Raumfahrtprofessorin Sabine Klinkner hebt ab

Raumfahrtprofessorin Sabine KlinknerDer Satellit "Flying Laptop" von 2017 ist eines der Projekte von Sabine Klinkner. Foto: IRS

Raumfahrtprofessorin Sabine Klinkner leistet am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart (IRS) Pionierarbeit in der Satellitentechnik. Ein Porträt.

Irgendetwas Ingenieurwissenschaftliches möchte ich machen“, so lautete Sabine Klinkners frühzeitiger Berufswunsch. Dass sie zur Satellitenexpertin avancieren würde, war neben ihrem Können das Resultat glücklicher Begebenheiten zum richtigen Zeitpunkt.

Aus heutiger Sicht, in der der Berufswahl oft viele Orientierungsgespräche vorausgehen und die weitere Karriere von vielerlei Coachings und Fortbildungen geprägt ist, wirkt Klinkners Weg eher zufällig. Jedoch: „Meine Jugend hat meinen Werdegang stark beeinflusst“, sagt sie. Da ihr Vater bei der IBM arbeitete, war die Schülerin Sabine, die während einem der Auslandsaufenthalte ihrer Familie in Amerika zur Welt kam, Umzüge und Flexibilität gewohnt. „Ich hatte Mathe und Physik als Leistungskurse. Für mich waren das die einfachsten Fächer. Da musste ich am wenigsten lernen“, sagt sie.

Ein Besuch im Berufsinformationszentrum brachte die Idee

Ein Besuch des Berufsinformationszentrums in Stuttgart mit ihrer Schule besiegelte ihr berufliches Schicksal. „Mein Blick fiel auf einen Ordner ‚Luft- und Raumfahrttechnikstudium‘. Dass man so etwas studieren kann, fand ich spannend“, sagt die zweifache Mutter. Die viele Theorie zu Studienbeginn bezeichnet sie als „sehr massiv, aber das hat mich schon in der Schule gereizt.“ Insgesamt beurteilt Klinkner ihr Studium als „toll“, zumal sie es nutzte, um weitere Auslandserfahrungen während Praktikum und Diplomarbeit zu sammeln.

Ihre berufliche Karriere führte Klinkner zunächst in die Industrie, zum „kleinsten Systemhaus für Raumfahrtprodukte in Deutschland“, dem 20-köpfigen Unternehmen von Hoerner & Sulger in Schwetzingen (vH&S GmbH). Der Startschuss zu dieser sie befriedigenden Aufgabe fiel eher zufällig. „Als ich gerade meine Diplomnote abholte, sagte man mir, dass ein ehemaliger Absolvent der Uni Stuttgart, der am Institut nach potenziell geeigneten Studierenden gefragt habe. Dem Rat, mich zu bewerben, bin ich gefolgt.“

Nach dem Raumfahrtsystemshaus zurück an die Uni

Sabine Klinkner mit Frederik, dem jüngeren ihrer beiden Söhne.  Foto: Roeder

Eigentlich sah Klinkner ihr Wirken bei dem Raumfahrtsystemhaus als temporär. „Ich wollte ja weiterkommen, hatte den Plan, zur ESA zu gehen.“ Ihr Arbeitgeber konnte damals auch nicht mit Bestimmtheit sagen, wie langfristig die Projekte sein würden, an denen Klinkner arbeitete. Man habe habe tatsächlich Instrumente und Roversysteme für die Raumfahrt gebaut.

Ein Rover ist dabei ein ferngesteuerter, videounterstützter Echtzeitempfänger und steht für Remotely Operated Video Enhanced Receiver. Das ging von den anfänglichen Studien bis zum fertigen Flugmodell. Natürlich teilweise mit Zulieferern und Partnern. „So ist es auch jetzt noch“, sagt Klinkner, deren Institut mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber heute gerne weiter zusammenarbeitet.

