Venture Forum Neckar – erste Adresse für Startups

Venture Forum NeckarDas Venture Forum Neckar ist an einem bunten Strauß von Firmen beteiligt. Grafik: VFN

Das vermeintlich unscheinbare Heilbronn ist für Startups in Deutschland eine der ersten Adressen, wenn es um die Kapitalbeschaffung geht. Das nach der Jahrtausendwende gegründete Venture Forum Neckar ist längst kein Geheimtipp mehr.

Wenn das Venture Forum Neckar zur Startup-Präsentation lädt, dann geht es nicht um luftige Ideen, dann geht es hochkonzentriert zur Sache. Startups treffen „Hidden Champions“, also die heimlichen Weltmarktführer aus dem Mittelstand, so heißt das Motto der Veranstaltung im Gebäude der IHK Heilbronn. Und damit ist ziemlich gut beschrieben, was die Stärke des in Deutschland ziemlich einmaligen Investorenzirkels ist. Rund um das  Thema Industrie 4.0 präsentieren sich 20 Gründerteams aus ganz Deutschland.

Sie haben eines gemeinsam: Ihre Innovationen sind bereits erprobt, nun suchen sie Kapital um richtig abheben zu können. Ein Startup aus der Region Tuttlingen präsentiert beispielsweise eine IT-Plattform, die es ermöglicht eine Art unternehmensinternes Whatsapp aufzubauen, das sogar die Mensch-Maschine-Kommunikation integriert. Gründer aus Ulm stellen einen Reinigungsroboter vor, der speziell auf gewerbliche Anwendungen ausgerichtet ist. Oder ein Startup aus Dortmund will Drohnen zur Erfassung von Lagerbeständen sozusagen im Vorbeiflug einsetzen.

Die Drohnenentwickler bitten schon mal um eine Million Euro. Das Publikum im Saal, unter denen auch potente Investoren sitzen, macht eifrig Notizen. Ursprünglich kommen die Gründer von Doks-Innovation aus der Sensorenentwicklung. Die Drohne ist nun eine Plattform, die diese Datenerfassungsinstrumente noch flexibler einsetzbar macht. „Sie können mit der Drohne den Hochregalen entlangfliegen und die Barcodes an den Verpackungen auslesen“, sagt Philipp Wrycza, Projektleiter beim Fraunhofer-Institut in Dortmund, aus dem das Startup aus einem Sensoren-Projekt hervorgegangen ist.

Diese  Datenerfassung könne vollautomatisch in der Nachtschicht stattfinden, sagt Wrycza. Er verspricht damit bespielsweise  eine eine Jahresinventur per Knopfdruck: „Die Logistik ist noch lange nicht so automatisiert, wie man denkt. Sie können aber ohne Daten nicht automatisieren. Das Problem der aufwendigen Datensammlung lösen sie nun per Drohne.“

Die Impulsgeber hatten USA-Erfahrung

Zu denjenigen, die sich hier Notizen machen, gehört Stefan Reineck. Er hat einst, schon vor dem Hype um den neuen Markt, in den USA eine Softwarefirma verkauft. Und vom amerikanischen Investorengeist inspiriert, investiert er seither in viel versprechende Startups. Er ist Vorstandsmitglied des Venture Forum Neckar.

Dass es ausgerechnet in Heilbronn gegründet wurde, hat mit ein paar Zufällen zu tun und der richtigen Mischung an Persönlichkeiten, die um die Jahrtausendwende in Heilbronn zusammenfanden. Einige hatten USA-Erfahrung hinter sich und wollten die dortige Investoren-Kultur in die Region bringen. Heilbronn, das mit seinem herben Charme nicht auf den ersten Blick wie ein Gründermagnet wirkt, war letztlich ein ideales Umfeld.  Die mittelständische Basis ist stark, mit dem IT-Konzern Bechtle ist auch das Zukunftsthema Informationstechnologie vertreten.

Nicht zuletzt tritt auch der milliardenschwere, und diskrete Lidl-Gründer als Investor mit Regionalpatriotismus auf. Schwarz ist allerdings mit seinen eigenen Fonds unterwegs, dem auf etwas reifere Unternehmen aus der Biotechnologie konzentrierten Zukunftsfonds Heilbronn und dem neuen, sich spezifisch an viel versprechende Startups in einer früheren Phase richtenden Fonds Born2Grow.

