Rocket Internet wettet weiter auf die Zukunft

Rocket InternetFür Rocket Internet besteht die Weltkarte angeblich aus lauter Erfolgsgeschichten. Screenshot: IdeenwerkBW

Die Bilanzzahlen zeigen bei Flaggschiffen von Rocket Internet wie Hello Fresh gute Perspektiven. Doch insgesamt haben sich die Verluste im Vergleich zum Vorjahr drastisch erhöht. Firmenchef Samwer bleibt unter Druck.

Der Einfluss von Oliver Samwer auf die Startup-Kultur in Deutschland kann man kaum überschätzen. Als der heute 44-jährige Samwer, der zuvor unter anderem mit dem Klingelton Startup Jamba ein paar Millionen gemacht hatte, im Jahr 2007 seine Startup-neu2604_STZ_Rocket InternetSchmiede Rocket Internet gründete, und ein Jahr später in Berlin mit dem Online-Versand von Schuhen begann, begann der Startup-Boom in der Hauptstadt gerade erst. Hemdsärmelig, aggressiv, großspurig – ganz amerikanische Schule – brachte er frischen Wind in die deutsche Gründerwelt. „Wir lieben einfach die Geschwindigkeit – wie in der Formel 1“ oder „Wir akzeptieren nicht, dass wir nicht gewinnen können“, so lauten typische Samwer-Zitate. Die Börsengänge von Rocket Internet und des des Online-Händlers Zalando im Herbst 2014 krönten den Aufstieg. Doch während sich der Wert der Zalando-Aktien verdoppelt hat, hat sich der Kurs von Rocket Internet seither mehr als halbiert.

Die aktuelle Bilanz sendet gemischte Signale

Die am Dienstag vorgelegten Bilanzzahlen sendeten gemischte Signale. Die Verluste stiegen von 198 Millionen Euro auf 741,5 Millionen Euro. Doch es gibt Lichtblicke: Beim Anbieter von Kochboxen, HelloFresh, stieg der Umsatz um fast 96 Prozent auf 597 Millionen Euro. Auch Delivery Hero, eine Online-Plattform für Essenslieferungen, konnte den Umsatz um fast 80 Prozent auf 297 Millionen steigern. Im Bereich Wohnen konnten die beiden Plattformen Westwing und Home24 ihre Verluste Rocket Internet zufolge verringern. Samwer sieht die Firmen „auf dem Weg in Richtung Profitabilität“.
Von Anfang an war über das Geschäftsmodell der so genannten Startup-Schmiede gelästert worden. Im wesentlichen kopierte man Erfolgsideen aus den USA und brachte sie auf noch unerschlossene Märkte etwa in Schwellenländern. Die meisten der rund 100 Online-Startups in Europa, Asien und Afrika, an denen man beteiligt ist, beschäftigten sich mit Online-Dienstleistungen aus dem Bereich Essenslieferung oder Konsumgüter.

Rocket Internet kann nicht mit Langmut rechnen

Doch während Firmen wie Amazon oder Uber jahre- oder gar jahrzehntelang rote Zahlen schreiben durften, ohne von ihren Investoren abgestraft zu werden, ist der Langmut von wichtigen Geldgebern bei Rocket Internet nun vorbei. Im Februar verkaufte der Anker-Investor, die schwedische Kinnevik-Gruppe, die Hälfte ihrer Anteile an Rocket Internet – mit einem deutlichen Abschlag auf den Aktienkurs. Damit machten die Schweden immer noch einen satten Gewinn, aber sie machten auch deutlich, dass sie die Geschichte von Rocket Internet für ausgereizt halten. Die Schweden haben Anfang Mai eine neue Möglichkeit, um sich von weiteren Anteilen zu trennen, die immerhin noch rund sechs Prozent betragen. Ob sie die von Samwer nun vorgelegten, teilweise deutlich gestiegenen Umsätze von besseren Perspektiven überzeugen können, ist offen.

Wann kommen neue Börsengänge?

Ursprünglich sollten Börsengänge der Essenslieferanten Hello Fresh und Delivery Hero Geld in die Kasse spülen. Bei letzterem ist immer noch von diesem Jahr die Rede. Doch die meisten Startups von Rocket Internet sind weit von der Profitabilität entfernt. Nun rächt sich, dass Samwer zwar amerikanische Startup-Methoden propagiert, aber nie in die Dimensionen der großen US-Akteure vorgestoßen ist. Konkurrenten legen hier gerne den Finger in die Wunde. Der Chef des Hamburger Versandhändlers Otto teilte jüngst im „Handelsblatt“ kräftig aus: „Anfangs empfand ich Rocket durchaus als Segen, weil es den Boden bereitet hat“, sagte Michael Otto: „Mittlerweile sehe ich die Performance der Firma als eher belastend.“ Firmenchef Samwer verspreche viel – und halte wenig. Der hat inzwischen einen Strategieschwenk eingeleitet. Die bisher auf den Endkunden fixierten Berliner haben nun Geschäftskunden im Visier. Diese Kunden haben speziellere Bedürfnisse und springen nicht gleich wieder ab.

Firmenkunden versprechen bessere Geschäfte

Das neue Startup Instafreight soll Aufträge für Spediteure makeln. Inzwischen entdeckt man bei Rocket Internet sogar, dass es lukrativer sein kann, über Gründungen zu reden und bei ihnen zu beraten, als selber zu gründen. Nicht alles will Rocket Internet mehr selber hochziehen: Bei Lemoncat, einer Catering-Plattform für kommerzielle Kunden, stieg man als Investor ein. Und mit seiner Agentur RCKT präsentiert sich Rocket Internet als Experte, wenn es um den digitalen Wandel geht und darum, mehr Innovationsgeist in die Unternehmen zu bringen. Zu den Kunden zählen Firmen wie L’Oréal, Bahlsen und Google.

 

Kommentar: Hat Rocket Internet seine Schuldigkeit getan?

Rocket Internet hat viele seiner Probleme selbst zu verantworten. Wer den Mund voll nimmt, muss damit leben, dass er sich Feinde macht. Doch die Schwierigkeiten, in denen das Geschäftskonzept steckt, stehen auch für einen Trend. Die Berliner Startup-Kultur, für die Rocket Internet steht, mag bunt und kreativ sein – doch von Deutschland aus den Konsumentenmarkt aufzurollen wird immer schwieriger. Nicht nur die etablierten Giganten aus den USA, auch immer mehr ehrgeizige Firmen aus China drehen hier das ganz große Rad. Die Claims in der Online-Welt sind immer deutlicher abgesteckt, und Rocket Internet erreicht mit seinem Gemischtwarenladen immer weniger die nötige kritische Masse. Deutschland hat seine Standortvorteile anderswo.

Rocket Internet hat Startups im Konsumbereich hochgezogen. Es gibt aber einen Grund, warum nun auch Berliner Investoren aus der Rocket-Internet-Schule etwa Baden-Württemberg entdecken.  Technologiegründungen rund um die sogenannte Industrie 4.0  oder Startups, die digitale Geschäftsmodelle entwickeln, werden interessanter. Es scheint, als habe Rocket Internet seine Schuldigkeit getan.
Dennoch sollte man sich erinnern, wie das Denken hierzulande in Sachen Startups noch um die Jahrtausendwende war. Erst der Import von flexiblen und aggressiven Geschäftsmethoden aus den USA, den Oliver Samwer manchmal vollmundig propagiert hat, brachte die Dinge in Bewegung.

Dass das Wort Startup-Innovation in aller Munde ist, liegt auch an Querdenkern wie Samwer. Sympathisch braucht man diese deshalb nicht zu finden, so wenig wie man Figuren wie den Tesla-Gründer Elon Musk oder den Trump-freundlichen US-Investor Peter Thiel unkritisch sehen muss. Ganz amerikanische Schule, nahm Rocket Internet Anfangsverluste in Kauf, um einmal – wie Samwer es versprach – die Welt erobern zu können. Dass das Risiko des Scheiterns dazugehört, das beweist Rocket Internet gerade mehr, als seinen Eigentümern lieb ist.

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