Smart Green Accelerator in Freiburg startet durch

Smart Green AcceleratorDer grüne Accelerator wird bald eine umgebaute Lokhalle in Freiburg nutzen. Foto: OAI Haller Architekten

IdeenwerkBW-Schwerpunkt „Grüne Startups“ (1): Der Smart Green Accelerator in Freiburg bringt seit Anfang dieses Jahres nachhaltige Startups nach vorn. Aber was ist eigentlich eine grüne Gründung?

Der „Grünhof“ wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof in Freiburg hat auch vier Jahre nach Gründung  noch immer noch alternatives Flair. Der ehemalige Gasthof, wirkt mit seinen verwinkelten, relativ kleinen Räumen, den Sperrholz- und Palettenmöbeln und dem im „Coworking-Space“ verstreuten Schreibtischen immer noch eher wie ein alternatives Basisprojekt als ein professioneller Startup-Zentrum. Doch der oberflächliche Eindruck täuscht: Auch in Freiburg hat sich die Szene professionalisiert.

Im Mai soll auf ehemaligen Bahngelände in der „Alten Lokhalle“ Freiburgs erstes großes Startupzentrum eröffnet werden. Mit einem Schlag wird sich die verfügbare Fläche  verdreifachen. Dort werden zu Büroräumen umgebaute, mitten in der Halle aufeinandergestapelte Überseecontainer den Rahmen für Gründer und Kreative bieten – auch für den neuen neuen Smart Green Accelerator, der grüne Startups von der Rampe bringen soll.

In der „Alten Lokhalle“  wird dann nach der laufenden, so genannten Seed-Phase des Accelerators ein zweimonatiges, intensives Camp stattfinden, wo die Geschäftsideen endgültig startklar gemacht werden. Nach 20 Startups in Phase eins werden sich dann zehn Gründerteams für diese Phase noch einmal qualifizieren müssen.

Das vom Land Baden-Württemberg unterstützte Projekt ist einer von sieben Startup-Acceleratoren in Baden-Württemberg. Mit unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten sollen Gründungen gefördert werden. Weitere Themen sind zum Beispiel Mobilität oder Industrie 4.0.

Was ist eigentlich ein grünes Startup?

Doch was ist denn eigentlich ein grünes Startup?  Die Zielgruppe beim Smart Green Accelerator ist nicht nur rund um nur ein technologisches Thema wie die IT oder einen Anwendungsbereich wie die Medizin definiert. Es geht um die etwas schwammigere Frage, nach den positiven Auswirkungen für die Gesellschaft. In der Ausschreibung genannt werden die Bereiche Umwelttechnik, Ressourceneffizienz, erneuerbare Energien, zukunftsfähige Mobilität, nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln oder Tourismus.

Aber „grün“ ist ein dehnbarer Begriff. So ist zwar ein Drittel der 20 Teams dem traditionellen Bereich der Ressourceneffizienz zuzuordnen, vom Boots- oder Flugzeugbau mit ökologisch verträglichen Hölzern über Möbelrecyling bis hin zu einem Projekt zur Eindämmung des Verbrauches von Plastiktüten. Doch was hat ein Online-Marktplatz für die Gastronomie oder ein Startup zum Campingausbau von Transportern mit der Überschrift zu tun? Oder ein Projekt für faire, feministische und für gesundheitlich unbedenklichen, safe Sex bürgende Pornoproduktion?

Spagat zwischen Geldverdienen und Idealismus

Auf dem Kriterienkatalog stünden natürlich auch soziale und gesellschaftliche Aspekte, sagt Jürgen Gomeringer, der beim Grünhof das neue Projekt vermarktet. „Wir haben da keinen festen Kriterienkatalog, den wir einfach Punkt für Punkt abhaken“, sagt Gomeringer. Ein grünes, soziales Startup erkennt man also wenn man es sieht? Es komme auch stark auf die Motivation der Gründerpersönlichkeit an, sagt er.

Schon beim ersten Treffen brachte man die Gründer in ein Entscheidungsdilemma. Sie mussten sich zwei Polen zuordnen: Gründeten sie das Startup mehr, weil sie Unternehmer sein wollten? Oder um etwas Gutes zu bewirken? Sie mussten sich je nach Antwort in der einen oder der anderen Ecke des Raumes aufstellen – sich also entscheiden. „Am Ende ging es halbe-halbe aus“, sagt Gomeringer und genau eine solche Mischung hält er für ein gutes Ergebnis. „Letztlich verorten sich alle Teilnehmer irgendwo dazwischen“, sagt er.

„Den rein pragmatischen Gründer, der nur auf ein grünes Thema setzt, weil er sich da ein großes Markpotenzial verspricht, den haben wir nicht“, sagt Gomeringer. Auch Gründer, die darauf setzen, ihre Gründung schnell hochzuziehen und möglichst schnell weiterzuverkaufen, wolle man nicht: „Alle haben Ziele, die über das Geldverdienen hinausgehen.“

Die Welt verbessern will eigentlich jedes Startup

Aber gehört die „Welt verbessern“ zu wollen und eine „Mission“ zu haben, nicht generell zum Startup-Slang? Welcher Gründer behauptet schon, dass es ihm vor allem ums Geld geht? „Wir wollen keine Startups, die einfach nur wollen, dass mehr konsumiert wird“, sagt: „Wir würden keine Idee unterstützen wollen, die beispielsweise den Verbrauch fossiler Energieträger steigert.“   Letztlich geht es um eine Haltung wie Zielkonflikte zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialen oder ökologischen Aspekten ausbalanciert werden. Ein „grünes“ Startup ist dann eines, das nicht nur eindimensional ein Ziel verfolgt.

Paritrosha Kobbe, ein Teilnehmer aus dem Programm ist dafür ein gutes Beispiel. Auf den ersten Blick geht es um Umweltschutz und die Vermeidung von Plastikmüll. Kobbe will das Problem lösen, dass Konsumenten zwar im Prinzip willens sind, eine Mehrwegtasche zu nutzen, sie dann im entscheidenden Moment aber zu Hause liegt oder nicht greifbar ist. Die Lösung: ein knuddeliger Gürtel- oder Schlüsselanhänger in Form einer Stoff-Schildkröte oder eines Fisches. Darin steckt eine Mehrwegtasche aus Recyclingkunststoff, die mit einem Handgriff herauszuziehen und dort wieder zu verpacken ist. Der Startup-Namen Tasini ist Indonesisch und heißt „diese Tasche“.

Grün, sozial und Entwicklungsarbeit gehen oft zusammen

Und das weist auf eine weitere Dimension des Projekts hin: Kobbe, einer der Gründer ist Ethnologe und hat in Indonesien gearbeitet. Seine Ökotasche ist auch ein Umwelt- und Erziehungsprojekt für ein Land, das inzwischen der zweitgrößte Erzeuger von Plastikmüll auf der Welt ist und wo das Bewusstsein für das Müllproblem sich erst noch entwickeln muss. „Wir wollen mit dem Erlös auch Umweltprojekte finanzieren“, sagt Kobbe. Und obendrein legen die Gründer auch noch Wert darauf, dass das Unternehmen, das in Indonesien die Stofftiere mit Tascheninnenleben erzeugt soziale und ökologische Standards einhält.

Doch es gibt Zielkonflikte: Die sozialen Ansprüche und die Produktion aus Recyclingmaterial machen die Taschen mit umgerechnet drei Euro teuer. Am liebsten würde Kobbe die Taschen aus Plastik herstellen, das aus dem Meer herausgefischt wird. Da stimmen aber weder Preis noch Qualität. Und um das Produkt zu vermarkten, müssen auch große Supermarktketten ins Boot. „Sie könnten das Produkt auch zur reinen Imagewerbung nutzen“, sagt Kobbe: „Aber uns ist schon bewusst, dass so etwas auch genutzt werden kann, um sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen.“

Smart Green Accelerator mit Container-Camp

Den sozialen Zusammenhalt zwischen den Gründern selbst will der Smart Green Accelerator  intensiver fördern als üblich. In Phase zwei, dem so genannten „Camp“, wo  es dann schon um Dinge, wie die Finanzierungs- und Vertriebsstrategie geht,  soll zumindest ein Mitglied aus jedem Gründerteam auf dem Gelände der alten Lokhalle sozusagen dauerhaft campieren.  „Das ist erstmal ein Experiment“, sagt Gomeringer. Noch steht nicht ganz feste wie und wo die Unterkunft gestaltet wird. Wie bei den Büros in der Lokhalle werden es vermutlich umgebaute Container sein.

Im Herbst dann wird eine ganz besondere  Kooperation mit Israel anlaufen: In einem deutsch-israelischen Accelerator sollen Teams aus beiden Ländern Praxiserfahrungen austauschen, wie man Digitalisierung und grüne Ideen miteinander verbinden kann – ein Aufenhalt in der Startup-Metropole Tel Aviv ist inklusive.

Die drei Segmente beim Smart Green Accelerator
Seed: In diesem bis November reichenden Programm, das im Januar begonnen hat, wird anhand einer ersten Produktidee oder eines Prototypen an den Grundzügen des Geschäftsmodells gearbeitet. Wer sind die potenziellen Kunden? Was soll das Produkt bieten? Es gibt zum Beispiel ein Präsentationstraining und Beratung durch Experten.
Camp: Dies ist ein im Sommer 2018 geplantes, zweimonatiges Vollzeitprogramm, für das die Bewerbung im Februar startet. Hier werden konkrete Schritte für den Markteintritt erarbeitet. Es geht etwa um eine Finanzierungs- und Vertriebsstrategie, den Aufbau eines Teams und von Unternehmenspartnerschaften. Hier geht es auch um den direkten Kontakt mit Investoren.
Activator: Im Herbst beginnt ein deutsch-israelisches Startup-Programm. Hier werden „grüne Okonomie“ und Digitalisierung zusammengebracht. Das zehnwöchige Programm bringt unter anderem auch in Tel Aviv deutsch-israelische Teams zusammen, die Praxiserfahrungen zu Innovationsprozessen austauschen. Die Bewerbung ist ab April möglich.

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