Umfrage unter Startups im Land: Think bigger!

Umfrage unter StartupsAuf dem Startup-gipfel BW präsentierte sich Baden-Württemberg in seiner Vielfalt - und Zersplitterung. Foto: Lichtgut/Zweygarth

Die Landesregierung hat das Thema Gründer für sich entdeckt. Laut einer Umfrage unter Startups von IdeenwerkBW, dem Innovationsportal von Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten, wollen diese von der Politik klarere Rahmenbedingungen und mehr Ehrgeiz.

Startups in Baden-Württemberg wollen von der Politik klarere Rahmenbedingungen und mehr Ehrgeiz. Für den Startup-Standort Baden-Württemberg gibt es noch einige Luft nach oben. Und der Südwesten ist beim Thema innovative Gründungen latent in der Gefahr, in regionaler Begrenzung und in hergebrachten ökonomischen Maßstäben zu verharren. Dies sind zentrale Ergebnisse, die eine Umfrage unter Startups von Ideenwerk BW, dem Innovationsportal von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim ergeben hat.

Der Lehrstuhl Unternehmensgründungen und Unternehmertum hat im Nachgang zum großen Startup-Gipfel des Landes vor eineinhalb Wochen bei mehr als 800 jungen Startups aus dem Land nachgefragt, um ein Zeugnis für den Standort zu erstellen. Als Startups werden junge Firmen mit innovativen Technologien und/oder Geschäftsmodellen definiert. Fast 200 von ihnen haben verwertbare Antworten geliefert, was eine hohe Rücklaufquote von einem Viertel bedeutet.

Umfrage unter Startups: Gemischtes Zeugnis fürs Land

Der Landesregierung, die sich verstärkt dem Thema innovative Gründungen widmen will, stellen die Gründer ein gemischtes Zeugnis aus. Ein gutes Drittel ist unentschieden. Mit 35,5 Prozent eher zufriedenen oder sehr zufriedenen Gründern gegenüber 29,7 Prozent teilweise oder ganz unzufriedenen neigt sich die Waagschale insgesamt leicht ins Positive. Bemerkenswert bei der Umfrage unter Startups  ist der klare Kontrast zwischen den beiden größten Startup-Ökosystemen des Landes: In Karlsruhe ist man deutlich zufriedener als in Stuttgart. Gründer aus der badischen Metropole geben von fünf möglichen Punkten im Durchschnitt 3,44. In der Landeshauptstadt liegt der Wert lediglich bei 2,69 Punkten. Die Durchschnittspunktzahl im gesamten Land liegt bei 3,03.

Eine offene Baustelle haben die Gründerinnen und Gründer in der Umfrage klar identifiziert: Nur 3,1 Prozent der Gründer glauben, dass sie die Förderprogramme im Land voll durchschauen. Und auch nur 11,9 Prozent glauben das zumindest überwiegend. Fast zwei Drittel sprechen hingegen von einem ziemlichen oder gar einem totalen Förderdschungel.

Ebenso klar ist die Aussage, wenn es um Ziele und Visionen geht. Ebenfalls fast zwei Drittel der Startups sind der Ansicht, dass das Land wirklich ambitionierte, global denkende Startups nicht im Blick hat. Solide, nur bis zu einer bestimmten Dimension wachsende und zu den bestehenden Strukturen kompatible Mittelständler sehen sie als das klare Ziel der Landespolitik. Einen Weltkonzern wie das in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene IT-Unternehmen SAP sehen die Gründer nicht auf der Agenda. Fehlender Ehrgeiz ist ein Kritikpunkt, der beim Thema Startups im Land öfter moniert wird.

Doch ein Teil der Startups fühlt sich in kleineren, regionalen Dimensionen offenbar zu Hause. Bei der Frage, ob die auf dem jüngsten Startup-Gipfel BW präsentierten neun regionalen „Ökosysteme“ nun ein sinnvoller Ansatz sind oder ob eine gemeinsame Außendarstellung wichtiger wäre, gibt es keine einheitliche Meinung. Mit 41 Prozent Befürwortern und 38,5 Prozent Gegnern des regionalen Ansatzes liegen beide Meinungen fast gleichauf. Auch das Fünftel der Befragten, das beide Konzepte nicht gegeneinanderstellen will, erlaubt keine klare Richtungsbestimmung.

