Volocopter in Bruchsal fliegt jetzt los

Volocopter in BruchsalDieses Bild ist keine Science Fiction mehr. Foto: Volocopter

Eine Spielzeugdrohne liefert die Idee für ein Lufttaxi – in etwa zwei Jahren sollen die ersten Fluggeräte mit Passagieren abheben. Die Zahl der Mitarbeiter bei Volocopter in  Bruchsal steigt rasch.

Aus dem Spiel wurde schnell Ernst. Und deshalb gibt es bei Volocopter in Bruchsal nicht nur einen Hangar mit etlichen Fluggeräten. Vor einem Gebäude im Indus­triegebiet steht ein Grill auf der Terrasse, an einem Haken hängen Schaukelstühle, viele junge Beschäftigte tummeln sich im Haus, arbeiten an Bildschirmen und mit Leiterplatten – Startup-Atmosphäre eben.

Was über einen großen Bildschirm im Zimmer von Firmengründer Alexander Zosel flimmert, sieht nach Science-Fiction aus, könnte aber in wenigen Jahren schon Wirklichkeit werden: Lufttaxis, Drohnen für Passagiere, die zwischen Hochhäusern herumschwirren. „Mein Mitgründer Stephan Wolf hat vor einigen Jahren für seinen Sohn eine elektrische Spielzeugdrohne gekauft“, berichtet Zosel, „und dabei kam er auf die Idee, das könnte man auch als Fluggerät für Passagiere herstellen.“

Der Techniker Wolf rief seinen Freund Alexander Zosel an, der damals als Fluglehrer arbeitete. Und deshalb wurde aus der Sache mit der Spielzeugdrohne schnell Ernst. Beiden war klar, dass man noch viel Gehirnschmalz in die technische Entwicklung stecken musste – doch beide waren auch von Anfang an überzeugt, ein Hubschrauber mit Elektroantrieb könne eines gar nicht so fernen Tages tatsächlich seinen ersten Start absolvieren.

„Vor sieben Jahren haben wir angefangen“, erzählt Zosel – und was damals geschah, erinnert etwas an die Anfänge der Luftfahrt. An Männer wie Otto Lilienthal, die sich Flügel bastelten, Abhänge hinunterrasten – und tatsächlich für kurze Zeit abhoben. 90 Sekunden blieb der erste bemannte elektrische Volocopter auf einem Gelände bei den Karlsruher Messehallen in der Luft – der Test, dass solcherlei Fliegerei tatsächlich möglich sei, war bestanden.

Volocopter in Bruchsal fliegt nicht nur in Dubai

Inzwischen haben Nachfolger dieses Fluggerätes 2017 über den Hochhäusern des Golf-Emirats Dubai und 2018 über Las Vegas ihre Bahnen gezogen – und natürlich wird auch, von der Öffentlichkeit weniger beachtet, in Bruchsal geflogen. Wie dem Schneider von Ulm, den widrige Winde in die Donau stürzen ließen, ging es dem Unternehmen nie – weder technisch noch finanziell. „Einen Durchhänger gab es bei uns nicht“, erklärt Zosel. Zwar wurde noch kein einziges Fluggerät verkauft, aber Investoren wie Daimler oder Intel, Fördermittel aus der Politik und Aufträge von Behörden, auch aus dem Ausland, brachten Geld in die Kasse.

Auch Zosel und Wolf gehören neben Daimler, Intel und verschiedenen anderen Firmen noch zu den Gesellschaftern des Unternehmens. Dass dieses für seine Investoren ein Zuschussbetrieb ist, stört Zosel keineswegs. Der Mitgründer sieht sich dabei in bester Gesellschaft mit Tesla und oder dem Fahrdienst Uber, die auch noch kein Geld verdienen, aber Großes vorhaben.

Erste Passagierflüge in zwei bis drei Jahren

„Wir haben schon Anfragen für Lufttaxis aus verschiedenen Städten“, sagt Zosel. „In zwei bis drei Jahren könnten unsere Taxis die ersten Verbindungen von einem Punkt zum anderen fliegen.“ Natürlich, so räumt Zosel ein, sei auch die Schonung der Umwelt ein Grund dafür, dass die Passagiere mit Elektroantrieb befördert würden. Doch entscheidend ist etwas anderes: Ein Hubschrauber mit Elektroantrieb lässt sich besser steuern, beschleunigen und abbremsen als ein Helikopter mit Verbrennungsmotor.

