Auf der Suche nach einer Vision für Stuttgart

Vision für StuttgartStuttgart vom Fernsehturm; Bild: Patrick Sauter, CC BY-SA 3.0

Wie lässt sich in einer Region, in der wirtschaftlicher Erfolg, diskreter Reichtum und eine konservativ-zurückhaltende Mentalität sich in einer gewissen Selbstzufriedenheit mit dem Bestehenden spiegeln, die Zukunft neu denken? Die Suche nach einer Vision für Stuttgart.

Diese Frage stellen sich inbesondere Gründer und Startups, die selbst   ja von Visionen leben. Wo soll Stuttgart in 20 Jahren stehen? Ist es eine Stadt, die in ihrer Infrastruktur, ihrer Offenheit für neue, wirtschaftlich potente Ideen im internationalen Standortwettbewerb ganz vorne ist? Oder ist es ein Ort, der sich zu sehr auf seinen Standortvorteilen aus der Vergangenheit ausruht und zu wenig Raum für innovative Sprünge eröffnet? Diese Fragen treiben Johannes Ellenberg, den Geschäftsführer des Startup-Inkubators Accelerate Stuttgart und seine Mitstreiter von Stuttgarts erstem Startup-Verein Startup Stuttgart um. Unter dem Arbeitstitel „Stuttgart 31“ hat man hier begonnen, an einer Initiative zu basteln, die idealerweise zur einer Zukunftswerkstatt werden soll, die mehr ist als  ein weiterer Veranstalter von Podiumsdiskussionen über die Zukunft der Region, die sich ja oft in Allgemeinplätzen verlieren. „Es braucht in der Stadt eine bessere Plattform, auf der Menschen aus den unterschiedlichsten Gruppen eine langfristige Vision zur Zukunft der Stadt und ihrer Region entwickeln“, sagt Ellenberg. Die erste Streitfrage könnte übrigens sein, ob die ironische und auf den ersten Blick die Aufmerksamkeit erweckende, indirekte Anspielung auf  „Stuttgart 21“ eine glückliche Überschrift ist. Die Gräben, die sich mit dem Projekt in der Stadt verbinden, sind ja  weiterhin tief.

Die Vision für Stuttgart braucht eine Ideensammlung

Die Idee ist es, gegenüber der Stadt  die Wünsche und Anregungen einer möglichst breit aufgestellten,  lokalen „Innovations-Community“ als Vision für Stuttgart vortragen zu können. „Es wäre schön, wenn man das einmal wie Luthers Thesen dem Oberbürgermeister an die Tür nageln könnte,“  sagt Ellenberg. Was er nicht zu laut ausspricht: Auch wenn sich die Wirtschaftsförderer der Stadt engagiert zeigen, hat die Idee einer Gründer-Stadt beim grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn bisher noch nicht so sehr Eingang gefunden. Auch der Gemeinderat hält sich mit  der Kontaktaufnahme zur örtlichen Gründerszene bisher zurück. Im kommenden Jahr soll eine offene Einladung an alle möglichen Gruppen ergehen, denen das Thema Innovation in der Stadt am Herzen liegt. Bisher hat zu dem Thema ein erstes, internes Brainstorming stattgefunden, bei dem sich aber schon einmal fünf zentrale Themen herauskristallisiert haben: Netzwerken, Kapital, Infrastruktur, Außenwirkung und Kultur.

Netzwerken: Stuttgarter sind keine Rheinländer. Die Privatsphäre ist heilig – und so gibt es in der Stadt zwar eine Vielzahl von Zirkeln, in denen sich etwa Unternehmer austauschen, aber die verschiedenen Gruppen in der Stadt, die beim Thema Innovations-Vision an einem Strang ziehen müssten, begegnen sich zu wenig. Dazu kommt eine unübersichtliche Landschaft an oft über Jahrzehnten gewachsenen Institutionen, die sich jede auf ihre Weise mit dem Themen Innovation und Gründen befassen. „Es ist wirklich nicht so, dass etablierte Unternehmen nicht an Veranstaltungen zum Thema Startup interessiert sind“, sagt Ellenberg. „Aber das sind oft Formate, in denen es um kleinere, praktische Themen geht, die nicht das offene Nachdenken über Zukunftsvisionen befördern.“ Idealerweise müsse dazu eben nicht nur der Innovationsbeauftragte der Firma kommen, sondern auch der Firmenchef selbst einmal einen Platz in seinem Terminkalender freischaufeln. Es brauche auch einen richtigen Mix zwischen formellen und informellen Begegnungen. Große Podiumsveranstaltungen seien dafür nicht immer die richtige Plattform. Es müssten alle „Stakeholder“ zusammenfinden: Von Politikern, mittelständischen Unternehmern über Risikokapitalgeber und Wirtschaftsförderer bis hin zu den Gründern selbst.