Ungleichgewicht der Regionen

Hier ist also keine klare Empfehlung an die Landespolitik zu erkennen. Die Umfrage liefert aber einen Hinweis darauf, wie unterschiedlich und ungleichgewichtig die aus struktur- und regionalpolitischen Gründen definierten Startup-Regionen im Land sind. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Startups stammen aus den Regionen Stuttgart (36,8 Prozent) und Karlsruhe (20,2 Prozent). Mit weitem Abstand folgen die Regionen Neckar-Alb und Freiburg (knapp zehn Prozent). Regionen wie Heilbronn, Ostwürttemberg oder Bodensee kamen auf Anteile von weniger als fünf Prozent. Wegen möglicher regionaler Verzerrungen bei der Rücklaufquote sind das aber nur Tendenzwerte.

Was die Branchenverteilung der teilnehmenden Startups angeht, erweist sie sich als bunter, als die Fixierung der Landespolitik auf Technologiethemen nahelegt. IT- und Software-Startups stellten 30,6 Prozent der Umfrageteilnehmer, weitere 18,1 Prozent sind den Bereichen Hightech und Technologie zuzuordnen. Doch die andere Hälfte der Gründer sind in einem breiten Spektrum unterwegs – von Dienstleistungen über Handel und Gesundheit bis hin zu Agrar/Ernährung sowie Computerspielen/Medien. Im Mittel sind die befragten Startups vier Jahre alt und haben elf Mitarbeiter.

Feedback im Fragebogen

Bei der Umfrage unter Startups konnte man in einem Fragebogen auch frei formulierte Stellungnahmen abgeben. Hier einige Highlights aus den Wunschzetteln:

„Gerade die, die selbst nicht die Eier haben, haben die größte Klappe, schwächen Unternehmer statt sie zu stärken. Neid lässt grüßen. …Also: Schafft eine Bühne für die Unternehmer (nicht in der Form eines Pitches!) und schafft ein Netzwerk, um die Gedanken der Mutigen auszutauschen.“

„Mehr kostenloser Office Space, leichtere, zeitsparende Anträge für Fördergelder.“

„Weniger unterschiedliche Stellen, die mitwursteln“.

„Förderung und Bezuschussung von Gehältern. Erleichtert Mitarbeiter einzustellen und hier in Stuttgart gegen gut bezahlende Unternehmen eine Chance zu haben.“

„Innovationsdarlehen: Aber nicht welche, wo man zwei Jahresabschlüsse vorweisen muss oder die Haftungsfreistellung nur die Volksbank schützt.“

„Ich bin kein Politiker, aber Unternehmer. Aber ich weiß, dass man den Banken das Geld wegnehmen muss, damit es sinnvoll investiert werden kann.“

„Das Risiko in Deutschland besteht nicht darin, dass die eigene Idee nicht zündet, sondern dass man am Formular zur Umsatzsteuervoranmeldung den falschen Haken setzt.“

„Regelungen, die für Großunternehmen gelten einfach aussetzen für Startups mit weniger als zehn Mitarbeitern und jünger als fünf Jahre.“

„Weniger regionale Cluster, Fokus auf große, langfristige Projekte“.

„Die neun Ökosysteme sind enorm wichtig für die Frühphasenförderung und den Aufbau.“

„Die Politik muss sich von ihrer aktuellen Überzeugung lösen, dass Baden-Württemberg und Stuttgart ein begehrter Startup-Standort ist. Für Leute außerhalb Stuttgart zum Beispiel ist der Standort allein vom Image her äußerst unattratkiv.“

„Die Politik muss sich bewusst machen, dass in dem Wort Risikokapital auch das Wort Risiko zu akzeptieren ist.“

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