Und das ist auch nötig, soll es keine Probleme geben, wenn irgendwann immer mehr Fluggeräte im Luftraum unterwegs sind. „Mit einem Verbrennungsmotor würde das ganze System nicht funktionieren“, meint Zosel. Dank der Digitalisierung sollen die Lufttaxis nach Meinung von Zosel auch miteinander kommunizieren können und etwa festlegen, wer wann Vorfahrt hat oder wer in welcher Höhe unterwegs sein soll. Fliegen die Lufttaxis erst einmal komplett autonom, könnte auch der Sitzplatz des Piloten eingespart werden, sagt der gelernte Fluglehrer.

Auch Zweisitzer sollen ins Programm

Anbieten will er Zweisitzer, aber auch Fluggeräte, die mehr Passagiere befördern. Die Anzahl allerdings ist beschränkt: „Je größer das Fluggerät ist, umso schwerer und lauter wird es.“ Doch nicht nur dies: Die künftigen Passagiere wollen direkt zu ihrem Hotel oder ihrem Termin bei einem Unternehmen und keine Zeit damit verlieren, an den verschiedensten Orten jemand aussteigen oder einsteigen zu lassen.

Ein Flug, so meint der Verfechter der Lufttaxis, werde wohl kaum teurer sein als eine Taxifahrt auf der Straße, „und man fliegt einfach über den Stau hinweg“. Dass Menschen in die Luft gehen müssen, ist für ihn keine Frage: „In den Megacitys gibt es oft gar keinen Platz mehr für neue Straßen.“ Auch deshalb sollen die Fluggeräte ein Teil der künftigen Verkehrsinfrastruktur werden. „Sie könnten auch an Bahnhöfen oder Straßenbahnhaltestellen landen.“

Volocopter in Bruchsal will denn auch nicht nur keine Flugtaxis verkaufen, sondern „zusammen mit Partnern“ komplette Lösungen für die Verkehrsinfrastruktur – und diese eventuell auch betreiben. Deshalb sei es auch nicht möglich, einen Preis für ein Fluggerät zu nennen. „Und wir wollen auch nicht, dass sich reiche Leute ein solches Gerät für ihre privaten Flüge kaufen.“

Die Reichweite ist heute bei 27 Kilometern

Was die Bruchsaler heute in ihrem Hangar stehen haben, sind elektrische Hubschrauber, die beispielsweise ein Leergewicht von 290 Kilogramm haben, 160 Kilogramm zuladen können und mit einer Geschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde etwa 27 Kilometer weit fliegen können. Die maximale Geschwindigkeit beträgt 100 Kilometer in der Stunde. Wird besonders langsam oder besonders schnell geflogen, ist auch der Akku schneller leer als bei mittlerer Geschwindigkeit. „Aber die Batterien werden sehr rasch immer besser“, sagt Zosel. Und schon heute muss er sich nicht mit langen Ladezeiten herumschlagen – ist ein Akku leer, wird er aus dem Fluggerät genommen und durch einen vollen ersetzt.

Dass nicht nur der Gründer an die Zukunft der Fliegerei mit elektrisch angetriebenen Hubschraubern glaubt, zeigt die wachsende Zahl der Mitarbeiter – vor einem Jahr standen zehn Beschäftigte auf den Gehaltslisten, „heute haben wir 80 unterschriebene Arbeitsverträge“. Auch Ingenieure, die bisher etwa bei Daimler oder Airbus gearbeitet hätten, stünden schon in den Diensten von Volocopter.

Weltweit ein stolzer Pionier

„Als wir angefangen haben, dachten wir, die ganze Welt arbeitet an elektrisch angetriebenen Hubschraubern“, erinnert sich Zosel, „doch wir waren weltweit die Einzigen.“ Inzwischen arbeiten verschiedene Firmen an Fluggeräten für den Stadtverkehr, „aber wir haben einen technischen Vorsprung“. Und er wie seine Mitarbeiter schielen offenbar nicht nur auf das Gehalt: „Wir verändern die Welt“, sagt Zosel zu einem der Unternehmensziele. „In 10 bis 15 Jahren werden unsere Flugtaxis nicht nur von Punkt zu Punkt fliegen, sondern ein Verkehrsmittel sein, das sich überall bewegen kann.

„Das ist dann, wenn ich in den Ruhestand gehe.“ Der Firmengründer von Volocopter in Bruchsal hat dann wohl ausreichend Zeit, in luftigen Höhen über Städte zu fliegen und sich daran zu erinnern, wie alles begann: mit dem Kauf einer Spielzeugdrohne.

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