Social Entrepreneurship in Stuttgart: Da geht noch was

Social Entrepreneurship in StuttgartElias Mühlbrecht präsentiert im Wizemann Space seine App Polunio, die demokratische Partizipation verbessern soll. Foto: SocentBW

Sozialunternehmer wollen mit Geschäften die Welt verbessern. Dank neuer Initiativen soll Social Entrepreneurship in Stuttgart noch besser Fuß fassen.

Dieser Pitch ist anders: Statt schwarze Jeans und T-Shirt, wie üblich, tragen Besucher hier bunte Blusen zu rosa Haaren. Die gesponsorten Brote wurden  vor der Mülltonne gerettet und Bier gibts gegen eine kleine Spende. Nichts erinnert an eine Höhle der Löwen, wo  Startups im Fernsehen vor anspruchsvolle Geldgebern mit absoluter Perfektion punkten müssen. Auf der Bühne hier vergessen Kandidaten schon mal den Namen ihres Projektes. Ein Team lässt das Publikum volle zehn Minuten auf ihren Auftritt warten, erntet dafür dann aber viel Applaus. Und anstatt der inquisitorischen Frage, wie sich das Startup denn finanzieren lasse, fragt die Jury die Gründer, was sie eigentlich antreibt.

Das ist auch der größte Unterschied, der an diesem Abend im Wizemann Space Stuttgart bei der  zweiten Auflage der „Social Innovation Competition“ deutlich wird: hier geht es nicht um Unternehmen, die sich ums Geldverdienen drehen, sondern um Gründer, die ein Stück weit die Welt verbessern wollen. Es geht um soziales Unternehmertum, neudeutsch Social Entrepreneurship in Stuttgart.

Social Entrepreneurship in Stuttgart ist Zeichen eines Wertewandels

„Es gibt in der Gesellschaft einen klaren Wertewandel, von dem Sozialunternehmer profitieren“, sagt Alexander Bernhard, Organisator der Social Competition im Wizemann und Mitgründer der Netzwerkplattform Socentbw.org.  Klimawandel, Migrationswellen, demografischer Wandel seien brennende Probleme.„Immer mehr Unternehmer suchen nach Lösungen für soziale Missstände“, sagt der 32-Jährige, der mit Bart und kariertem Hemd auch unter hippen Berlinern nicht auffallen würde.

Im Gegensatz zu klassischen Unternehmen versuchten Sozialentrepreneure nicht bloß Gewinne zu erzielen, sondern fragten zunächst: Kann ich mit meiner Idee das System verändern? „Erst in der Verbindung aus der größtmöglichen Verbesserung für die Gesellschaft und dem wirtschaftlichen Profit, entsteht soziales Unternehmertum.“

Einer der Sozialentrepreneure, die diese Idee verinnerlicht haben, ist Elias Mühlbrecht. Mit seiner App Polunio will er Bürger und Politiker zusammenbringen und Menschen an demokratischen Entscheidungen beteiligen. „So wie die Demokratie heute funktioniert, kann es nicht weitergehen“, sagt der Student, der davon überzeugt ist, dass die digitale Technologie das Zusammenleben von Menschen verbessern kann. Mit seiner Plattform will er den großen Wurf wagen und Partizipation grundlegend verändern.

Ein Logo und Visitenkarten hat er schon, die darauf notierte Internetseite funktioniert aber noch nicht. „Im Moment suche ich Leute mit Eiern – also solche mit dem Willen, große Dinge zu bewegen“, sagt Mühlbrecht. Diese in Stuttgart oder Umgebung zu finden, sei gar nicht so einfach. Viele gingen nach dem Studium zu Daimler oder Bosch, anstatt an einer verrückt klingenden Idee zu arbeiten. „Aufgeben kommt für mich trotzdem nicht in Frage“, sagt er.

Neben dem Wizemann, wo Gründer von Sozialunternehmen auf Gleichgesinnte treffen, eröffnete im Mai nach Stationen in Berlin oder München auch in Stuttgart das Social Impact Lab. Dies ist eine Gründungsförderung, die zusammen mit der Karl Schlecht Stiftung und der Caritas Stuttgart gesellschaftlichen Wandel in der Region voranbringen will.

Neues Social Impact Lab fördert Social Entrepreneurship in Stuttgart

In lichtdurchfluteten Räumen des Kulturpark Bergs deutet hier eine Hängematte im Flur ein ganz besonderes Arbeitsumfeld von Startups an. „Wir sind in Deutschland und Europa einzigartig, weil wir mit unserem Angebot ausschließlich sozial innovative Unternehmen ansprechen und sie von der Ideenfindung an begleiten“, sagt Norbert Kunz, Geschäftsführer der Social Impact GmbH. Mit einem achtmonatigen Qualifizierungsprogramm gibt das Lab jungen Unternehmern das Rüstzeug zur Hand, mit dem sie ihr Ziel erreichen sollen: individuelles Coaching, Workshops zu Businessplans, Pitches-Training oder Zugang zu möglichen Investoren.

Deutschlandweit wurden so bislang mehr als 400 Unternehmen unterstützt. Zu den Vorzeigeprojekten zählt Auticon in Berlin, bei dem Autisten mit hohen mathematischen Kenntnissen in spezieller Umgebung Softwareprobleme von Firmen lösen. In Stuttgart hofft Edith Wolf, Vorstand der Vector Stiftung auf ähnliche Erfolge: „Ein Ort wie das Impact Lab tut der Region sehr gut, das hat hier gefehlt“

In Baden-Württemberg dominieren oft eher kleinere Projekte

Die meisten Sozialunternehmer im Südwesten streben eher nach Kleinerem. Da sind ein Cafe, das kostenlose Lebensmittel anbietet, die sonst weggeworfen würden. Eine Eventagentur, die Unternehmen für soziale Hilfsprojekte einspannt. Oder eine Initiative, die weibliche Flüchtlinge mit deutschen Frauen zusammenführt. Einer Studie der Zeppelin Universität Friedrichshafen zufolge, beschäftigen sich die meisten Sozialunternehmen in Deutschland damit, Menschen im Alltag zu helfen, sie in Arbeit zu bringen oder sie ins Bildungssytem zu integrieren. Aktuelle Zahlen über die Entwicklung gibt es aber nicht. Wie groß der Wandel durch Sozialunternehmer tatsächlich sein kann, ist deshalb nicht zu beziffern.

Fest steht, dass Deutschland weltweit bislang nicht zu den Vorreiter-Ländern gehört, wo sich innovative Sozialunternehmen gerne ansiedeln. Laut einer Untersuchung der Deutschen Bank, liegt das hiesige Ökosystem auf Platz 13 der Länder, die für Sozialunternehmer attraktiv sind – weit abgeschlagen von den Vereinigten Staaten, Kanada oder Großbritannien. Gründe sind vor allem fehlende Investoren oder  unzureichende Unterstützung seitens der Politik. Sicher ist aber auch, dass die Zahl der Sozialunternehmen zunimmt und die Branche an Bedeutung gewinnt – auch im Südwesten.

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