Vialytics aus Stuttgart stopft Schlaglöcher digital

Foto: VialyticsDas Tool von Vialytics bei der Schlaglochanalyse. Foto: Vialytics

Das Startup Vialytics aus Stuttgart hat eine App zur Erfassung des Straßenzustands entwickelt. Nach nicht einmal zwei Jahren ist das System bereits in vier baden-württembergischen Gemeinden im Einsatz.

An der Zukunft wird in Stuttgart im Hinterhof gearbeitet. In den schmucklosen ehemaligen Räumen des Sozialministeriums zwischen der Lautenschlager- und der Friedrichstraße tummeln sich eine Menge junger Menschen und tüfteln an neuen Geschäftsideen.

Danilo Jovicic ist da schon einen ganz entscheidenden Schritt weiter. Er ist einer von drei Gründern des jungen Unternehmens Vialytics, das in den Räumen von Pioniergeist zu Hause ist, das sich der Förderung von jungen Unternehmensideen verschrieben hat. Jovicics Produkt existiert nicht nur in den Köpfen seiner Macher oder in bunten Präsentationen: die App, die es Städten und Gemeinden ermöglicht, ihren Straßenzustand vergleichsweise simpel zu erfassen.

Dazu wird das Programm auf Smartphones installiert, und die Telefone hinter den Windschutzscheiben von Fahrzeugen in Stellung gebracht. Bewegt sich dieses nun durch die Straßen, nimmt die App alle vier Meter ein Bild der Straße auf. Und dann schlägt die künstliche Intelligenz zu. „Wir arbeiten mit einem neuronalen Netz, das Straßenschäden erkennt und katalogisiert“, erklärt Jovicic. Der 29-Jährige, der in Hohenheim unter anderem Umweltmanagement studiert hat, gesteht erstaunlich freimütig, dass auch er in Gesprächen mit den Entwicklern an Grenzen stößt.

Das Programm von Vialytics schwärzt Fahrzeuge und Passanten

Die von der App gesammelten Bilder wandern in einen Cloudspeicher, sobald das Gerät in einem WLAN eingewählt ist. Automatisch schwärzt das Programm alle aufgenommenen Fahrzeuge und Passanten. „Da hat die Datenschutzgrundverordnung tatsächlich als Innovationstreiber funktioniert“, sagt Jovicic und lacht. Auf den Bildern ist aber in der Tat außer den Gebäuden und den Straßenabschnitten nichts mehr zu sehen. Ebenfalls automatisch bewertet das System den vorgefundenen Straßenzustand.

Weniger diese technischen Herausforderungen waren es, die dem mittlerweile elfköpfigen Team Bedenken bereitet haben. „Wir hatten sehr großen Respekt vor den Amtsstuben“, sagt Jovicic. Der Firmengründer flicht wie selbstverständlich in seine Ausführungen Begriffe wie „enabler“, „pitch“ und „challenge“ ein, allesamt Vokabular aus der Gründerszene, das nicht zwingend zum Umgangston in Behördenfluren gehört. Doch der Kulturschock sei ausgeblieben. „Meist gibt es einen aus der Runde, der sehr schnell erkennt, welches Potenzial die App hat“, erzählt Jovicic aus Kundengesprächen. Mal sei es der Bürgermeister, mal der Tiefbauamtsleiter, mal der Chef des örtlichen Bauhofs.

100 Euro pro Jahr und Kilometer Straßennetz

Überzeugend mögen auch die Kosten sein. 100 Euro pro Jahr und Kilometer Straßennetz müsse eine Gemeinde kalkulieren, die auf die Technik von Vialytics zurückgreift. In kleineren Orten wird der Straßenzustand in der Regel zu Fuß und mit Stift und Papier erfasst. Größere Städte wie etwa Stuttgart setzen auf eine Befahrung durch ein mit Lasertechnik ausgestattetes Fahrzeug. Das sei aber teuer und daher nicht allzuoft zu wiederholen, so Jovicic. Die von seiner App erfassten Bilder bleiben zudem gespeichert und ließen so zu, dass die Entwicklung des Straßenzustand nachvollzogen werden kann. Eine Möglichkeit, die im Land bereits vier Gemeinden und Städte dazu bewogen hat, die Technik einzusetzen. Aus der Region nutzt etwa die Gemeinde Mötzingen im Landkreis Böblingen die Technologie.

Das Unternehmen hofft, den Kundenkreis alsbald noch vergrößern zu können. Derzeit läuft die zweite Runde des vom für die Digitalisierung zuständigen baden-württembergischen Innenministeriums aufgelegten Förderprogramms „Städte und Gemeinden 4.0 – Future Communities“. Bei diesem verteilt das Land eine Million Euro Fördermittel.

Geld spielt auch in der noch jungen Unternehmensgeschichte von Vialytics eine Rolle. Ein erstes Budget hat etwa die EnBW zur Verfügung gestellt. Der Energiekonzern ist bis heute an dem Startup beteiligt. Dessen Tun blieb auch jenseits der Landesgrenzen nicht unbemerkt. 10 000 Euro gab es beim dritten „Startup pitch“ des Bundesverkehrsministeriums. Der überdimensionale Scheck, den Jovicic aus den Händen von Verkehrsstaatssekretär Steffen Bilger erhalten hat, prangt wie eine Trophäe an den Bürowänden. In dieser Woche hofft man, weiteres Geld einzusammeln. Dann ist das Unternehmen beim Slush-Treffen in Helsinki, wo Ideen- und Geldgeber zueinander finden sollen.

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