufgabe allerdings nicht sein, alte Städte auszugraben, sondern die zerstörten Orte wiederherzustellen.“

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