Am Ursprung des Venture Forum Neckar stand die Krise

„Der Ursprung des Venture Forum Neckar war eine Krise. Ende der neunziger Jahre haben Gründer sehr viel Geld bekommen, aber auch sehr viel davon verbrannt – und auf einmal ist es weggebrochen“, sagt Reineck. Der damalige Leiter des städtischen Startup-Zentrums Thomas Villinger habe dann Unternehmer im regionalen Umfeld angesprochen und  zusammengebracht. „Viele der Beteiligten hatten selbst gegründet, kannten die Höhen und Tiefen“, sagt er. Von Anfang an seien aber auch viele schwäbische Mittelständer dabei gewesen, die dabei nicht groß an die Öffentlichkeit drängen wollten:  „Der Schwerpunkt unserer Investments liegt immer noch in Heilbronn“.

Die Geschäftsführerin Sigrid Rögner sieht als ein Schlüssel für das Venture Forum Neckar, die enge Vernetzung der Mitglieder: „Die ursprünglichen Initiatoren waren Persönlichkeiten, die sich kannten.  Das hat  geholfen, weitere Mitglieder zu werben.“ Heilbronn hatte dafür die richtige Größe, es hatte genügend Potenzial und bot dennoch genügend Nähe.  „Die Wege hier  sind relativ kurz, man kommt gut an die Gesellschafter heran“, sagt auch der Investor Reineck.

In die Digitalisierung investiert, bevor es Mode war

Neben den Themen die man heute unter dem Schlagwort Industrie 4.0  ist ein anderer Investitionsschwerpunkt auch der Lebensmittelbereich. Auch in diesem Netzwerk werde das Thema Kooperationen von Startups und etablierten Unternehmen immer wichtiger, heißt es beim Venture Forum Neckar.

Heute umfasst das im Jahr 2002 gegründete Netzwerk 50 Mitglieder, davon die Hälfte echte Risikokapitalinvestoren, die als so genannte Business Angels in der Frühphase von Startups investieren. Die andere Hälfte ist ein bunter Mix aus Unternehmen, Vermögensverwaltern von Mittelständlern („Family Offices“) und Risikokapitalgebern. Jedes Jahr bekommt man etwa 600 bis 700 Finanzierungsanfragen von Startups aus dem ganzen deutschen Sprachraum. Investiert wird nur in eine Handvoll. Die Obergrenze der Investments sind etwa zwei Millionen Euro je Unternehmen.

Das Venture Forum Neckar ist rein privat finanziert

In Heilbronn ist mal stolz auf sein Alleinstellungsmerkmal, rein privat finanziert zu sein und ohne Fördermittel auszukommen. Bisher ist es noch in keiner anderen Region Baden-Württembergs, ja Deutschlands gelungen, dieses Modell exakt zu kopieren. Wenn man bei Kennern der Finanzierungsszene herumfrage, dann stelle man fest, dass die Heilbronner Investoren wegen ihrer langjährigen Erfahrungen mit den besten Ruf in Deutschland hätten, sagt Reineck.

„Hier gibt es kein poliertes Palaver und es wird nicht lange um die Sache herumgeredet“, so beschreibt Sigrid Rögner die Kultur in Heilbronn, die sich vom Startup-Hype fernhält und auf leise Effektivität setzt. In Heilbronn habe man etwa das Thema Digitalisierung im Maschinen- und Anlagenbau  entdeckt, bevor es zum Trend wurde. „Wir haben das gemacht, als es noch hieß: Wie willst du mit sowas in diesem Bereich die Innovation treiben?“  Schnell habe sich das bei Startups bundesweit herumgesprochen. “ Sie wussten, dass sich Heilbronn alles um sie dreht.

„Wir haben keinen industriepolitischen Auftrag“, sagt Rögner. Und dennoch denke man immer auch daran, was die Region voranbringe. „Wir wollen neue Technologien in die Region bringen, etablierten Firmen die Möglichkeit zur Beteiligung bieten“, sagt sie. Ideell getrieben sei das Engagement allerdings keinesfalls: „Wir wollen erfolgreich sein und am Ende mit unseren Beteiligungen einen gescheiten Exit hinlegen.“

Der Pionier Heilbronn bekommt Gesellschaft

Manchmal hätte man sich in Heilbronn mehr Aufmerksamkeit im Heimatbundeslandand gewünscht. Doch das beginnt sich zu ändern: Die Risikokapitalgeber aus Heilbronn bekommen im Land und auch in Deutschland immer mehr Gesellschaft. Eine aktuelle Studie des Bundesverbands Deutscher Kapitalgesellschaften (BVK) sieht den Markt für Risikokapital in der Bundesrepublik klar im Aufschwung.

Nachdem sie im vergangenen Jahr mit fast einer Milliarde Euro das höchste Volumen seit der Zeit vor der Finanzkrise 2008 erreichten, dürfte dieses Niveau 2017 erneut erreicht werden. „Deutsche Startups profitieren aktuell von einem lebhaften Investitionsgeschehen“, sagt Ulrike Hinrichs vom BVK-Vorstand: „Derzeit ist kein Ende dieses Trends in Sicht.“

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