Trumpf digital – Industrie 4.0 ist fast schon Tradition

Trumpf digitalÜber ein Tablet kann einer Maschine mitgeteilt werden, wie sie ein Werkstück bearbeiten soll. Foto: Martin Stollberg/Trumpf

Trumpf digital: Das, was gerne als Aufbruch ins Industriezeitalter 4.0 gepriesen wird, ist bei dem Maschinenbauer vielfach schon digitale Steinzeit.

Industrie 4.0 – unter diesem Stichwort will sich die deutsche Industrie auf den Weg in die digitale Welt von morgen machen. Manchmal allerdings kommt beim Gang durch Fabrikhallen der Eindruck auf, so furchtbar neu sei gar nicht, was als digitale Zukunft angepriesen wird. Und im Werk Gerlingen, wo der Maschinenbauer Trumpf beispielsweise Stanzwerkzeuge herstellt, gibt es sogar bereits eine Art digitales „Urgestein“. Gruppenleiter Yakup Coskun jedenfalls lässt sich gerne als ein solches bezeichnen.

„Das machen wir schon seit acht Jahren so“, sagt Coskun zu dem, was Lean-Managerin Alexandra Gleich an einem Bildschirm demonstriert, „2009 haben wir unseren Online-Shop gestartet.“ Sie tippt Daten über Maschinen und benötige Werkzeuge ein. Mit diesen Daten kann etwa automatisch geprüft werden, ob ein Stanzwerkzeug zu einer Maschine passt oder nicht, weil beispielsweise die Stanzkraft der Maschine zu gering ist.

Digitalisierung ist Alltag in der Produktion

Trumpf digital ist längst gängige Praxis. Seit zwei Jahren müssen nicht mehr alle wichtigen Daten für die Bearbeitung eines Werkstücks eigenhändig in den Computer eingegeben werden. Werkstücke, von den Fachleuten auch Rohlinge genannt, tragen seither einen Code, der Maschinen sagt, wie sie bearbeitet werden müssen und welche Art von Werkzeug aus ihnen werden soll.

Doch nicht nur das. „Die Maschinen können inzwischen auch sagen: Gib mir Arbeit, ich habe Kapazitäten frei“, erklärt Gleich. Der Code auf dem Werkstück bringt für Trumpf Tempo: „Wenn ein Kunde bis 14 Uhr bestellt, wird sein Werkzeug am selben Tag noch produziert und verschickt. Damit bekommt er seine Bestellung innerhalb von Europa schon am nächsten Tag“, sagt die junge Frau. Zeit ist für Kunden Geld – schon wegen eines nur etwa 30 Euro teuren Werkzeugs kann eine kostspielige Anlage komplett stillstehen.

Trumpf digital heißt Lieferung à la carte

„Wir wissen morgens nicht, was die Kunden bis 14 Uhr wollen“, sagt Gleich. Raus muss aber möglichst alles. „Obwohl wir bei der Nachfrage tägliche Schwankungen von bis zu 80 Prozent haben, müssen wir liefern können“, meint Coskun. Sicherheitshalber stehen in der Fabrikhalle für Spitzenzeiten auch noch einige Reservemaschinen.

Jens Mayer hat früher im Lager gearbeitet, sich weitergebildet, kennt sich inzwischen auch mit Software und der Bedienung eines Computers aus. „Früher hatten wir eine umständliche Zettelwirtschaft, das ist nun weggefallen“, sagt Mayer. Statt für eine einzelne Maschine ist er jetzt für einen guten Teil des Produktionsprozesses verantwortlich. „Früher hat ein Chef kontrolliert, ob alles in Ordnung ist, jetzt kann ich das selbst machen.“ Und Mayer hat nicht nur seine Maschinen zur Herstellung etwa von Stanzwerkzeugen im Griff. Er kann, weil ihm die Technik vieles abnimmt, zusätzlich an einer anderen Maschine mit dem Laser andere Komponenten eines Werkzeugs bearbeiten. „Die Tätigkeit ist abwechslungsreicher geworden“, sagt er zu seiner Zusammenarbeit mit Roboter und Software.

Die Kunden sagen den Maschinen bei Trumpf nicht nur, was sie haben wollen, sondern verlangen auch immer individuellere Lösungen. So kann etwa neben allerhand technischen Angaben auch noch ein Firmenname auf dem Werkstück angebracht werden. Jeden Tag werden aus Gerlingen 140 Pakete mit Stanzwerkzeugen und anderem zu den Kunden geschickt.

Codes an der Maschine können einfach abfotografiert werden

Die erst vor zwei Jahren eingeführten Codes auf den Werkstücken helfen zwar immer noch, sind aber seit wenigen Tagen nicht mehr der neueste Schrei: Auf der Stuttgarter Fachmesse Blechexpo stellte Trumpf jetzt erstmals eine Maschine vor, deren Code einfach abfotografiert wird.

Natürlich müssen die Daten beim ersten Mal eingegeben werden, damit überhaupt ein Code entsteht. Doch bei Nachbestellungen genügt es dann, diesen einfach abzufotografieren. „Das kann mit einem ganz normalen Handy gemacht werden“, sagt Gleich. „Der Kunde schickt das Foto des Codes, dann startet bei Trumpf die Maschine“, erklärt Coskun. „Trumpf startet also mit dem vom Kunden geschickten Foto die Produktion seiner Werkzeuge.“

Im Vorführzentrum gibt es keine Showeffekte

In Ditzingen, im Stammhaus des Unter nehmens, nur wenige Kilometer von Gerlingen entfernt, steht Sebastian Friederich im Vorführzentrum des Maschinenbauers.  Trumpf digital – das bedeutet hier keine Showeffekte, sondern ebenfalls Einblicke in die Welt von Industrie 4.0. „Wir können uns bei Problemen per Telediagnose auf die Maschine schalten. So können Maschinen wieder zum Laufen gebracht werden, ohne einen Servicetechniker zu schicken.“

Auf dem Bildschirm an seiner Maschine sind grüne, gelbe und rote Bereiche zu sehen – diese zeigen, ob die Maschine noch lange weiterarbeiten kann, ob sie demnächst gewartet werden muss oder ob es bereits höchste Zeit für das Nachfüllen von Schmierstoff ist. „Dies kann dann in einer Zeit geschehen, in der weniger produziert wird, etwa kurz vor dem Beginn des Wochenendes.“ Auch hier spart Industrie 4.0 Zeit und Geld – eine Maschine zu warten, während sie dringend gebraucht wird, verursacht unnötige Kosten.

Den Zustand der Anlage aber kann Friederich nicht nur auf dem Bildschirm seiner Vorführmaschine sehen, sondern auch auf seinem Tablet. Der Trumpf-Mitarbeiter kann diese damit auch vom Büro oder vom anderen Ende der Halle aus beobachten – und sich nebenher noch um andere Maschinen kümmern. Das Tablet aber zeigt mehr an als nur den Zustand einer Anlage – ablesen kann Friederich auch, wie weit die Bearbeitung eines Auftrags ist und wie lange seine Bearbeitung noch braucht – eine große Hilfe bei der Steuerung des Produktionsprozesses.

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