Startup Taxbutler mit seiner Steuer-App ist pleite

TaxbutlerSo hat sich Taxbutler auf Youtube dargestellt. Screenshot: IdeenwerkBW

Eine pfiffige Idee, fand auch der Investor und Gesundheitsminister Jens Spahn: Eine App fürs Handy, mit der die Steuererklärung in fünf Minuten erledigt ist. Doch jetzt ist das Startup Taxbutler aus Ludwigsburg trotz oder vielleicht wegen der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit pleite.

In einem Video klingt alles ganz einfach. Der 49-jährige Matthias Raisch mit Anzug und moderner Brille, das graumelierte, lange Haar nach hinten gekämmt, verspricht „eine einfache und automatisierte Steuererklärung“. Nur den Steuerbescheid des Vorjahres und die Belege mit dem Handy fotografieren, per Elster-Schnittstelle die Daten ans Finanzamt senden – fertig. „Nach 14 Tagen haben Sie ihre Steuererstattung auf dem Konto“, heißt es in dem Werbefilm.

Das kommt der Steuererklärung auf dem Bierdeckel schon ziemlich nahe, die einst der CDU-Politiker Friedrich Merz gefordert hat. Nun ist der Ludwigsburger Matthias Raisch nebenbei auch noch Mitglied in der Steuer-Fachkommission des CDU-Wirtschaftsrats – vielleicht kann er deswegen den späteren Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als Geldgeber gewinnen? „Pfiffig“, findet dieser die Idee auf jeden Fall und investiert 15 000 Euro in das Startup.

Der Gründer von Taxbutler setzt alles auf eine Karte

Matthias Raisch setzt alles auf eine Karte: 20 Jahre war er in der Versicherungsbranche tätig, zuletzt in leitender Funktion bei der Allianz. Dann, im Jahr 2013, kündigt er seinen Job, um die Steuererklärungs-App umzusetzen. „Taxbutler“ nennt er sie, die Firma Pareton GmbH bezieht ein Büro in der Ludwigsburger Bahnhofstraße.

Noch vor einem Jahr sieht es so aus, als könnte Raisch ein neuer Star der New Economy werden. In Gründerforen wird die Idee hoch gelobt, das „Handelsblatt“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ berichten darüber, sogar das Onlineportal der Computerzeitschrift „Chip“ empfiehlt die Taxbutler-App zum Download. Das Unternehmen wird auf 1,3 Millionen Euro taxiert, auf der Plattform Seedmatch wird eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Schnell sind 300 000 Euro zusammen. Doch im Sommer 2018 sackt das Unternehmen in sich zusammen – den Mitarbeitern wird gekündigt, der Geschäftsbetrieb eingestellt und ein vorläufiges Insolvenzverfahren eröffnet.

Steuererklärung in fünf Minuten

Dabei klingt das Geschäftsmodell so einfach wie bestechend: Für 29 Euro werden die Belege per Texterkennung erfasst, von einer intelligenten Software sortiert und ans Finanzamt übermittelt. Zielgruppe sind Arbeitnehmer ohne komplexe Nebeneinkünfte, die oft gar keine Steuererklärung abgeben und damit auf Rückerstattung verzichten; meist einfache Arbeiter oder Berufsanfänger. „Die Taxbutler-Kunden haben einen Durchschnittsverdienst von 23 000 Euro“, sagt Michael Riegger aus Tübingen, der inzwischen zum Insolvenzverwalter bestellt wurde.

Zunächst ging es für das junge Unternehmen steil bergauf. Laut Raisch wurde die App 6000 Mal herunter geladen, 580 Steuererklärungen wurden an die Finanzämter damit übermittelt. Doch dann gibt es Negativschlagzeilen. Erst muss Jens Spahn auf politischen Druck hin seine Anteile von 1,25 Prozent wieder verkaufen: Er ist zu diesem Zeitpunkt noch Staatssekretär im Finanzministerium. Die Opposition wittert einen Interessenkonflikt, weil Spahn für Steuerfragen zuständig sei. Im August 2017 steigt Jens Spahn aus der Firma aus, was sogar „Spiegel Online“ eine Schlagzeile wert ist. „Wir hatten nur ein Mal persönlichen Kontakt, er war nur Geldgeber“, beschreibt Raisch die Beziehung zu dem konservativen CDU-Politiker.

Auflagen des Finanzamts und ein schwieriger Partner

Ein weiteres Problem kommt von Behördenseite: Die Steuerberaterkammer zweifelt die Berechtigung der Pareton GmbH an, steuerlich beraten zu dürfen. Raisch erhält laut Spiegel-Bericht vom Finanzamt Bietigheim-Bissingen eine Verfügung, wonach er nicht steuerberatend tätig werden dürfe. Raisch hatte dies eigenen Angaben zufolge gar nicht vor. Allerdings hätte er sich womöglich in eine Grauzone begeben, denn die App sollte weiter entwickelt werden. „Sie sollte auch komplizierte Steuererklärungen verarbeiten können“, erklärt der Insolvenzverwalter Riegger.

Und dann lässt sich Raisch mit einem schwierigen Werbepartner ein: Mit Rainer Schenk, der sich als „Online-Steuerberater“ bezeichnet. Schenk hatte als Vorstand das Industrieunternehmen Eliog in Erfurt in die Insolvenz geführt, Anleger und Banken fühlen sich um ihre Einlagen geprellt. Ein großer Wirtschaftsprozess in Thüringen soll den Fall aufklären. Vielleicht eine Schlagzeile zu viel. „Die Zahl der Kunden ist dramatisch zurückgegangen“, sagt der Insolvenzverwalter Riegger. Am 28. Juni wurde die Insolvenz angemeldet.

Die Taxbutler-Homepage ist aktiv, aber fast ohne Frequenz. „Der Geschäftsbetrieb ist eingestellt“, sagt Raisch, der noch versucht hat, neue Investoren zu bekommen, um eine Marketingkampagne zu starten. Ohne Erfolg. Der Insolvenzverwalter wird die Firma wohl abwickeln. Dass die 312 Anleger der Crowdfunding-Kampagne ihre 300 000 Euro zurück bekommen, gilt als unwahrscheinlich. Versprochen waren ein Prozent Zinsen – plus Gewinnbeteiligung. Doch selbst wenn noch Kapital vorhanden wäre, stünden die vielen Mikrokreditgeber ganz am Ende der Liste der Ansprüche.

Auch Matthias Raisch, der 68 Prozent der Anteile an der Pareton GmbH hält und viel Geld investiert hat, steht vor einem Scherbenhaufen: „Wie es weiter geht, weiß ich auch noch nicht.“

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