Ökologische Startups – Gründen, aber grün

Ökologische StartupsBäume, die an Hauswänden wachsen? Das ist das Konzept GraviPlant des Stuttgarter Startups. Foto: GraviPlant

Ökologische Startups, die sich mit nachhaltigen Ideen beschäftigen, spielen in Baden-Württemberg eine zunehmend große Rolle. Nur wenn es darum geht, Investoren zu finden, tun sie sich schwerer als ihre IT-Kollegen.

Wenn Alina Schick ihr Projekt vor Investoren vorstellt, ist die erste Reaktion meist ein Stutzen: Bäume, die an Hauswänden wachsen? Das ist das Konzept GraviPlant des Stuttgarter Startups Visioverdis, einer Ausgründung aus der Universität Hohenheim. „Häuserfassaden, die sonst ungenutzt bleiben, sind eine ideale Fläche für die waagrechten Pflanzen“, erklärt Schick. Die Biologin erforscht an der Uni Hohenheim Pflanzen in ungewöhnlichen Lebensräumen. Wenn es dann aber darum geht, die Idee zu verkaufen, wird bei Investoren  aus dem Staunen schnell Zurückhaltung. Das ist typisch für ökologische Startups.

Ihr Kollege Anatol Eyl ist für das Marketing des Unternehmens zuständig. Er weiß, dass Banken bei der ersten Finanzierungsrunde grüner Startups sehr zurückhaltend sind. „Wegen der High-Tech-Komponenten ergibt sich sehr schnell ein hoher Finanzbedarf“, sagt Eyl. Aus der eigenen Tasche finanzieren, das so genannte Boottstrapping, wie es viele wenig kapitalintensive IT-Startups machen, sei daher nicht möglich. Ein Gründer-Stipendium in der Höhe von 100 000 Euro ermöglichte den Anschub. Für 2017 rechnet Eyl mit einem Finanzbedarf von 250 000 Euro, um in einem ersten proof of concept die Bestätigung über den Markt zu bekommen.

Wie das Problem mit dem Ei des Kolumbus

Es wirkt ein bisschen wie da Problem mit dem Ei des Kolumbus: Ohne Marktpräsenz finden ökologische Startups keine Investoren, aber ohne Investoren auch kein Markteinstieg. Thomas Class kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Seine Erfindung ist die „Volksturbine“: ein Vertikal-Windrad, bei dem der Wind durch einen zusätzlichen Eingangskanal bläst, die „verbrauchte“ Energie sofort abgesaugt und der anströmende Gegenwind abgelenkt wird.  Die energieeffizientere Turbine soll vor allem in windschwachen Gebieten aufgestellt werden können, Unternehmen könnten sie auf ihren Dächern und damit quasi am Ort des Verbrauchs installieren, erklärt Class.

2013 stellte er einen ersten Prototypen fertig, Kostenpunkt: 270 000 Euro. Als es dann darum ging, Investoren für den Markteinstieg zu finden, waren die schnell abgeschreckt, als sie erfuhren, dass die „Volksturbine“ noch auf keinem Dach steht. „Die kaufen doch nicht die Katze im Sack“, sagt der erfahrene Unternehmer. Jetzt sollen mehrere Crowdfunding-Kampagnen das Geld für einen neuen Prototypen bringen. „Wenn die erste Turbine steht, wäre das schon gut“, findet Class.

Für ökologische Startups ist Netzwerken essenziell

Nadine Antic von Globalflow hatte weniger Probleme, Investoren zu finden. Die 31-jährige hat sich mit ihrem Startup, das Unternehmen in der Region bei Müllvermeidung berät, einen Namen gemacht. 2011 gründete sie Globalflow, derzeit geht bereits ihr zweites Startup an den Markt: Bei Albfertil wird mit Hilfe von Regenwürmern aus Biomüll Dünger gewonnen. Der Name des Produkts ist ebenso plakativ wie geistreich: „Netzwerken ist essenziell“, sagt sie. Mit den Unternehmen, die sie bereits beraten hatte, beispielsweise Ritter Sport oder MAN im Hintergrund, konnte sie auch Banken von ihrer Idee überzeugen. „Mein Vorteil war, dass ich durch meine Beratungen schon davor mit Entscheidern zu tun hatte“, sagt sie. So kamen in einer ersten Investorenrunde 200 000 Euro zusammen, die für den Start des Unternehmens benötigt wurden. Weitere 600 000 Euro für die Serienproduktion brachte eine zweite Investorenrunde ein.  Antic sieht jedoch auch das Problem, dass technikaffinen, nachhaltigen Startups oftmals der komplexe Produktionsprozess im Weg steht. „Der Produktionsprozess kann noch so attraktiv sein, am Ende zählen der Kundennutzen, die Vermarktbarkeit und die Vertriebsfähigkeit“.

Das Land Baden-Württemberg unterstützt grüne Startups. Beispielsweise mit Innovationsgutscheinen im Wert von bis zu 20 000 Euro für High-Tech-Gründungen oder mit Beratungsgutscheinen, mit denen sich Gründer eine zu 80 Prozent geförderte Experten-Beratung kaufen können. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums haben seit Einführung der Gutscheine im Jahr 2012 knapp 5000 Gründer die Beratungsgutscheine in Anspruch genommen. Und grüne Startups machen einen Anteil von 25 bis 30 Prozent bei den Innovationsgutscheinen aus, heißt es beim Ministerium. Man hat verstanden: die so genannte Green Economy ist ein wichtiges Wachstumsfeld, gerade im rohstoffschwachen Baden-Württemberg. „Der Bereich ist wichtig, damit Baden-Württemberg weiter ein wichtiger Produktionsstandort bleibt“, sagt Hannes Spieth, der Geschäftsführer der Umwelttechnik BW, einer Landesagentur, die sich die Förderung grüner Ideen auf die Fahnen geschrieben hat.

Auch für Andreas Voss gestaltete sich die Investorensuche „schwierig“, wie er sagt. Der Kaufmann hat den Aquacleaner entwickelt, eine Art solarbetriebenen Ventilator für Gewässer, dessen Rotation für eine bessere Sauerstoffversorgung des Wassers sorgt. „Ich habe an viele Türen geklopft“, sagt Voss. Aber oft sei das Interesse an Innovationen aus IT oder Medizin größer gewesen.

Der Markt für grüne Startups sei noch zu klein, Investoren würden nicht angezogen, weil die Produkte nicht so hoch skalierbar seien wie IT-Innovationen. Seit 2015 arbeitet er an seinem Projekt, für das er geschätzt 300 000 Euro für Produktion und Vertrieb braucht. „Da muss man einen langen Atem haben.“ Die ersten Bestellungen hat er immerhin bekommen: Fünf seiner Geräte werden in diesem Jahr von Angelvereinen, Garten- und Landschaftsbauern sowie von Kommunen genutzt. 2017, wenn dann die ersten Referenzen da sind,  soll der Markteintritt folgen.

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