So sehr es sie nach dem Diplom von der Uni wegzog, so drängte es sie nach bereits einem Jahr danach, sich persönlich via Promotion weiterzuentwickeln. Dafür hatte sie tatsächlich eine Zusage von der ESA für die Position ‚Young Graduate Trainee‘ erhalten. Im Anschluss daran wollte sie promovieren. Kaum hatte sie dies bei vH&S kundgetan, schlug Chefin von Hoerner vor: „Wenn es um eine Promotion geht, die können Sie jetzt und hier bei uns machen.“

Die Raumfahrtprofessorin Sabine Klinkner ließ die ESA sausen

Und Klinkner? Die fühlte sich wohl bei dem kleinen und feinen Spezialisten, ließ das Angebot der ESA tatsächlich sausen und machte eine externe Promotion am IRS, eingegliedert in ein Forschungsprojekt der Firma. Danach wollte sie gerne bei vH&S weiterarbeiten. Ihr Doktorvater Hans-Peter Röser – so schließt sich der Kreis – bat sie jedoch, sich an der Universität zu bewerben. Das tat Klinkner. Zunächst vor allem aus Interesse, „das Prozedere kennenzulernen.“ Röser hatte sich dafür eingesetzt, dass an seinem Institut eine eigene Professur für Satellitentechnik eingerichtet wurde, weil er dieses Forschungsfeld als sehr wichtig einstufte.

„Ernsthaft in Betrachtung gezogen habe ich den Wechsel an die Uni letztendlich erst, als ich auf Platz eins der Bewerbungen war und es ernst wurde.“ Das wurde es, denn die Berufungskommission hatte Klinkner für die neue Professur ausersehen. „Zwei oder drei Jahre später wäre mir die Entscheidung deutlich leichter gefallen. Aber so eine Chance kommt eben nicht jeden Tag vorbei.“

Das Zusammenspiel von Einzelkomponenten im All ist komplex

Die Raumfahrtprofessorin Sabine Klinkner behandelt an ihrem Lehrstuhl für Satellitentechnik am Institut für Raumfahrtsysteme (IRS)  auch weiterhin die Aspekte von Raumfahrtsystemen, insbesondere das Zusammenwirken der Einzelkomponenten sehr komplexer Systeme unter extremen Umweltbedingungen.

„Bei vH&S habe ich viel Explorationsrobotik gemacht. Dies an der Uni weiterzutreiben, war mir ein Anliegen. Insofern habe ich die Robotik ans Institut gebracht“, sagt sie und verweist auf die Vergleichbarkeit von Satelliten und Rovern, weil es immer darum gehe, ein System zu bauen, das woanders unter extremen Bedingungen autonom funktioniert. All diese Systeme brauchten die gleichen Konzepte – Energieversorgung, Onboard-Rechner, Thermalcontroller.

„100 000 Experten und 16 Nationen waren am Bau der ISS beteiligt. Tausende Menschen sind an einer Mission beteiligt“, sagt Astronaut Alexander Gerst in seinem Buch ‚166 Tage im All‘. Die Zahlen der unbemannten Satellitenforschung sind weniger spektakulär, die Forschungskooperationen und -leistungen nicht minder gewaltig.

In der Forschung darf man mutiger sein

„Wir bauen Kleinsatelliten. In der Forschung betrachten wir neuartige Dinge für die Satellitentechnik. Zum Beispiel entwickeln wir neue Technologien, die wir austesten.“ In der Raumfahrt sei es schwer, Technologien, die noch nicht geflogen sind, auf Satelliten einzusetzen. „Mit unseren Systemen können wir mehr wagen als eine Raumfahrtagentur es tut oder es bei einem industriell genutzten Satelliten möglich ist“, sagt Klinkner über die Vorteile der universitären Forschung.

Als „ganz großartig“ bezeichnet sie die Erfahrungen mit dem Forschungsträger ‚Flying Laptop‘, ein Kleinsatellit, der letztes Jahr ins All flog. Der war mit 110 Kilogramm gleichzeitig der größte Kleinsatellit, der an einer deutschen Universität entwickelt wurde. „Es ist großartig, Hand anlegen zu können an einem realen Raumfahrtprojekt, das inzwischen tatsächlich fliegt und perfekt funktioniert. Die Entwicklungen werden wir weiterführen, um sie immer weiter zu verbessern.“

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