Software AX Semantics: Der Herr der Algorithmen

Software AX SemanticsComputer, die Texte schreiben? Das ist das Geschäftsmodell der Stuttgarter Firma AX Semantics. Foto: AX Semantics

Ein Stuttgarter Unternehmen entwickelt für Kunden Schreibprogramme. Damit können diese etwa Gebrauchananweisungen verfassen. Inhaber Saim Alkan ist überzeugt, dass die Anwendungsgebiete seiner Software AX Semantics noch lange nicht ausgeschöpft sind.

„Wir sind möglicherweise das älteste Startup in Deutschland“, sagt Saim Alkan. Die ersten Schritte zur automatisierten Textverarbeitung wurden allerdings bereits 2009 eingeleitet. Aber noch immer gilt für ihn, was typisch für ein Startup ist – das Betreten von Neuland: „Wir haben keine Fußspur, der wir folgen können“.

Zuerst mit zwei Partnern, dann seit 2001 auf eigene Faust, hat Alkan nach dem Studium eine PR-Agentur betrieben. Mit seinen Mitarbeitern – Historiker, Germanisten oder Kommunikationswissenschaftler – schrieb er für seine Kunden Texte wie Gebrauchsanweisungen oder Produktbeschreibungen. Doch dann bekam er die Macht der „Marktplätze“ zu spüren: „Diese Online-Plattformen beschäftigten Studenten, Hausfrauen oder Rentner und konnten Texte zu einem zehntel unseres Preises liefern, wir verloren massiv Kunden“.

Firmenchef Saim Alkan bezeichnet AX Semantics gerne als das vielleicht älteste Start-up Deutschlands. Foto: AX Semantics

Ein Ausweg, das war dem studierten Wirtschaftsingenieur rasch klar, konnte die Automatisierung sein. „Wir brauchten also eine Software, die Texte schreiben kann“ – gegen die Billigschreiber zog Alkan mit einem Angriff der Algorithmen ins Feld. Doch für diesen Feldzug brauchte er Geld, etwa 400 000 Euro, die ihm aber keine der bekannten Stuttgarter Banken leihen wollte. Alkan verkaufte sein noch nicht einmal bezogenes Haus auf dem Stuttgarter Killesberg und seine fünf Porsche, „schöne Autos, da waren auch Oldtimer darunter“.

Seit 2014 hat die AX Semantics Investoren an Bord

Anders als für die Banker war Alkan klar, dass es technisch möglich sei, Schreibroboter zu bauen. „Das Unternehmen wegen der Konkurrenz der Online-Plattformen zu schließen, stand für uns nie zur Debatte.“

Dass der geschäftsführende Gesellschafter Mut zum Risiko bewies und in die neue Software AX Semantics investierte, hängt möglicherweise auch mit seinem Werdegang zusammen, der ihm wohl auch reichlich Selbstbewusstsein verschaffte: Geboren wurde er 1969 in Waiblingen, schon mit fünf Jahren kam er in die Schule, war offenbar zu gescheit für den Kindergarten. Mit 17 legte er sein Abitur ab, anschließend absolvierter an der Hochschule Esslingen ein Studium zum Wirtschaftsingenieur. Der Vater stammte aus Istanbul und arbeitete bei den Technischen Werken Stuttgart, die Mutter war Hausfrau. Unternehmer zu werden war ihm damit zwar nicht in die Wiege gelegt – doch ein unternehmerisches Händchen bewies er schon früh: Um sein Studium zu finanzieren, handelte er mit Elektronikteilen. Seine Diplomarbeit handelte vom Vertrieb technischer Produkte – der Weg zu den folgenden PR-Aktivitäten war also so weit nicht. „Mich hat schon immer die Schnittstelle zwischen Technik und Betriebswirtschaft interessiert“, sagt er heute.

