Startup-Geschichten aus Stuttgart – alles ist drin

Startup-Geschichten aus StuttgartSarah Haide 2014 mit MyCouchbox-Mitgründer Clemens Walter. Inzwischen leitet Haide das Startup allein. Foto: Lichtgut/Piechowski

Gründen ist ein Abenteuer. Manchmal folgt auf auf Euphorie die Ernüchterung, wenn statt dem Investor der Gerichtsvollzieher kommt. Doch auch Erfolge gehören dazu. Drei Startup-Geschichten aus Stuttgart zeigen das ganze Spektrum.

Die Gründerszene ist ein hartes Pflaster.  Ein Sprecher der L-Bank aus dem Bereich Unternehmensförderung bestätigt dies: „Bei innovativen Projekten ist das Risiko in der Tendenz höher.“ Doch selbst ein gescheitertes Projekt muss noch lange keine gescheiterte Berufskarriere sein. Drei Gründer aus der Region erzählen hier ihre Startup-Geschichten aus Stuttgart. Es sind Gründungen aus kreativen Ideen heraus, nicht mit großem Forschungsbudget oder Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft.

Spotgun: Was man aus dem Scheitern lernen kann

Die Geschichte von Jürgen Gomeringer und Philipp Rottmann begann wie im Bilderbuch. Als die beiden 2014 mit ihrer App Spotgun an den Start gingen, sahen sie sich auf der Siegerstraße: Ihre App, die in Werbepausen im TV mit einem Quiz über die gezeigten Werbespots für Kurzweil sorgen sollte, wurde von der Fachzeitschrift „Androidapp“ zur App des Jahres gekürt. Dazu kam ein Gründungsstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – und ein Innovationspreis vom Ministerium für Wirtschaft und Finanzen in Baden-Württemberg. Die Gründer wurden vom Hamburger Netzwerk Next Media Accelerator gefördert, was ihnen zu einem Draht zu vielen Entscheidern in der Medienwelt verholfen hatte. Auch bei der TV-Produktion „Die Höhle der Löwen“, in der Start-ups und Investoren zusammenkommen, sprachen sie vor.Es reichte nicht.

Kleine Rückschläge, wie den, dass ihr Vorsprechen bei den „Löwen“ nie gesendet wurde, steckten die Gründer noch weg. „Doch irgendwann ging uns das Geld aus“, sagt Jürgen Gomeringer. Ende 2016 war Schluss mit Spotgun. Da auch viel Eigenkapital in der Unternehmung steckte, standen Gomeringer und Philipp Rottmann zum Jahreswechsel vor einem Trümmerhaufen. Augenscheinlich. (Die Website gibt es noch – sie wird aber nicht mehr aktiv betrieben.)

Denn wenn Spotgun auch scheiterte, war das Gründerduo um etliche Erfahrungen reicher. Gomeringer arbeitet heute beim Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden (wvib) und vernetzt Industriebetriebe miteinander. Rottmann ist als Start-up-Berater im Gründerzentrum der Uni Freiburg tätig. „Es war wirklich nicht schwer, auch mit diesem Knick in der Vita einen vernünftigen Job zu bekommen“, sagt Gomeringer. Durch seine Erfahrungen sei er ein Generalist geworden – was vor allem in kleinen bis mittelgroßen Unternehmen gefragt sei. „Großkonzerne sind aber eher auf der Suche nach Spezialisten“, sagt Gomeringer.

Unkenrufe, die lästerlich von einem „Kult des Scheiterns sprechen“, dem die Gründerszene angeblich verfallen sei, kann Jürgen Gomeringer nicht verstehen: „Ich würde vielleicht heute ein paar Dinge anders machen. Aber gründen, das würde ich wieder tun.“

