Startup-Gründerinnen – eher praktisch als visionär?

Startup-GründerinnenFrauen gründen viel - aber keine Startups. Warum ist das so? Foto: Pixabay/rawpixel/CC0

IdeenwerkBW-Schwerpunkt Frauen und Startups (1): Der Anteil der Frauen, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, ist hoch. Doch Startup-Gründerinnen im engeren Sinn sind selten.

Die Treffen der Startup-Szene sind vor allem eines – Männerveranstaltungen. Frauen sind dort kaum vertreten. Das hat einen einfachen Grund: Es gibt nur wenige. Damit ist nicht gesagt, dass Frauen den Sprung in die Selbstständigkeit nicht wagen. Ganz im Gegenteil. Knapp 31 Prozent der Unternehmen, die 2016 in Baden-Württemberg gegründet wurden, haben eine Frau an der Spitze, hat das Statistische Landesamt in Stuttgart ausgerechnet. Die Förderbank KfW kommt sogar auf einen noch deutlich höheren Anteil. Eine Gründung ist eben nicht immer auch ein Startup.

Gerade mal bei 14,6 Prozent der Startups, die 2016 gegründet wurden, hat eine Frau das Sagen, geht aus dem Startup Monitor 2017 hervor. Am höchsten ist der Anteil dabei in Berlin, wo 16,2 Prozent der Startups von Frauen gegründet wurden, Hamburg und München sind Schlusslicht (jeweils 10,5 Prozent). Die Regionen Stuttgart und Karlsruhe kommen auf 13,3 Prozent.

Doch was unterscheidet Startups von klassischen Gründungen? Ein neuer Blumenladen oder ein Architekturbüro ist eine Gründung aber kein Startup. Bei Startups geht es um neue, risikoreiche Geschäftsmodelle, dort wird von einer schnellen Expansion geträumt und dort wird viel Geld von Venture-Capital-Gesellschaften eingesammelt. Apropos VC-Gesellschaften.

Dort ist der Männeranteil sogar noch höher als bei den Startups. Bei mageren vier Prozent liegt der Anteil der Investorinnen, sagt Peter Lennartz, Partner bei der Stuttgarter Unternehmensberatung EY. Eine ernüchternde Erkenntnis – auch für potenzielle Startup-Gründerinnen.

Startup-Gründerinnen lösen praktische Probleme

Experten sind sich einig: Es liegt nicht an den Ideen, dass Frauen bei Startups nur eine Nebenrolle einnehmen. Frauen gründen eben anders. „Eine Gründerin denkt weniger an eine schnelle Expansion, als vielmehr daran, ein praktisches Problem  zu lösen, das sie aus dem Alltag kennt,“ sagt Lennartz. Zu den Themen gehören Ernährung, Kinderbetreuung, Mode oder Gesundheit.

Eine Frau hat ein Problem mit der Kita – und geht ihren eigenen Weg. Oder sie hat Schmerzen – und entwickelt eine Gesundheits-App. Oder sie kann in ihren High Heels nicht laufen – und entwirft mit entsprechender Unterstützung formschöne Pumps. Frauen starten dabei häufig im Nebenerwerb und testen so, ob ihre Idee trägt. Und der Mann?  Der will vor allem Geld verdienen, sagt Lennartz.

„Frauen identifizieren sich mit ihrer Idee und das führt nicht zuletzt dazu, dass sie sich intensiv mit der Gründung beschäftigen“, sagt Iris Kronenbitter, die bei der Initiative für Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge (Ifex) im Stuttgarter Wirtschaftsministerium arbeitet. Sie stellten sehr realistische Planungen auf, sie steckten sich ihre Ziele so, dass sie auch erreichbar seien und sie hätten meist einen Plan B für den Notfall in der Schublade. Wer all dies berücksichtige schafft eben nur eine Wachstumsrate im einstelligen Bereich – was keinen Investor anlockt. Venture-Capital-Gesellschaften bevorzugen die aggressivere Vorgehensweise, also die männliche Variante.

Bei Investoren sind eher Visionen gefragt

Investoren wollen Visionen hören, ihnen geht es um rasantes Wachstum, um Marketingideen, die den Bekanntheitsgrad und damit den Wert des jungen Unternehmens in die Höhe schnellen lassen. Dafür sind sie bereit viel Geld zu investieren. Um welche Summen es sich dabei handelt, zeigt eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft EY. Im vergangenen Jahr hätten deutsche Startups bei insgesamt 507 Finanzierungsrunden die Rekordsumme von 4,3 (Vorjahr: 2,3) Milliarden Euro eingesammelt.

„Ein Gründer fragt eher nach fünf Millionen und nicht nach 500 000 Euro“, sagt Nathalie Mielke von  EY. Investoren gingen eben davon aus, dass Wachstum erstmal hohe Investitionssummen erfordert. Wenn ein Gründer bei Finanzierungsrunden bescheiden auftritt, trauen sie dessen Vision nicht so recht, sagt Mielke.

Sind Startup-Gründerinnen zu bescheiden?

Und genau das tun Frauen – sich bescheiden. Sie gehen risikobewusst an die Finanzierung heran. Sie wollen von Banken unabhängig sein und arbeiten meist mit Eigenkapital, so Kronenbitter. Unterstützt würden sie von der Familie, von Freunden und Bekannten. Die Folge: langsames, aber nachhaltiges Wachstum.

Langweilig, denkt sich da wohl so manche Venture-Capital-Gesellschaft, die aufs Tempo drückt. Für sie steht nach drei bis fünf Jahren der Exit an. Dann will sie möglichst gewinnbringend ihre Anteile veräußern. Oder die nächste Runde finanzieren. Das Scheitern von Projekten gehört wie selbstverständlich zu einem solch risikoreichen Tempo. Die Folge: neun von zehn Startups scheitern.

Frauen dagegen seien – was die Überlebenschancen ihrer Unternehmen betrifft – deutlich erfolgreicher als Männer, sagt Kronenbitter: „Man würde der Frau die Kompetenz absprechen, wenn es nicht funktioniert. Die Gesellschaft misst noch immer mit zweierlei Maß“. Auch Lennartz kennt die alte Rollenverteilung.

Die gläserne Decke und warum sie hält

Aber es gibt sie, die Frauen in der Startup-Szene. Sie haben zuvor Erfahrung bei Internetfirmen, Unternehmensberatungen oder in der Industrie gesammelt und wagen dann den Sprung. Dabei spielt auch die gläserne Decke eine Rolle, also die häufig gemachte Erfahrung, dass karrierewillige Frauen über eine bestimmte Hierarchiestufe in Unternehmen immer noch nicht hinauskommen. Untersuchungen haben ergeben, dass sich ein Drittel von ihnen dann für die Selbstständigkeit entscheidet.

Doch die Zahl der Startup-Gründerinnen wird steigen, davon ist Mielke überzeugt. Dies hat nicht zuletzt mit Projekten wie die Female Future Force des Startups Edition F zu, das natürlich von zwei Frauen gegründet wurde. Dort werden junge Frauen gegen eine Jahresgebühr gecoacht – und so auf künftige Herausforderungen vorbereitet. Dort geht es auch um Vernetzung. Männliche Coaches werden eingebunden. Offensichtlich will man nichts dem Zufall überlassen.

Noch mehr Innovationen...

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER