Startup Safari Stuttgart – Expedition zu Gründern

Startup Safari StuttgartVeranstalter Johannes Ellenberg von Accelerate Stuttgart schickt die Teilnehmer zum Start auf die Safari. Foto: Lichtgut/Piechowski

Die erstmals veranstaltete Startup Safari Stuttgart 2018 hat einen Blick in die Werkstatt von Stuttgarter Startups eröffnet –  ganz bunt und basisdemokratisch.

Safari-Stimmung pur – so jedenfalls hat es sich  von den Temperaturen her an einem warmen Frühlingstag im bis auf die Stehplätze ausgebuchten Konferenzraum an einem Hinterhof im Stuttgarter Westen angefühlt. Drei Dutzend Teilnehmer der ersten Startup Safari Stuttgart ließen sich von der schwülen Luft nicht schrecken und nahmen in den Räumen von Coworking0711 die Chance wahr, einen ganz besonderen Blick auf die Startup-Szene in der Stadt zu werfen. Zwei Tage lang konnten sich insgesamt 200 Teilnehmer von Studenten bis hin zu Firmenvertretern sich kreuz und quer durch Stuttgart und die Region ein individuelles Exkursionsprogramm zusammenstellen.

Organisator Johannes Ellenberg von der Startup-Veranstaltungsagentur und Innovationsberatung Accelerate Stuttgart wollte mit dem in Köln erfundenen und inzwischen internationalen Safari-Konzept ganz bewusst einen Kontrapunkt zu den in der Region immer zahlreicher werdenden Events setzen, wo Politik und etablierte Unternehmen den Ton angeben. Der Startschuss fand allerdings beim Sponsor Stuttgarter Versicherung statt.

„Wir wollen wieder mehr die Graswurzel in den Blick rücken“, sagt Ellenberg: „Wir möchten die Startup-Gemeinschaft in Stuttgart weiter aufbauen und  Menschen mit ihr in Verbindung bringen, die dort noch nicht den Einstieg geschafft haben.“ Ein wenig funktioniere eine Startup Safari, für die das Zwei-Tages-Ticket schon für den Preis einer Kinokarte zu haben ist, nach dem Muster einer langen Nacht der Museen. Es gehe darum, die Stadt und die Szene in ihrer Vielfalt zu entdecken, sagt Ellenberg.

Bei der Startup Safari Stuttgart stehen Gründer im Mittelpunkt

Und so redeten beispielsweise die Gründer auf der Startup Safari Stuttgart weniger über die technologischen Details ihrer Produkte, sondern über ihre Gründergeschichte. Auch die Themen waren anders: Statt um Roboter, autonomes Fahren oder Industrie 4.0 ging es hier beispielsweise um kreative Apps, pfiffige neue Produkte oder um die Geheimnisse der Kundenakquise und des Marketing.

Das Prinzip Wundertüte ist gewollt. Zwar treffen die Veranstalter eine Vorauswahl. Doch was und wie sich die Startups präsentieren, ist ihnen überlassen. Vom Vortrag bis zum Workshop ist auf unterschiedlichem Niveau alles dabei. Geschichten von Rückschlägen und Fehlern – aber auch positive Überraschungen gehören dazu.

Gründen heißt: Immer wieder neu anfangen

Mark Naus beispielsweise, der bei seinem Startup Caught ursprünglich nach dem Muster von Pokemon Go eine App entwickeln wollte, mit der sich virtuelle Spiele mit der realen Umgebung  verknüpfen lassen, stellte verblüfft fest, dass sich Unternehmen dafür interessierten. Mercedes-Benz nutzte sie beispielsweise für eine Mitarbeiter-Rallye zur Vorstellung neuer Fahrzeuge. An jeder Etappe stellte die über GPS die Teilnehmer lokalisierende App dann neue Aufgaben. „Ich hätte nicht gedacht, dass das mal ein Werkzeug für ernsthaftes Lernen darstellen könnte“, sagt Naus.

