Smart oder demokratisch? Mobilität auf der Re:publica

Mobilität auf der Re:publicaDer Event-Truck des Lab1886 auf der Re.publica. Foto: Daimler

Mobilität auf der Re:publica. Auf der Berliner Konferenz wollen sich Daimlers Innovationslabor Lab1886 und Porsche als Treiber nachhaltiger Mobilität präsentieren. Doch viele Teilnehmer halten ihre Visionen von der Zukunft nicht für tragfähig.

„Wer von euch hat ein Auto?“, fragt Christin Kreutzburg-Sütterlin, Daimler-Trendforscherin in Berlin. Dicht gedrängt steht das Publikum im verglasten Event-Container des ursprünglich aus dem Formel-1-Zirkus stammenden Tourneelasters. Eine solide, aber nicht überwältigende Anzahl an Händen geht hoch. „Und wer nutzt den ÖPNV?“ Die Quote ist bei fast 100 Prozent. „Und wer nutzt Carsharing?“ Es zeigen so viele Hände hoch wie bei den Autobesitzern.

In Berlin, so scheint es, hat die Zukunft, die Daimler erforschen will, schon begonnen – zumindest beim progressiven Publikum der Digitalkonferenz Republica. Hier soll Daimlers Innovationslabor Lab1886 am Beispiel eines im Bau befindlichen Quartiers im Berliner Stadtteil Adlershof zeigen, wie innovativ man Mobilität versteht. Der Daimler-Ableger Smart will dort im Rahmen eines Innovationskonzepts den Bewohnern E-Fahrzeuge zur gemeinsamen Nutzung offerieren.

Autonome Autos bevölkern den Charlottenplatz

Kreutzburg-Sütterlin präsentierte zur Einleitung eine Hochglanz-Zukunftsvision vom Stuttgarter Olgaeck und dem Charlottenplatz für 2036, die einem Stuttgarter Sehnsuchtstränen in die Augen treiben würde. Sanft schlängelt sich eine von Straßencafés gesäumte, von autonomen Autos und Lieferwagen bevölkerte Straße über den einst belebten Platz. Im heutigen Stadtbahntunnel sieht man im Vordergrund Kolonnen von Roboterautos. Auch auf der Folie über das im Berliner Modellprojekt zu entwickelnde smarte Mobilitätskonzept ist von „Fahrzeugfeatures“ die Rede – neben Fotos eines Daimler-SUV, eines Smart und eines Lieferwagens.

Nein, man sei keineswegs fahrzeugfixiert, sagt die Daimler-Expertin. „Andere Angebote über das Carsharing werden dazukommen, ganz bestimmt.“ Ob das ökologische, smart vernetzte Stadtquartier denn nicht die soziale Spaltung vertiefe, fragt einer aus dem Publikum. Genau wegen solcher Fragestellungen sei man nun schon seit einigen Jahren in Berlin, sagt Susanne Hahn, Leiterin des Innovationslabor Lab 1886, unter dessen Flagge Daimler auf der Konferenz segelt. Doch allmählich gewöhnt man sich aneinander, so scheint es.

Diskussionen mit Berliner Sperrigkeit

„Als wir im vergangenen Jahr erstmals unseren Volocopter vorgestellt haben, gab es noch sehr kritische Fragen, ob das eigentlich nur ein Transportmittel für Reiche sei“, sagt Hahn: „Aber ich denke, die Leute haben das jetzt besser verstanden.“ Der Volocopter ist ein von einem Start-up aus Bruchsal entwickelter, autonomer Elektrohubschrauber, an dem Daimler als Investor beteiligt ist.

Es sind gleich zwei Stuttgarter Autohersteller, die auf der Republica nach Zukunftstrends fahnden. Der Stand von Porsche ist einer der größten. Doch abseits des traditionellen Schriftzuges erinnert nichts an Autos. Das Porsche-IT-Team hat inzwischen Tourerfahrung auf diversen Digitalfestivals gesammelt. „Wir haben erkannt, dass wir vom Sportwagenhersteller zum Techunternehmen werden“, sagt die zuständige Sprecherin. „Und da müssen wir uns auch der Frage stellen: Was macht ihr eigentlich?“ Da gehörten Fragen der Ethik dazu, etwa wenn man Künstliche Intelligenz programmiere: „Hier auf der Republica legen die Leute die Finger in die Wunde, die wollen mitdiskutieren, auch mal mit einer gewissen Berliner Sperrigkeit.“

Vom fehlenden Gleichgewicht in der Stadtplanung

Doch manche Sperrigkeit, die unter dem Leitthema Mobilität auf der Re:publica artikuliert wird, geht über die Visionen, die ein Autohersteller wagen will, weit hinaus. Mikael Colville-Andersen, ein kanadisch-dänischer Stadtgestalter und Experte für städtische Mobilität, geißelt die Tatsache, dass es in der Stadtplanung kein Gleichgewicht der Kräfte gebe. „Wir sind viel zu sehr auf eine Art der Mobilität, das Auto, fixiert“, sagt er. Auf eine Publikumsfrage nach dem hohen Risiko für Radfahrer in Berlin sagt er, dass solche Verkehrsplaner „Blut an den Händen“ hätten. Die skandinavische Art der Verkehrsplanung stelle hingegen die Demokratie in den Vordergrund: Jeder in der Stadt habe das gleiche Recht, seine Interessen geltend zu machen. Das Ergebnis: Heute fahren schon 40 000 Lastenfahrräder in Kopenhagen. Das ist meilenweit entfernt von der etwa im Lab 1886 präsentierten Vision, in der Roboter-Vans online bestellte Waren ins smarte Heim bringen.

Simon Göhr vom Berliner Projekt Radbahn, das sich für einen innovativen, extrabreiten und überdachten Radweg einsetzt, kommt ganz ohne das Wort „Vernetzung“ aus. „In Städten wie Kopenhagen und selbst in China gibt es längst Konzepte – es wäre schön, wenn wir dabei nicht wieder die Letzten sind.“

Vernetzung ohne Auto denken

Das Podium danach fällt noch provokanter aus. Der Braunschweiger Mobilitätsexperte Stephan Rammler wischt die These vom Tisch, dass autonomes Fahren in Deutschland Probleme löse. Die Idee sei sehr amerikanisch geprägt: „Nordamerika ist mit dem Auto im Kopf gebaut worden. Da gibt es keine Radfahrer und keine Hunde und keinen öffentlichen Nahverkehr, die im Weg sind.“ Und die Chefin der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG, Sigrid Nikutta, bringt das Thema aus ihrer Sicht auf den Boden: „Visionen von Drohnen und E-Rollern sind Modediskussionen. Es gibt nichts Besseres, als mit der U-Bahn unter die Erde zu gehen.“ Wenn Autohersteller von Vernetzung sprächen, dächten sie erst mal ans eigene Geschäft.

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