Startup-Land Schweden: Reich der Einhörner

Startup-Land SchwedenStockholm ist eine der bedeutendsten Startup-Metropolen Europas Foto: Pixabay/David Mark

Das Startup-Land Schweden präsentiert sich als Partner auf der in der kommenden Woche beginnenden Hannover Messe. Das Land ist bei der Innovationsdynamik auf einem der vordersten Plätze in der Welt.

Schweden darf aufs Treppchen, Deutschland nicht. In der Rangliste der innovativsten Länder weltweit steht das skandinavische Land besser da als Deutschland. Je nachdem welchen Innovationsindex man heranzieht, ergattert Schweden sich den zweiten oder dritten Platz – nur Länder wie Südkorea oder die Schweiz schneiden besser ab. Deutschland schafft es bestenfalls auf Rang vier. „Unsere Wirtschaft basiert auf Innovationen“, sagt die schwedische Wirtschaftsministerium Anne Linde. Auf der Hannover Messe, die vom 1. bis 5. April die Pforten öffnet, präsentiert sich das Partnerland.

Schweden ist ein Industrieland, genauso wie Deutschland. Die Autoindustrie, der Maschinenbau sowie die Holz- und Papierindustrie sind die größten Industriezweige – auch hier gibt es Ähnlichkeiten zwischen beiden Ländern. Konzerne wie ABB, Ikea, SKF oder Vattenfall prägen das Land. Doch es sind nicht zuletzt die Kleinstfirmen, denen das Land seinen innovativen Ruf verdankt. Mehr als 1,2 Millionen Unternehmen gibt es in Schweden. Gerade mal 8500 davon haben mehr als 50 Beschäftigte. 93 Prozent der Firmen haben weniger als fünf Mitarbeiter. Den klassischen Mittelstand, auf den Deutschland so stolz ist, sucht man in Schweden vergeblich.

Startup-Land Schweden besser als die USA

Das Startup-Land  Schweden toppt sogar die Vereinigten Staaten. „In Schweden kommen auf 1000 Beschäftigte 20 Startups, verglichen mit nur fünf in den USA“, sagt Jochen Schäfer vom ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie). Einige Jungunternehmer sollen gleich mehrere Startups gegründet haben. „Bezogen auf die Einwohnerzahl gibt es in keiner Stadt außerhalb des Silicon Valley so viele ,Einhörner’ – also mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertete Startups – wie in Stockholm“, fügt er hinzu.

Eine Heimat im Startup-Land Schweden finden sie in einem der vielen Technologiezentren, die in der Nähe von Universitäten angesiedelt sind. Dort finden die Gründer Unterstützung und können Netzwerke knüpfen. Viele der experimentierfreudigen Jungnternehmen setzen auf digitale Geschäftsmodelle. Manche werden groß. So stammt der digitale Musikdienst Spotify aus Schweden.

Auch Milchkühe sind ein Thema

Ellinor Eineren ist Unternehmerin. Sie war gerade 25 Jahre alt als sie 2010 Agricam gegründet hat. Seitdem widmet sie sich von ihrem Firmensitz im Science Park in Linköping aus Milchkühe. Konkret geht es ihr darum, frühzeitig zu erkennen, ob eine Kuh krank ist. Auf kleinen Höfen kennt der Bauer jede einzelne Kuh, erläutert die quirlige Frau. Doch bei einer Herde von 500 Kühen funktioniere das nicht mehr. Deshalb hat sie eine Wärmebildkamera entwickelt, die etwa die Temperatur jeder einzelnen Kuh quasi im Vorbeigehen misst. Wenn Krankheiten früh erkannt werden, sei kein Antibiotikum nötig, erzählt sie. Dank ihrer Technologie sei der Verbrauch von Antibiotikum um 50 Prozent gesunken, berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Auch Mattias Josephson ist Mieter des Science Parks. Er beschäftigt sich mit neuartigen Solarzellen, die dazu beitragen sollen, dass weniger Batterien eingesetzt werden. Im Visier hat er nicht zuletzt Geräte mit geringem Stromverbrauch, wie etwa Sensoren. Josephson, der die Firma Epishine gegründet hat, nutzt etwa die Innenbeleuchtung, um Strom zu erzeugen.

Bargeld ist im Startup-Land Schweden inzwischen ein Fremdwort

Wie wichtig Schweden neue Technologien sind, macht eine Zahl deutlich: das größte Land Skandinaviens investiert rund 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung.In Europa steckt nur die Schweiz einen noch etwas höheren Anteil in die Zukunftssicherung. In Deutschland sind es dagegen nur 2,9 Prozent. Ein schnelles Internet gehört in Schweden, das in den nördlichen Landesteilen dünn besiedelt ist, fast überall zum Standard. Und die Menschen sind aufgeschlossen für digitale Neuerungen. Sie haben „großes Vertrauen in den Staat und stellen ihre Daten leichter zur Verfügung“, sagt Hans-Jürgen Heimsoeth, der deutsche Botschafter in Schweden. Das betrifft den täglichen Einkauf.

Mittlerweile tätigen sie 80 Prozent ihrer Einkäufe bargeldlos, heißt es bei der deutsch-schwedischen Handelskammer. Selbst die Tasse Kaffee wird mit Karte bezahlt. „Wenn Sie keine Pin haben, haben Sie in Schweden ein Problem“, erläutert Yvonne Heidler, die beim Maschinenbauverband VDMA für Schweden zuständig ist. Zum Vergleich: In Deutschland wird nur für 20 Prozent detr Einkäufe die Karte gezückt. Und es betrifft Jobs: Schweden haben keine Angst, dass Roboter ihnen die Arbeit wegnehmen könnten.

Exportorientierte Wirtschaft entwickelt sich robust

Nicht zuletzt dank seiner experimentierfreudigen Unternehmen steht das Partnerland der weltgrößten Industrieschau gut da. Die exportorientierte Wirtschaft hat sich robust entwickelt. Die Zusammenarbeit mit Deutschland floriert. 900 deutsche Unternehmen mit zusammen 70 000 Mitarbeitern sind in Schweden tätig. In Deutschland gibt es 1400 schwedische Firmen mit 120 000 Beschäftigten. Neben Großbritannien gehört Deutschland zu den größten Handelspartnern. Und die Zusammenarbeit wird ausgebaut.

Kanzlerin Angela Merkel und der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven haben den Grundstein dafür 2017 gelegt – indem sie das deutsch-schwedische Tech-Forum eingeweiht haben. Dabei solle es nicht zuletzt darum gehen, deutsche Unternehmen mit schwedischen Tüftlern zusammenzubringen. Die Deutschen sollen von schwedischen Innovationen profitieren. Sie sollen sich an Startups beteiligen. Und die Startups ihrerseits finden Partner und Kunden – dank der globalen Aufstellung Deutschlands auch über Ländergrenzen hinweg. In Hannover sollen die Fäden geknüpft werden.

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