Nicht zu radikal: Innovation in der Region Stuttgart

Innovation in der Region StuttgartIm M.Tech Accelerator auf dem Wizemann Areal in Stuttgart herrscht Werkstattatmosphäre. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

IdeenwerkBW-Schwerpunkt Herausforderung Innovation (4): Wo steht eigentlich die Innovation in der Region Stuttgart? Welche Veränderungen sind Fassade? Und was berührt den Kern?

Am Outfit von Daimler Zetsche lässt sich gelegentlich ablesen, dass zumindest an der Fassade, die alte schwäbische Ingenieurskultur sich radikal wandelt. Locker in Jeans auf die Bühne hüpfend -selbstverständlich krawattenfrei. Zetsche ist sich auch persönlich nicht zu schade, zu signalisieren, dass die Zeit der steifen Planungssitzungen vorbei ist. Ein eigenes Innovationslabor namens Lab1886  (in Anspielung an das Erfindungsjahr des Autos) und ein Inspirations-Startup namens FC Think! Tank sollen den Pfad für neue Ideen ebnen. Bei der 2016 angestoßenen Kooperationsplattform Startup Autobahn rund um das Thema Mobilität, haben sich inzwischen 16 weitere Firmen angedockt.

Offene Workshops, Auszeiten für kreative Mitarbeiter, Kooperationen mit Startups, Schulungen in innovativem Denken gibt es in immer mehr Firmen. Coolness ist Programm. Beim so genannten M.Tech Accelerator im Wizemann Areal in Stuttgart beispielsweise hat man die urige, unverputzte Atmosphäre einer alten Industrieanlage konserviert, um bei der Kooperation von jungen und etablierten Firmen Werkstattatmosphäre zu signalisieren. Tanker sind out, Schnellboote sind in.

Innovation in der Region Stuttgart ist inzwischen ein Geschäft

Die neue Innovationskultur ist zum Geschäft geworden. Darauf setzt seit 2016 Winfried Richter, Mitgründer der Innovationsplattfom Pioniergeist, die Mitarbeiter etablierter Firmen mit erfahrenen Gründern zusammenzubringen und die gemischten Teams über mehrere Monate eine Startup-Idee entwickelt lässt – aus der dann eine Firma wird oder ein Entwicklungsprojekt. Dabei waren bisher Partner wie Bosch und  Stihl, der Energiekonzern  EnBW  oder die Bank  LBBW.

„Es hat sich enorm viel getan, in der Wahrnehmung und der Sensibilisierung“, sagt Richter. Als er 2012 selber aus einer sicheren Karriere den Schritt zum Unternehmer gemacht habe, sei der Begriff Startup für viele noch ein Fremdwort gewesen. Ein bisschen hinke der Mittelstand noch hinterher. „Die Konzerne gehen das anders damit um, die machen dazu gezielt Öffentlichkeitsarbeit“. Bei den kleineren Firmen gelte eher das Prinzip „net schwätze, schaffe“, sagt Richter zur Tatsache, dass nicht jeder, der bei Pioniergeist dabei ist, dies publiziert.

Die Firmen sind sensibilisiert – radikalen Umbau wagen wenige

Ulrich Dietz, Verwaltungsratschef des IT-Dienstleisters GFT-Technologies und seit Jahren ein unermüdlicher Prediger für eine neue Innovationskultur in der Region, sieht die Firmen aber noch nicht am Ziel. Er analysiert die Innovation in der Region Stuttgart in einem Vier-Stufen-Modell: „Es gibt immer noch ein paar Unternehmen, die verharren weiterhin auf Stufe eins und denken, dass das ganze Gerede über die Digitalisierung nur so ein vorübergehender Hype sei und bald wieder Schnee von gestern ist.“ Die meisten seien aber darüber hinaus – und das sei im Vergleich zur Zeit vor einigen Jahren ein Fortschritt. „Die meisten befinden sich zurzeit auf Stufe zwei: Diese Unternehmen denken, da muss was dran sein, ich will irgendwie dabei sein.“

Da habe man eine Beteiligung bei diesem oder jenem Startup oder vielleicht gar ein cooles Büro in Berlin. Das sei zwar positiv, doch die schwierigen Schritte seien nicht angepackt. Die Erkenntnis in der dritte Stufe, dass es ganz neue, vielversprechende Wettbewewerber gibt, „wird immer noch mit einem – nennen wir es – Charlie-Brown-Lächeln verharmlost.“

Am Ziel auf Stufe vier seien dann nur noch ganz wenige Firmen in der Region: „Das ist die Stufe, wo man neue Möglichkeiten und neue Geschäftsmodelle für das eigene Unternehmen gefunden hat, die Chancen ergreift und massiv Geld investiert – das man ja in der Tat erst einmal anderswo verdienen muss. „Aber dass dabei wirklich radikal das ganze Unternehmen auf den Kopf gestellt wird, dafür gibt es bisher so gut wie keine Beispiele. Ich habe bisher nur wenige Mittelständler oder Großkonzerne gesehen, die mit komplett neuen Konzepten hervorstechen.“ Dietz rührt dafür die Trommel. Anfang Oktober bringt er im Rahmen der von ihm inittierten Plattform Code_n  ein „Innovationsfestival“ nach Stuttgart.  Dort sollen Unternehmen neu an das Thema Innovation herangehen lernen.

Macht und Kontrolle im mittleren Management stehen in Frage

Der Startup-Berater Johannes Ellenberg, der als einer der ersten in Stuttgart Unternehmen davon zu überzeugen versuchte, mit Startups zu kooperieren, sieht die entscheidende Hürde für Innovation in der Region Stuttgart bei der Kultur. „Am Anfang steht doch die Frage, warum man als Unternehmen existiert“, sagt er: Welches Kundenproblem löse man denn?

Zu oft suchten Firmen nach neuen Technologien oder besserer Außendarstellung statt nach künftigen Geschäftsmodellen und offener Unternehmenskultur. „Ich sehe das dann kritisch, wenn das nur dazu dienen soll, sein Image als Arbeitgeber aufzupolieren“. Mehr Offenheit, mehr Risikobereitschaft stelle die Frage nach der Macht: „Das stellt die Existenz des mittleren Managements in Frage. Das sind bisher Leute, die ihre Rolle über Kontrolle definieren.“ Diese Gruppe wirke wie eine Lehmschicht: „Wenn man auf einmal in kleineren, autonomen Teams arbeitet, machen diese Leute sich nämlich selber überflüssig.“

Ellenbergs Hoffnung: Dass sich mittelständische Firmen auf ihre Kultur der kurzen Wege besinnen. Ihn beeindruckten nicht zuerst große Startup-Projekte in Konzernen, sagt er, sondern etwa ein mittelständischer Briefkastenhersteller oder ein Gastronomieunternehmen auf der Schwäbischen Alb, die er kennengelernt habe. Dort habe man sich in einer offenen Diskussion grundlegend hinterfragt: „Das geht aber nur, wenn der Unternehmer als Person dahintersteht.“

Die weiteren Folgen der Serie erschienen am 23.8.(Porsche Consulting), 28.8. (Daimler Lab1886) und 3.9. (Daimler FC Think! Tank).

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