Oder das Beispiel von Ahmet Özkaya, Gründer von Akkumat, der das Problem lösen wollte, dass im Restaurant oder auf Messen dem Smartphone die Batterie ausgeht. Erst nach Umwegen erkannte er, dass ein sicheres Schließfach entscheidend war: „Niemand will zehn Minuten herumstehen  bis sein Gerät geladen ist.“ Nun vermietet man die Handy-Schließfächer etwa während  der Berlinale oder man hat Energiekonzerne dazu gebracht, solche Geräte zu sponsoren – etwa an Abfluggates an Flughäfen. „Wir hatten im Nachhinein Glück, dass uns die Bank anfangs keinen Kredit geben wollte. Sonst hätten wir mit unserem ersten, falschen Konzept noch mehr Geld versenkt.“

Unverdrossen über die eigene Idee reden

Lukas Kauderer von LiCiLi, einem Startup, das sich mit der automatischen Auswertung von Kundenfeedback beschäftigt, erzählte von seinen früheren Anläufen – etwa zu einer App, die  es ermöglichen sollte, mit Kleinstbeträgen auf Börsenkurse zu wetten. Nach der teuren Fehlberatung durch einen Anwalt und monatelanger Entwicklungsarbeit stellte er in weiteren, eher zufälligen  Gesprächen mit anderen Experten fest, dass es selbst bei einem Minieinsatz von 50 Cent in Deutschland dafür eine Glücksspiellizenz braucht. Das war das Ende für das Konzept.

„Mein Rat ist es: Redet so früh wie möglich, mit so vielen Menschen wie ihr könnt, über eure Idee,“ sagt Kauderer. Offenheit, Austausch, Geben und Nehmen – nur so könne eine kreative Kultur entstehen, auch in Stuttgart, so lautete das Fazit der Gründer unisono. Allein zwei der hier genannten Präsentatoren haben beispielsweise sichere Karrieren in etablierten Firmen für ihre Startup-Idee aufgegeben. Die Startup Safari soll solchen Mut inspirieren.

Horizonterweiterung für Wirtschaftsstudenten

Das Konzept  der Startup Safari Stuttgart scheint vor allem dort aufzugehen, wo es darum geht, Interessenten mit Gründergeist anzustecken. Fabian Diefenbach, Dozent an der Hochschule Esslingen, die sich im Rahmen der  Safari mit ihren Startup-Projekten präsentierte, nahm die Tour beispielsweise zum Anlass zu einer Seminarexkursion mit angehenden Wirtschaftsingenieuren. „Ich sehe das als Horizonterweiterung jenseits der fachlichen Weiterbildung“, sagt der Professor für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen. Wirtschaftsingenieure seien immer noch stark auf eine Karriere in den großen etablierten Firmen der Region orientiert. „Ich will zeigen, dass Gründen auch eine  Karriereoption sein kann“, sagt Diefenbach.

Andere Teilnehmer, die sich schon konkret mit einer Gründungsidee beschäftigt haben, hätten sich hingegen etwas mehr Vertiefung gewünscht. „Mich hätte beispielsweise genauer die Finanzierung in der Frühphase  interessiert,  bevor man die Gewinnschwelle erreicht“, sagt Clarie Afdzanudin, die als Studentin der internationalen Betriebswirtschaft mit einigen Kommilitonen von der Hochschule Heilbronn angereist war.

Im  Prinzip sei bei der Startup Safari Stuttgart für die unterschiedlichsten Vorkenntnisse etwas dabei,  sagt Veranstalter Ellenberg. Aber bei einer geplanten Wiederholung im kommenden Jahr werde man wohl an den Veranstaltungsbeschreibungen und einer klaren Niveau-Einstufung feilen. Und wenn das insgesamt positive Echo auf die erste Expedition der Maßstab ist, dann dürfte die zweite Runde 2019 größer werden.

Das Konzept der Startup Safari
Die in Köln von den Veranstaltern des Startup Treffens Pirate Summit entwickelte Idee, soll es ermöglichen, in einem lockeren und frei zu gestaltenden Veranstaltungsformat die Startup-Szene einer Region kennenzulernen. Die Startup Safari lebt vom freiwilligen Engagement der Startups, die sich auf individuelle Weise präsentieren. Insbesondere für auswärtige Gäste soll die mehrtägige Tour auch die Möglichkeit geben, die jeweiligen Städte kennenzulernen.
Das inzwischen international lizenzierte Format hat bereits in 20 Städten stattgefunden. Die Stuttgarter Veranstaltung war mit 200 Teilnehmern und zwei Dutzend Etappen an zwei Tagen noch relativ klein. Groß-Safaris in Städten wie Köln oder Frankfurt haben teilweise schon mehrere hundert Programmpunkte. In den kommenden Wochen finden nach der Startup Safari Stuttgart solche Events etwa in Budapest, Berlin und Riga statt.

IdeenwerkBW kooperiert beim Newsletter Innovationweekly mit Accelerate Stuttgart.

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER