Startups im Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen

Softwarezentrum Böblingen-SindelfingenWinfried Tilke von Xtrudr und eine Kundin am 3D-Drucker. Foto: Factum/Weise

Das Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen ist ein wichtiger Standortfaktor mit vielen Start-ups. Sie profitieren von der Nähe zu Mittelständlern und Global Playern – und von zwei Ausbildungsstätten, die IT-Nachwuchs heranziehen.

In einem schwarz-grauen Kasten steht eine grüne Figur. „Das ist unser Firmemaskottchen. Es handelt sich um einen kleinen Roboter aus Kunststoff“, sagt Winfried Tilke von der Firma Xtrudr. Er erläutert Brigitte Gassert vom Unternehmen Metzger-Technik an diesem Vormittag, wie der Kasten – ein 3-D-Drucker – funktioniert, in dem das Männchen entstanden ist.

Vor zwei Jahren hat Tilke die Firma Xtrudr gegründet und ist in das Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen gezogen. Dort haben sich inzwischen 110 Firmen angesiedelt, es hat sich zu einem kleinen schwäbischen Silicon Valley gemausert, einer Brutstätte für Innovationen im IT-Bereich. Viele der Betriebe haben wie Tilke als Startups angefangen und etablieren sich langsam auf dem Markt.

Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen ein Modellprojekt

Das Softwarezentrum wurde im Jahr 1995 von den Städten Böblingen und Sindelfingen, der IHK-Bezirkskammer Böblingen sowie der Landesregierung initiiert. Der damalige Wirtschaftsminister Dieter Spöri (SPD) machte sich für das Modellprojekt stark und erwirkte einen entsprechenden Kabinettsbeschluss unter der Führung des Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU). Danach flossen rund drei Millionen Euro aus Einnahmen, die der Verkauf zweier landeseigener Gebäudebrand-Versicherungen brachte, in das Vorhaben, eine EDV-Kaderschmiede im Land zu schaffen.

Die Landesregierung wollte damit einen Strukturwandel einleiten, weil in der Industrie wegen der Automatisierung Hundertausende Stellen weggefallen waren. Zwar gab es bereits zahlreiche Software-Experten in Einmann- und Kleinbetrieben. Ihnen fehlte jedoch meist ein direkter Draht zu wichtigen IT-Firmen. Darüber hinaus war es für sie schwierig, einen Fuß in die Tür des damals von den USA dominierten Markts zu bekommen. Es fehlte auch an der nötigen Infrastruktur und an finanzieller wie fachlicher Unterstützung. Es sollte sie jemand „an die Hand nehmen“, wie es Walter Vaas ausdrückte, der damalige Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Böblingen.

Unterstützung durch die Städte und die IHK

Es wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, der die beiden Städte und die IHK angehören. Sie besitzt das Grundstück und die ehemaligen IBM-Labors, in die das Softwarezentrum 1996 einzog. Für 13 Firmen wurden 80 Arbeitsplätze geschaffen. Jeder, der seitdem dort Büroflächen mietet, ist gleichzeitig Mitglied eines Vereins, der sich Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen nennt und dieses betreibt. Unterstützt wird das ganze von einem Beirat, den unter anderem Vertreter der Firmen Hewlett-Packard, IBM, Daimler und des Wirtschaftsministeriums bilden.

Sie haben ein großes Interesse daran, noch mehr IT-Fachwissen vor Ort zu haben. Die Nähe zu diesen Weltmarktfirmen war auch ein wesentlicher Grund, weshalb das Land das Böblinger Gewerbegebiet Hulb für das Software-Zentrum ausgesucht hat. „Gerade diese Nähe zu den Global Playern und vielen mittelständischen Unternehmen ist für die Firmen hier von Vorteil“, sagt Hans-Ulrich Schmid, der Geschäftsführer des Softwarezentrums.

Andreas Weiss, der die Geschäfte der Firma Spirit/21 leitet, die im Softwarezentrum inzwischen drei Etagen gemietet hat, bestätigt dies. Das Unternehmen habe „von 0 auf hundert durchstarten“ können – wegen der kurzen Wege. Daimler sei quasi über die Straße erreichbar: „Das Geschäft wird immer noch von den Menschen gemacht“, sagt Weiss, persönliche Kontakte seien ganz wichtig. „Und wenn es nicht klappt, dauert es 20 Minuten, bis ich bei meinem Partner auf der Matte stehe.“

Die Dienstleistungsfirma Spirit/21 unterstützt etwa Daimler, Herstellungsprozesse zu automatisieren und Daten auszuwerten. Andere Experten im Softwarezentrum entwickelten das Konzept des Carsharings für Car2go, einer Daimler-Tochter. Wieder andere beraten Firmen bei der Digitalisierung oder arbeiten an Software, welche die Produktion steuert.