Doch auch nachdem er sein Unternehmen vor dem Angriff der Billigschreiber gerettet hatte, blieben Probleme nicht aus. Anfang des Jahrzehnts zahlte ein Kunde zu spät, das verhagelte die Bilanz und führte zu einem Verlust von 90 000 Euro. Seit 2014 hat AX Semantics Investoren an Bord: Sechs große Zeitungshäuser einen vermögenden Privatier aus Stuttgart und einen aus Berlin. Der Gründer hält noch 50,64 Prozent an dem Unternehmen, das inzwischen zwei Millionen Euro Umsatz macht, aber immer noch rote Zahlen schreibt.

Geordert wurde die Software AX Semantics auch schon in Peru oder Korea

Um die Wende einzuleiten, müssen zu den 150 vorhandenen Kunden neue kommen, 20 000 ist eine Zielmarke. Die Entwicklung aber sieht offenbar nicht schlecht aus: Im vergangenen Jahr konnte AX Semantics 100 Kunden gewinnen, allein in diesem März aber schon 30. „Im April werden wohl 50 bis 60 dazukommen.“ Geordert wurde die Software AX Semantics inzwischen auch schon in Peru oder Korea. Inzwischen beherrscht sie 27 Sprachen. Als man auf Englisch umstellte,  habe das noch neun Monate gedauert.  „Damals waren wir noch ein echter Manufakturbetrieb, später bei Ungarisch ging das in zwei Tagen über die Bühne“, erzählt der Herr der Algorithmen. Allein im Februar wurden mit der Software aus Stuttgart 30 Millionen Texte produziert – für Modehäuser, Babynahrung oder Elektronikartikel.

Alkan weiß zwar, wie man Texte schreibt, hat auch schon etliche Bücher verfasst – doch inzwischen schreiben er und seine Mitarbeiter die Texte nicht mehr selbst, sondern schulen Beschäftigte der Kunden im Umgang mit der Software AX Semantics – online oder durch Präsenzseminare. „Damit bin ich auch bei der Diskussion, ob ein Text gut ist oder nicht, aus dem Schneider,“ sagt Alkan. Statt sich auf Diskussionen über Inhalte einlassen zu müssen, kann er nun – sozusagen textneutral – seine Lizenzgebühren kassieren. Die wichtigste Aufgabe so schildert Alkan seine eigene Arbeit, sei es „Menschen zu führen“ – etwa bei der Zusammenarbeit von Textern und Technikern, die oft aus ganz unterschiedlichen Welten kämen.

Dass die Macht der Algorithmen wächst – daran hat Alkan keinen Zweifel

Wettervorhersagen können schon von Schreibrobotern verfasst werden, ebenso Berichte vom Fußballfeld, Produktbeschreibungen oder interne Schreiben in Unternehmen. Immer mehr Schriftliches, so glaubt er, können aus dem Computerkommen. Und nicht nur dies: „Ein Auto könnte dem Fahrer auch sagen, Du hast die Nebelschlussleuchte an, aber es hat gar keinen Nebel. Gibt es eine anderen Grund, dass sie leuchtet?“

Dass die Macht der Algorithmen wächst – daran hat Alkan keinen Zweifel. Doch er weiß auch, dass sie begrenzt ist – etwa wenn die Sammlung von Daten zu teuer würde. Alkan nennt ein Beispiel: „Wenn man nur ein einziges Mal einen Kommentar darüber schreiben will, ob der Bundespräsident weitermachen soll, lohnt sich die Sammlung einer Menge von Daten nicht“. Auch bei kreativen Texten sind seiner Ansicht nach weiter die Menschen gefragt. Roboter wie Alexa hätten auch keinen Humor: „Sie können nur einen Witz erzählen, wen sie damit gefüttert wurden“, sagt Alkan. Anders als seine Algorithmen hat er selbst Humor: „Das hoffe ich doch, ich kann auch mal über mich selbst lachen“.

Noch mehr Innovationen...

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER