VC-Pitch BW 2018: Stark in der Nische

VC-Pitch BW 2018Traditionell treffen sich Startups und Investoren in der Rotunde der L-Bank in Stuttgart. Foto: VC-BW

Beim VC-Pitch BW 2018 der Börse Stuttgart haben Hightech-Gründer aus den Bereichen IT, Gesundheit und Biotechnologie sowie Technik um Investoren geworben. Viele suchen den Erfolg in speziellen Nischen.

Die besten Startups aus Baden-Württemberg zu präsentieren – das ist seit 2012 der Anspruch des von der Börse Stuttgart koordinierten alljährlichen VC-Pitch BW. VC steht dabei für Venture Capital, also Risikokapital. Und Pitch ist der Begriff für kompakte Firmenpräsentationen.

Eine Rekordzahl von 45 Startups habe sich für die diesjährige siebte Runde in der L-Bank-Rotunde mit 15 Finalplätzen beworben, sagte Börsen-Chef Michael Völter. „Für die Qualität der Startups im Land spricht auch die Tatsache, dass neunzig Prozent der hier einmal aufgetretenen Unternehmen immer noch auf dem Markt sind“, so Völter. Den Aufschwung bestätigt eine Studie der Beratungsfirma EY, die für 2017 von fast zweieinhalbmal so vielen Startup-Investitionen im Land spricht wie 2016 – insgesamt 209 Millionen Euro.

In den Bereichen IT, Gesundheit und Biotechnologie sowie Technik werben beim VC-Pitch BW 2018 die Unternehmen um mindestens 500 000 Euro Kapital. Meist geht es darum nach der Erprobung des Produkts in neue, oft ausländische Märkte zu expandieren. Meist sind die Startups in hoch spezialisierten Nischen unterwegs und blicken auf den Markt für Geschäftskunden, nicht auf den Endkonsumenten.

L-Bank-Chef: Heimisches Risikokapital ist wichtig

Ziel müsse sein, heimische Gründerpioniere zu halten, sagte auf der Veranstaltung L-Bank-Chef Axel Nawrath, „damit unsere Technologie-Unternehmen nicht nur bei ausländischen Kapitalgebern landen.“ Besonders aussichtsreiche Startups sollten deshalb „durch Wagniskapital made in Baden-Württemberg unterstützt werden“. Er verwies darauf, dass es inzwischen in Baden-Württemberg ein immer umfassenderes Angebot für Risikokapital gebe – etwa durch den im vergangenen Jahr von Land und L-Bank aufgelegten Fonds LEA Venturepartner, der zusammen mit privatem Geld 50 Millionen Euro mobilisieren soll.

Große Ambitionen zeigte etwa das erst Anfang 2017 gegründete Software-Unternehmen Ascon Systems aus Stuttgart, das eine Software anbietet, mit der Daten aus der Fertigung in Echtzeit analysiert und zur Produktionssteuerung verwendet werden können. Dies habe das Potenzial für eine disruptive, also bahnbrechende, Technologie, sagte Gründer Michael Stach, Fertigungsexperte aus der Autoindustrie: „Damit wird eine autonome Fertigung möglich“, sagte er. Ende des Jahres will man bereits 28 Mitarbeiter beschäftigen und braucht nach vier Millionen Euro Investitionen eine weitere Million, um die IT nun nach Pilotversuchen unter anderem bei Daimler auf ganze Werke anwenden zu können.

Eine Kombination aus Drohne und Ballon

Als bahnbrechend bezeichnete auch das Baden-Badener Startup Hybrid Airplane Technologies seine Kombination aus Drohne und Ballon – hier setzt man insbesondere auch auf den Einsatz in geschlossenen Hallen und Bauwerken. „Wenn sie eine normale Drohne gegen die Wand fliegen, ist die kaputt – unsere Technologie ist für solche Einsätze besser geeignet“, sagte der Gründer Csaba Singer.

Traditionell sind aber bei der Präsentation Startups aus dem Bereich Gesundheit stark vertreten – ein gelegentlich unterschätztes Standbein Baden-Württembergs. Hier ist beim Investieren allerdings Geduld gefragt und der Blick auf spezielle Nischen. Tolerogenixx beispielsweise, ein Startup aus dem Umfeld des Universitätsklinikums Heidelberg, hat eine Technologie entwickelt, welche Immun-Abwehrreaktionen bei Transplantationen verhindert. Doch nach zwei Jahren klinischer Versuche wird es noch bis 2021 dauern, bis die nötigen Tests für die Zulassung absolviert sind. Umsätze wird es also wohl erst in knapp fünf Jahren geben.

Der VC-Pitch BW 2018 zeigt erfolgreiche Startup-Kooperationen

Startups im Land profitieren zunehmend von der Kooperationsbereitschaft etablierter Unternehmen. Binando – eine Stuttgarter Gründung, die Sensoren entwickelt hat, um den Füllstand von Abfalltonnen zu erfassen –  machte 2016 seine ersten Schritte in einer Partnerschaft mit dem Energiekonzern EnBW im Rahmen des Stuttgarter Kooperationsprogramms Activatr. Und das IT-Startup Aucobo aus Stuttgart konnte eine frühe Zusammenarbeit mit dem Esslinger Automatisierungsspezialisten Festo eingehen. Hier hat man eine Datenbrille entwickelt, welche die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine in der Produktion verbessert.

Als Sieger beim abstimmenden Publikum ging aber ein leicht verständliches, pfiffiges Konzept für innovative Werbung hervor:  RoadAds interactive aus Mannheim bietet digitale Fahrzeugwerbung in Echtzeit an. Dafür wird das Heck von LKWs durch die Anbringung von elektronischen Displays als Werbefläche genutzt. Auf Platz zwei kam Tolerogenixx und dritter wurde Binando.

Kommentar: Stark in der Nische
Wer leicht verdauliches Startup-Entertainment will, der sollte am besten nicht auf eine Veranstaltung in Baden-Württemberg gehen. Wer weiß schließlich schon, was „folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierung“ sind? Das beim VC-Pitch BW vertretene Startup Memetis will unter anderem neuartige Miniventile in der Medizintechnik möglich machen. Immerhin: Publikumssieger wurde RoadAds, ein Startup für mobile  Fahrzeugwerbung. Das ist klar verständlich.
Doch genau in solchen, manchmal nicht leicht zu erläuternden Nischen liegt eine Stärke der hiesigen Gründerkultur. Nicht sexy, aber solide. Eine Überlebensquote von 90 Prozent unter den 71 seit 2012 beim VC-Pitch BW 2018 präsentierten Startups kann sich sehen lassen. Es ist wichtig, dass es solche Veranstaltungsformate gibt, die diese heimischen Stärken sichtbar machen. Man müsse Gründern aus dem Land besser mit heimischem Kapital unter die Arme greifen, sagte L-Bank-Chef Axel Nawrath auf der Veranstaltung. Man sollte es präzisieren: Nicht Kapital aus dem Land, sondern Zugang zu Kapital im Land ist wichtig. Denn bei der Internationalität von solchen Events kann man in Baden-Württemberg noch zulegen – auch wenn Schwyzerdütsch durchaus vertreten war.
Ob die vertretenen Startups, wie das Veranstaltungsmotto suggeriert, wirklich die Besten aus dem Land waren, sei dahingestellt. Es gibt auch regionale Kanäle, über die man im Südwesten Kapital bekommt. Dann muss man gegebenenfalls nicht mehr nach Stuttgart. Trotzdem sind Plattformen wie der VC-Pitch enorm wichtig und beginnen, allmählich Früchte zu tragen. Nicht nur die Großunternehmen, sondern auch der Mittelstand öffnet sich inzwischen verstärkt für Kooperationen auch in einem frühen Stadium. Und etwas Show muss dafür auch sein. Immerhin waren die Gründer mit den „folienbasierten Mini-Aktoren“ in der Lage, ihr Konzept binnen sieben Minuten verständlich zu erklären. Manches Firmen-Meeting könnte sich daran ein Beispiel nehmen.

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