Petra Foith-Förster – Industrie 4.0 mit Baby

Petra Foith-FörsterPetra Foith-Förster mit Sohn im Fraunhofer-Institut. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Petra Foith-Förster, Leiterin des Applikationszentrums Industrie 4.0 hat es bei Fraunhofer oft mit gestandenen Unternehmern jenseits der 60 zu tun. Ihr Baby ist ab und zu dabei. Karriere und Familie sind für die 34-Jährige kein Gegensatz.

Ihren Sohn auf dem Arm eilt Petra Foith-Förster mit raschem Schritt über den Flur. „Ich habe noch nicht mit Ihnen gerechnet“, ruft sie der Besucherin entgegen. „Ich muss noch mein Kind füttern.“ Kurze Zeit später sitzt man sich in schwarzen Sesseln im Besprechungsraum gegenüber. Ihr knapp neun Monate alter Sohn sitzt zufrieden dazwischen auf dem Boden; Bauklötze liegen vor ihm. Ungewohnt ist es für den Kleinen nicht. Etwa einmal pro Woche begleitet er seine Mutter ins Institut.

Foith-Förster ist Leiterin des Applikationszentrums Industrie 4.0 beim Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart. Ihre Kompetenz umfasst ein Gebiet, das aktueller kaum sein könnte: die digital vernetzte Produktion. Viele Konzerne haben bereits Projekte auf den Weg gebracht. Und der Mittelstand? „Gefühlsmäßig wissen die Unternehmen, dass sie etwas machen müssen. Viele wissen aber nicht, was sie tun sollen“, sagt Foith-Förster. Denen will die 34-Jährige helfen. „Ein Stück weit ist es auch eine Art Missionierungstätigkeit“, sagt sie.

Der Sohn ist bei Foith-Förster im Tragetuch dabei

Sie hält Vorträge über Industrie 4.0 – manchmal sitzen 100 Geschäftsführer im Publikum, „nur Männer, alle um die 60, alle grauhaarig, und jeder von ihnen ist Weltmarktführer in seiner Nische“. Ihr Sohn war schon mal im Tragetuch dabei. „Es ist egal, ob er mir zu Hause beim Putzen oder hier bei einem Workshop zuschaut.“ Sie bleibt gelassen, selbst wenn der Kleine an ihren Haaren zieht. Nur Computer-Arbeit sei schwierig, da werde es ihm langweilig.

Aber Foith-Förster hält nicht nur Vorträge über Industrie 4.0, sie zeigt Firmenchefs auch handfeste Technik – dazu wurde in der Nobelstraße in Stuttgart-Vaihingen eine Produktion der Zukunft zu Demozwecken aufgebaut. Es geht um Automatisierung bis hin zu selbstlernenden Maschinen (autonome Produktion), es geht um Vernetzung und die Analyse riesiger Datenmengen; natürlich sind Roboter sowie fahrerlose Transportsysteme im Einsatz. Es ist eine schnelllebige Welt; schon nach wenigen Wochen kann eine solche Demoversion veraltet sein.

Die Fertigung fit für die Zukunft machen

Mit Hilfe der Experten von Fraunhofer können Unternehmer die eigene Fertigung fit für die Zukunft machen. 40 Beschäftigte aus den unterschiedlichsten Bereichen arbeiten im Applikationszentrum, nicht immer in Vollzeit, viele von ihnen betreuen weitere Projekte. Deren Chefin ist Foith-Förster nicht, obwohl sie das Applikationszentrum leitet. „Ich habe keine Weisungsbefugnis“, sagt sie. „Das macht es so spannend.“ Sie muss Mitarbeiter motivieren und sie von einem Projekt überzeugen. Denn Fraunhofer finanziert sich nicht zuletzt von industriellen Aufträgen.

Allerdings hat das Stuttgarter Wirtschaftsministerium das Applikationszentrum über einen Zeitraum von vier Jahren mit insgesamt 3,5 Millionen Euro gefördert. Mehr als vier Millionen Euro hat das Team rund um Foith-Förster bereits bei Unternehmen für konkrete Projekte eingesammelt. Einer davon ist der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf, der seine Blechfertigung mit Unterstützung von Fraunhofer digitalisiert hat. Dass der Name Trumpf fällt, ist eine Ausnahme. Über die meisten Kunden darf Foith-Förster nicht reden.

Das Interesse ist groß

Aber eines sagt sie: „Das Interesse der Unternehmen ist groß.“ Zwischen acht und zehn Interessenten führt sie jeden Monat durch die Ausstellung, erläutert den Besuchern die Möglichkeiten und hofft auf Aufträge. Wenn sie externe Besucher empfängt, ist ihr Sohn meist nicht dabei. „Die Aufmerksamkeit würde zunächst auf dem Kleinen liegen“, nennt sie den Grund. „Ich will aber nicht auf die Mutter reduziert werden, sondern als fachlich kompetent wahrgenommen werden.“ Interessierte Unternehmer kommen dabei nicht nur aus dem Südwesten, sondern auch aus anderen Regionen.

„Und wenn Chinesen kommen, weisen wir die auch nicht ab“, so Foith-Förster. Probleme, weil das Applikationszentrum mit Landesmittel gefördert wurde, sieht sie in diesem Zusammenhang nicht. „Natürlich hat die Landesregierung zunächst die eigenen Unternehmen im Sinn. Aber es geht auch darum, dass am Standort Baden-Württemberg Kompetenz bei Industrie 4.0 aufgebaut wird“, so Foith-Förster. „Es ist besser, man zeigt, was man kann als sich abzuschotten“, fügt sie hinzu.

Seit Mitte 2016 leitet Foith-Förster das Applikationszentrum. Sie war mit ihrem zweiten Sohn schwanger, als sie sich auf die Stelle bewarb; ihr älterer Sohn ist mittlerweile vier Jahre alt und geht in den Kindergarten. Sie setzte sich damals auch gegen männliche Konkurrenten, die Vollzeit gearbeitet hätten, durch. „Ich konnte konkret sagen, wie ich die Aufgabe meistern will“, nennt sie einen Hebel zum Erfolg: acht Wochen Mutterschutz, dann 50-Prozent-Teilzeit. Zudem benannte sie ihren Wunsch-Stellvertreter. Auch ihr Mann hat wegen der Kinder die Arbeitszeit reduziert.

Keine Angst vor Technik

Foith-Förster, die in der Region Böblingen/Sindelfingen aufgewachsen ist, hat in Karlsruhe Maschinenbau studiert. „Ich hatte keine Angst vor Technik“, begründet sie ihre Berufswahl salopp. Schon frühzeitig hat sie gemeinsam mit ihrem Vater Autos oder elektrische Geräte wie Waschmaschinen repariert. In ihrem eigenen Haushalt war sie später fürs handwerkliche zuständig. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie einen alten Lkw zu einem Wohnmobil umgebaut. Ihre Karriere begann in der Produktionsplanung von Bosch. Vier Jahre später wechselte sie als Projektleiterin zu Fraunhofer – „ich wollte nicht mein Leben lang bei einem Unternehmen bleiben“, begründet sie den Schritt. Parallel zu Familie und Job will sie promovieren – sie beschäftigt sich mit dem Ende von Produktionsbändern und Taktzeiten, die im Zeitalter von Industrie 4.0 anstehen. Denn mit der neuen Technologie wird die Bedeutung der Einzelfertigung zunehmen – und dies zu Kosten einer Massenfertigung. Eigentlich sollte die Promotion im nächsten Jahr abgeschlossen sein, doch danach sieht es derzeit nicht aus. Foith-Förster bleibt gelassen: „Nicht alles ist planbar“.

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