Takkt: Keine Angst vor Amazon Business

Amazon BusinessIn Restaurantküchen ist vor allem Effizienz gefragt, nicht unbedingt Hightech. Foto: Takkt

Amazon Business, die Plattform des Internetriesen für Geschäftskunden, tritt in Deutschland und Europa aggressiv auf. Doch der Stuttgarter Spezialversender Takkt sieht für sich weiterhin Platz.

Kommt nach der Dominanz auf dem Konsumentenmarkt nun dasselbe bei den Geschäftskunden?  „Amazon erfindet den Firmeneinkauf neu und bedroht so kleine Anbieter“. Oder:  „Onlinehandel für Geschäftskunden hinkt Amazon &Co. hinterher“.  So lauten Schlagzeilen aus den vergangenen Monaten.

 Nachdem der Online-Händler aus den USA bereits bei den Verbrauchern in vielen Bereichen dominiert, hat er seit 2015 in den USA und seit 2017 in Deutschland diesen Markt aggressiv ins Visier genommen. Seither hat man die Plattform Amazon Business in ganz Europa ausgerollt.

Amazon Business bietet Hilfe bei der Steuer

Von der auf die Firmenbuchhaltung zugeschnittenen Rechnungserstellung über Mengenrabatte bis zur Hilfe bei Steuerfragen hat man das Angebot auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Der Anspruch:  vom kleinen Selbstständigen und Startup bis zum Großkonzern so dominierend zu werden wie im Konsumbereich.

Das Wachstum ist rasant. Laut den jüngsten vorliegenden Zahlen hat man 2017 mit Geschäftskunden vor allem in den USA und Europa bereits 10 Milliarden Dollar (rund 9 Milliarden Euro) erlöst – bei einem in knapp 25 Jahren gewachsenen Gesamtumsatz von 178 Milliarden Dollar. Alleine für Handwerker und Produzenten finden sich bereits über 5 Millionen Artikel auf der Plattform. Zum Vergleich: Das Volumen der Onlineverkäufe an Geschäftskunden in Deutschland insgesamt wird auf 35 Milliarden Euro geschätzt. 

Haben andere auf Geschäftskunden ausgerichtete Anbieter auf Dauer Platz? In der Stuttgarter Konzernzentrale des Spezialversenders Takkt, der mit zurzeit 19 Firmen einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Euro macht, erlebt man einen relativ entspannten Chef:„Amazon beobachten wir genau, aber wir  kennen unsere Kunden gut  und sind zuversichtlich, deren Bedürfnisse auch in Zukunft erfüllen zu können,“ sagt Felix Zimmermann: „Wir nutzen Amazon teilweise selbst als Verkaufsplattform, vor allem für Testangebote.“ Schnell mit neuen Produkten auf die Plattform und die Nachfrage testen – das gehe dort relativ einfach.

Takkt nutzt E-Commerce-Startups

Doch im Kern setzt man auf eigene Onlineangebote. Dafür hat man einen Innovationszweig namens Newport aufgebaut, unter dessen Dach man junge, webbasierte Startups versammelt. Gerade erst hat man das  2013 gegründete, niederländische Startup XXLhoreca übernommen, das sich auf Gastronomiebedarf spezialisiert hat.

Vom Mutterkonzern werden diese auf den Onlinevertrieb konzentrierten Anbieter bewusst an der langen Leine gelassen. „Gründer sind ja keine Persönlichkeiten, die sich in großen Unternehmensstrukturen wohlfühlen,“ sagt der Takkt-Chef. Die Startup-Schnellboote sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen beliefern. XXLhoreca hat Einzel- Gastronomen im Blick. „Große Burgerketten werden da nicht einkaufen“, sagt Zimmermann.

Online-Bequemlichkeit plus Beratung

Online-Bequemlichkeit plus Beratung ist das Konzept. Und genau mit der Möglichkeit, sich per Chat oder Telefon-Hotline beraten zu lassen will man sich vom reinen Warenkatalog auf Amazon und ähnlichen Portalen unterscheiden. In klassischer Manier will man das in den Niederlanden entwickelte Konzept nun in ganz Europa ausrollen – und profitiert hier vielleicht davon, dass Amazon im fragmentierten Europa nicht so schnell vorpreschen kann wie im großen Binnenmarkt der USA.

 Zielgruppe ist nicht der Käufer, der sich möglichst bequem und billig versorgen will, sondern man setzt auf höherwertige Gerätschaften die für Restaurants eine Schlüsselfunktion haben: Kühlschränke, Öfen, hochwertige Innenausstattung. „Sie wollen da zu 100 Prozent sicher sein, dass alles reibungslos funktioniert. Wenn in der Pizzeria der Ofen aus ist, kann sie zumachen“, sagt Zimmermann.

Er glaubt, dass Geschäftskunden anders ticken, als die von Amazon auf Bequemlichkeit hin erzogenen Schnäppchenjäger unter den Privatkunden. Firmeneinkäufer achteten man nicht auf den letzten Cent , sondern blickten auf die Gesamtsumme aus Preis, Qualität und Produktivität. „Wenn Sie als Einkaufsbeauftragter eines Unternehmens ein größeres Gerät erwerben, das nach einem Jahr schon defekt ist, bekommen sie Ärger.“   

Restaurants kein Ort für technische Experimente

Im Restaurantbereich führt das dazu, dass hier eher wenig technisch experimentiert wird. Die smarte Küche und der smarte Kühlschrank seien eher ein Thema für den Konsumentenmarkt. Die Grundausstattung muss funktionieren und soll möglichst produktiv sein. Weniger das Internet der Dinge als Multifunktionsgeräte seien gerade der Trend. Kochen, garen, frittieren auf minimalem Platz sei das Ziel. Eigentümer von Restaurants suchten auch eine möglichst effiziente Organisation in der Küche und ließen sich immer öfter an diesem Punkt beraten. In den USA gebe es darauf spezialisierte Unternehmen. Hier geht es aber weniger um Apps oder Sensoren im Internet der Dinge, sondern um einen effizienten Küchenaufbau.

Das hat weniger mit Hightech zu tun als mit organisatorischer Erfahrung – auch dies ein Beispiel dafür, warum aus Sicht von Takkt Amazon Business und andere große Plattformen im Geschäftskundenbereich nicht so dominieren werden wie im Konsumbereich. „Natürlich gibt es standardisierte Produkte wie Besteck oder Geschirr, wo es vor allem auf den Preis ankommt – aber wenn es hochwertiger wird, wollen sie auf Beratung nicht verzichten.“ Servicepersonal vor Ort wie früher beim Fachhändler gibt es aber auch bei den Onlineportalen nicht mehr. Um im Schatten von Amazon Business und anderen Großanbietern  konkurrieren zu können, gibt es Beratung per Chat oder Telefon.

Amazon Business stößt noch in eine Lücke

Die Abläufe müssten so effizient sei, dass man auch kleinere Aufträge profitabel abwickeln könne, sagt Zimmermann. „Preislich liegt das auf Augenhöhe mit den großen Portalen im Onlinehandel.“, sagt Zimmermann.   Schon vor dem Kauf des niederländischen Gastro-Lieferanten hatten die bisherigen vier Unternehmen des Newport-Innovationszweigs mit 45 000 Produkten in Europa bereits ein halb so umfangreiches Warensortiment im Portfolio wie der traditionelle Kernbereich von Takkt, die Kaiser+Kraft Gruppe.

Typisch für Deutschland sind die Stuttgarter mit ihrer Strategie, die gezielt auf im Startup-Geist agierende, neue  Plattformen setzen,  aber offenbar nicht. Von einer „Denkblockade“ beim Thema Geschäftskunden schrieb vor wenigen Tagen das Branchenmagazin „E-Mail-Marketing Forum“. Nur 1,6 Prozent der deutschen Firmen, die Geschäftskunden beliefern hätten bisher eigene Onlineshops. Zu gut funktioniere immer noch der auf traditionellen Kundenbeziehungen aufbauende Betrieb – wo Bestellungen immer noch per Fax entgegengenommen würden.

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