Uber und ÖPNV – eine ruinöse Attacke

Uber und ÖPNVIn vielen US-Städten geht die Nutzung von Bussen zurück. Wissenschaftler sagen: das liegt an Uber & Co. Foto: Unsplash/Eric Perez

In den USA ist heute schon zu besichtigen, wie sich App-Fahrdienste auf den öffentlichen Nahverkehr auswirken. Die Bilanz: Uber und ÖPNV, das bedeutet eine ruinöse und durchaus gezielte Attacke.

Die in den USA an die Börse gegangenen Fahrtenvermittler Uber oder Lyft stellen ihr Taxiangebot als effiziente und ökologische Alternative zum eigenen Auto in der Stadt dar. Sie versprechen weniger Staus und eine sinnvolle Ergänzung zu Bussen und Bahnen. „Lyft baut fest darauf, dass unser Angebot eine Ergänzung zum öffentlichen Verkehr ist“, so warb der kleinere Uber-Konkurrent bei seinem Börsengang.
Doch nichts davon stimmt, wie Studien in den USA belegen.

In San Francisco stiegen zwischen 2010 und 2016 die im Stau verbrachten Zeiten um fast zwei Drittel, zur Hälfte waren dafür die neuen Taxiangebote verantwortlich. In Denver erhöhten sich in der Stadt gefahrenen Autokilometer um mehr als 80 Prozent – vor allem wegen der ständig in den Straßen kreisenden Autos von Uber und Lyft.

Bilanz in 22 US-Städten: Busse und Bahnen bluten aus

Nun gibt es auch Belege dafür, dass die aggressiv expandierenden Anbieter den öffentlichen Nahverkehr in den USA massiv gefährden. Während in Deutschland und Europa die Passagierzahlen steigen, stecken Busse und Bahnen nach Jahren des Aufschwungs in den USA in einer massiven Krise. Eine Studie der Universität Kentucky zu 22 US-Städten belegt, dass dieser Einbruch weitgehend durch die neuen Taxi-Angebote verursacht wurde.

Seit deren Einführung sind demnach in den untersuchten Städten die Fahrgastzahlen in den Bussen jährlich im Durchschnitt um 1,7 Prozent zurückgegangen; bei Bahnen waren es 1,3 Prozent. Seit 2010 ist in San Francisco fast jeder siebte Busfahrgast abhanden gekommen. Städte wie Los Angeles, die in neue Stadtbahnen investiert haben, verlieren dort jährlich mehr als drei Prozent der Fahrgäste. New York versucht einen ähnlichen Trend durch massive Regulierung und eine City-Maut zu kontern.

Uber und ÖPNV – Lektion für künftige Roboter-Taxis

Das alles ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Strategie. Im Uber-Börsenprospekt wurde angekündigt, dass es für die Profitabilität entscheidend sein wird, massenhaft Fahrgäste aus Bussen und Bahnen in die Fahrzeuge des Unternehmens zu locken. „Die Tatsache, dass ein großes börsennotiertes Unternehmen offen einräumt, dass man es auf den öffentlichen Verkehr abgesehen hat, obwohl man weiß, dass das den Städten schadet, ist schon ganz schön schrill“, so zitierte der Nachrichtensender CNN einen US-Verkehrsplaner.

In Deutschland hat die Regulierung die US-Anbieter bisher eingeschränkt. Das Beispiel Uber und ÖPNV in den USA ist aber eine Lektion zu den möglichen Konsequenzen autonomer Fahrzeuge. Künftige Carsharing- oder Taxi-Angebote mit Roboterautos werden den heute noch mit Fahrern betriebenen, flexiblen Fahrdiensten stark ähneln, zumal entsprechende Anbieter die ersten sein dürften, die solche Fahrzeuge in großer Zahl einsetzen.
Höheres Risiko für Verkehrskollaps in den Städten

„Es ist eine Welt, in der die großen Städte im wesentlichen zusammenbrechen“, sagt Verkehrsforscher Christof Spieler von der Rice University in Houston: „Man muss sich mal ein Manhattan vorstellen, wo jeder heutige U-Bahn-Fahrgast einen solchen Fahrdienst nutzt. Das funktioniert nicht.“ Die New York Times hat berechnet, dass auf der Verkehrsfläche, auf der eine U-Bahn 25 000 Fahrgäste pro Stunde durchbringt, ein Taxisystem mit autonomen Fahrzeugen nur 600 bis 1600 in der Stunde durchschleusen kann.

Uber und ÖPNV – Komfortvorsprung lockt privilegierte Fahrgäste

Gleichzeitig kommt es zu sozialen Verwerfungen. Der öffentliche Nahverkehr wird zum Restposten für Menschen, die sich keinen Taxidienst leisten können – mit politischen Folgen. „Uber und Lyft ziehen einen privilegierten Teil der Fahrgäste weg vom öffentlichen Verkehr. Und das wiederum unterminiert die Unterstützung für diese Systeme,“ schreibt die New York Times.

Während die Infrastruktur für den öffentlichen Verkehr von Fahrgästen und Steuerzahlern getragen werden, tragen diese Anbieter zur Finanzierung der Straßen kaum bei. Lyft und Uber befürworten allerdings ausdrücklich die Maut für Innenstädte, wie sie New York einführen will. Diese Maut müsste dann aber auch die Konkurrenz der konventionellen Taxis bezahlen, die heute massiv unter Druck steht. Bei Uber und Lyft konkurrieren zudem prekär beschäftigte Fahrer mit angestellten und sozial relativ gut abgesicherten Arbeitnehmern in öffentlichen Verkehrsbetrieben.

Autonom fahrende Kleinbusse als Lösung?

Zwar ist in Deutschland die Basis für den öffentlichen Nahverkehr politisch und finanziell stabiler und die Präsenz der US-Fahrtenanbieter bisher gering. Doch ohne vorsorgliche Regulierung sind ähnliche Trends denkbar wie in den USA.
Flexible Fahrtenangebote per App – ob mit oder ohne Fahrer – würden für die Städte nur dann funktionieren, wenn sich mehrere Fahrgäste ein Vehikel teilten, sagt der US-Stadtplaner Peter Calthorpe aus dem kalifornischen Berkeley: „Fahrzeuge, in denen nur ein bis zwei Personen sitzen, sind schlecht – ob nun autonom oder nicht.“ Sein Konzept: Selbstfahrende Kleinbusse mit eigenen Fahrspuren.

Auch in Deutschland sieht man solche Systeme als einen möglichen Weg. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hat sich vor kurzem auf einem Kongress ausdrücklich der Frage gewidmet, wie solche Angebote in den öffentlichen Verkehr integriert werden können. „Wir müssen klar machen, dass wir als kommunale Betreiber die besseren Unternehmer sind“, sagt Martin Röhrleef vom Hannoveraner Verkehrsbetrieb Üstra.

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