Kapital: Das ist ein Kapitel, das mit dem Thema Netzwerken eng verbunden ist. Denn in Stuttgart stellt sich heute die Frage, wie der enorme in der Region vorhandene Reichtum für Gründer und Innovatoren produktiv werden kann. Es gibt auch hier diskrete Investorenzirkel und es ist auch schon manche Neugründung aus der Region von amerikanischen Investoren aufgekauft worden. Es gibt auch heute schon zahlreiche Innovationswettbewerbe, Fördergelder und Stipendien.  Ein Ziel könnte es sein, diese Anstrengungen effektiver zu bündeln, um mehr Nachhaltigkeit zu erzielen und es Gründern nach dem Ende des Förderzeitraums tatsächlich zu erlauben, auf eigenen Beinen zu stehen.

Infrastruktur: Auch hier gibt es eine Brücke zum Thema Kapital: Die Immobilienbesitzer in Stuttgart und der Region sind verwöhnt. Sie müssen ihre Büros  nicht an wacklig finanzierte Gründer vergeben, sondern bekommen sie auch so los. Aber eine Vermietung an junge Unternehmer könnte gelegentlich auch ein Beitrag zur Zukunft der Stadt sein. „Die Stadt selbst könnte etwa dabei helfen, durch Bürgschaften das Ausfallrisiko bei solchen Vermietungen zu minimieren“, meint Ellenberg. Aber das Stichwort Infrastruktur betrifft auch immer noch die Frage,  wie unter anderem  im Stadtzentrum kostengünstig ultraschnelle Datenverbindungen verlegt werden können, welche die normalen Telekommunikationsfirmen nicht im Angebot haben. Das geht, wie Ellenberg an einem konkreten Beispiel eines Unternehmers in der Stadt erlebt hat, bis hin zu der Frage, warum die Stadt nicht pragmatisch den Zugang zu vorhandenen Leerrohren erlauben kann. Auch die Frage der Mobilität gehört dazu:  „Stuttgart 31 könnte auch heißen, alle wichtigen Punkte in der Region binnen 31 Minuten erreichen zu können“, sagt Ellenberg.

Außenwirkung: Stuttgart hat eine traditionelle Innovationsstory. Sie ist mit den großen und kleinen Firmen verbunden, die seit eineinhalb Jahrhunderten für den technologischen Fortschritt stehen. Aber dieses Image müsse moderner werden, meint Ellenberg: „Es geht da nicht darum, unsere bisherigen Standortvorteile zu verleugnen, sondern sie mit neuen Themen zu verknüpfen.“ Junge, begabte Leute von außerhalb der Region vergleichen die miteinander konkurrierenden Innovationsmetropolen nicht nur innerhalb Deutschlands genau. Um sie mit einer Vision für Stuttgart anzulocken, genügt es nicht, dass die Stadt viel besser ist als ihr Ruf.

Kultur: Das ist mit dem Thema Außenwirkung verknüpft. In dem Brainstorming-Prozess, so hofft Ellenberg, könnten auch Ideen für Events, Wettbewerber und Kulturveranstaltungen gefunden werden, welche die Vision für „Stuttgart 31“ besser nach außen tragen können.

Bis zum Ende des Jahres werden die Initiatoren noch damit beschäftigt sein, selbst an ihren Thesen  zu feilen. Anfang des kommenden Jahres sollen sich dann die Tore zu einer offenen und hoffentlich einen frischen Wind in die Stadt bringenden Diskussion über eine Vision für Stuttgart öffnen.

 

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