Wunderpen: belächelt, aber in Berlin erfolgreich

Genau wie Lion Rink. Sein Gründermärchen ist allerdings anders verlaufen. Der 30-Jährige aus Stuttgart lebt und arbeitet heute in Berlin. Advermento, die Firma, die er 2015 im Ländle gegründet hatte, ist mittlerweile mit einem ähnlichen Start-up aus der Bundeshauptstadt fusioniert und heißt jetzt Wunderpen. Vermutlich ein treffenderer Name für einen Roboter, der die Handschrift von Menschen imitieren kann.Geld verdient das Unternehmen mit individualisierten Anschreiben, die von echten Handschriften kaum zu unterscheiden sind. Dafür gibt es naheliegende Anwendungen wie bei Hochzeitskarten, aber den meisten Umsatz macht das Geschäft mit Mailings. „Die Rückläufe sind oft um ein Vielfaches höher als bei normalen Anschreiben“, sagt Lion Rink.Ein großer Vorteil, den er den Spotgun-Gründern gegenüber hatte: Ein großer Investor. „Wer uns unterstützt, darf ich aus vertraglichen Gründen nicht verraten“, sagt Rink.

Aber gerade während der Durststrecken, die es auch beim Wunderpen gab, habe das sehr geholfen.Jetzt befindet sich Lion Rink offenbar vor einer wichtigen Zielgeraden. „Wenn ein Start-up drei Jahre überstanden hat, ist es über den Berg“, sagt er. Sollte diese Regel Gültigkeit besitzen, sind nur noch wenige Monate durchzustehen, bis der Wunderpen sich am Markt etabliert hat. „Momentan sieht es sehr gut aus“, sagt Rink. Er, sein Partner Peter Lecour und die zehn Angestellten kommen mit den Erträgen über die Runden.Rink führt den Erfolg seinen Unternehmens auch auf den Standortwechsel von Stuttgart nach Berlin zurück. Dort sei die Start-up-Szene deutlich besser vernetzt – und auch von einem ganz anderen Geist beseelt. „In Berlin findest du schnell viele Gleichgesinnte, die risikofreudig sind“, sagt Rink, „die Schwaben versuchen dir über deine Ideen einzureden: Das klappt bestimmt nicht! Das ist das letzte, was du als Gründer hören willst.“ Startup-Geschichten aus Stuttgart führen deshalb manchmal weg aus der Region.

MyCouchbox: alles auf eine Karte

Derlei musste sich auch Sarah Haide, Gründerin des Snack- und Süßigkeitenlieferanten MyCouchbox anhören. Als „Gründerpärchen“ wurden sie und ihr damaliger Lebensgefährte von der Lokal- und Fachpresse geführt. Heute ist Haide allein an der Spitze des etwa 12-köpfigen Unternehmens, das in wenigen Jahren mehrmals umziehen musste und heute im Stuttgarter Lehenviertel sitzt. „Mittlerweile ist MyCouchbox einigermaßen kostentragend“, sagt Francis Higiro, zuständig für PR-Angelegenheiten.

Die Idee, Kunden Lebensmittel nach Hause zu liefern, haben aber auch schon andere. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, will das Start-up ab Oktober Werbespots bei der ProSiebenSat.1-Gruppe senden – eine große Investition. „Wir hoffen, im B2B-Bereich neue Kunden zu gewinnen, da sehen wir das meiste Potenzial“, sagt Higiro. Lukrativ sei beispielsweise eine Kooperation mit dem VfB Stuttgart gewesen.„Unsere Wettbewerber drängen mit Millionen in die Märkte“, sagt Higiro. Offenbar hängt jetzt viel vom Erfolg der geplanten TV-Kampagne ab.

Startup-Geschichten aus Stuttgart: Es gibt keine Statistiken

Eine Untersuchung der L-Bank zum Thema Unternehmensgründungen in Baden-Württemberg findet keine eindeutige Antwort, wie riskant Startup-Gründungen sind, also neue Geschäftsideen, die noch nicht auf dem Markt erprobt sind. Fakt ist: Zwischen 2011 und 2014 knapp zehn Prozent mehr Unternehmen gegründet, als aufgegeben wurden. „Allerdings sind da traditionelle Branchen genauso wie innovative Start-ups berücksichtigt“, so der L-Bank-Sprecher. Eigene Zahlen für Startups gibt es nicht. Startup-Geschichten aus Stuttgart bleiben subjektiv.

Aber ist das diejenigen überhaupt so wichtig, die mutiger als konventionelle Gründer sind? Leute wie Gomeringer, Rink und Haide werden sich wohl kaum von Statistiken abhalten lassen, aufs Ganze zu gehen.

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