Austausch zwischen den Firmen ist wichtig

Die Arbeitsfelder sind weit verzweigt, es kommen immer neue hinzu. Oft tauschen die Firmen untereinander Kenntnisse aus und unterstützen sich gegenseitig – schließlich gehören sie alle dem Verein an. Betreut werden sie vom Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmid, der Kontakte herstellt, für Kooperationen sorgt und auch dafür, dass die Start-ups weitere Büroflächen erhalten. Allerdings platzt das Softwarezentrum inzwischen fast aus den Nähten – trotz mehrmaligen Erweiterungen.

Finanziert wird es aus den Mitgliedsbeiträgen und den Mieten, die die Firmen bezahlen. Allerdings setzt Schmid diese möglichst niedrig an, sodass sie auch für neue Unternehmen bezahlbar sind.Kooperationspartner sind neben den zahlreichen großen und kleinen IT-Firmen im Kreis das Herman-Hollerith-Zentrum und die Akademie für Datenverarbeitung. Das Hollerith-Zentrum ist eine Außenstelle der Hochschule Reutlingen und bildet ebenso erforderlichen IT-Nachwuchs aus wie die Akademie für Datenverarbeitung. Beide sind ein wesentlicher Standortfaktor für Firmen sowohl außerhalb als auch innerhalb der Softwareschmiede.

Neuer Studiengang Digital Business Management

Das Hollerith-Zentrum bietet seit zwei Jahren den Masterstudiengang Digital Business Management an, ein weiterer nennt sich Services Computing. Die Studenten befassen sich mit der Analyse und Optimierung von Geschäftsprozessen, mit Beratungsmethoden, dem Datenmanagement (Big Data) sowie der Gestaltung neuer IT-Architekturen. „Also mit genau dem Knowhow, das Firmen benötigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Schmid. Von Nachteil sei nur, „dass sich die Studienabgänger vor Jobs kaum retten können“, sagt der Hollerith-Leiter Alexander Rossmann. Ähnlich wie die Absolventen der Akademie für Datenverarbeitung, einer staatlichen Einrichtung zur beruflichen Aus- und Weiterbildung.

Sie besteht aus dem Berufskolleg für Informatik, der Fachschule für Wirtschaft, Fachrichtung Wirtschaftsinformatik, und der Berufsschule für IT-Ausbildungsberufe.Wer weiß, vielleicht braucht auch Winfried Tilke bald neue Leute für das bisher vierköpfige Team seiner Firma Xtrudr. Wegen des wachsenden Bedarfs an der neuen Technik des 3-D-Drucks erhält er immer mehr Beratungsaufträge. Etwa von der Firma Metzger-Technik, die an neuen Herstellungsverfahren interessiert ist. Sie produziert Pumpen und Kompressoren.

Wer ist im Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen?
Die 110 Firmen im Softwarezentrum Böblingen-Sindelfingen sind personell sehr unterschiedlich besetzt. Die Spanne reicht von Ein-Mann-Betrieben bis hin zu einem Unternehmen mit 750 Beschäftigten. Die größeren Firmen haben meist noch andere Standorte. Zahlreiche Mitarbeiter des Softwarezentrums arbeiten auch häufig in ihrem Homeoffice und teilen sich einen Schreibtisch mit einem Kollegen. Täglich gehen im Softwarezentrum dennoch 600 bis 700 IT-Mitarbeiter ein und aus. Die Firmen haben teilweise ihren Hauptsitz in anderen europäischen Ländern, etwa Italien oder Frankreich, aber auch in den USA, Korea und Indien. Sie nutzen das Zentrum als Deutschland-Niederlassung.
Die Unternehmen bieten Studenten Praktika und Kooperationen an – um selbst Nachwuchs zu erhalten, denn dieser ist auf dem Markt sehr gesucht. Deshalb wirbt das Softwarezentrum auch um Fachkräfte. Firmenvertreter und der Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmid besuchen dazu Messen und Kongresse in aller Welt.

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