Gründer müssen nicht immer Erfinder sein

Gründer; L-BankBild: Die Gründerinnen der Recycling-Beratung Global Flow - Nadine Antic (links) und Seda Erkus. Foto: Martin Wagenhan/L-Bank

Für die Stuttgarter Zeitung konnte ich exklusiv die Ergebnisse einer Studie auswerten, in der die L-Bank eine Bilanz ihrer Kredite für Gründer zieht. Ländliche Regionen und benachteiligte Branchen profitieren. Neue Geschäftsideen und technische Innovationen sind allerdings eher selten vertreten. Zunächst hier eine Zusammenfassung der Studie, anschließend ein Kommentar dazu. 

Beim Gründen muss es nicht immer um High-Tech gehen. „Ein solides baden-württembergisches, inhabergeführtes Unternehmen aufbauen“, so beschreibt die landeseigene Förderbank L-Bank die Motivation zweier  Gründerinnen, die ihre Förderung in Anspruch genommen haben.  Die Ingenieurinnen Nadina Antic und Seda Erkus wollen mit ihrem Unternehmen Global Flow  das Abfallrecycling von Firmen verbessern. Dank eines von ihrer  Hausbank vermittelten Kredits, bei dem die L-Bank zu 80 Prozent als Ausfallbürge auftritt,  konnten sie trotz wenig Eigenkapital  aus dem Studium heraus gründen.
In einer von der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW) durchgeführten wissenschaftlichen Studie, die der Stuttgarter Zeitung vorliegt,  hat die landeseigene L-Bank nun untersucht,  was sie in den Jahren  2011 bis 2014  mit ihrem Existenzförderungsprogramm erreicht hat. Die 1,7 Milliarden an Förderkrediten  stammen aus zwei Töpfen. Zum einen sind es zinsbegünstigte Darlehen und zweitens ist es die so genannte „Startfinanzierung 80“,  bei der ein zinsverbilligtes Darlehen mit einer Bürgschaft von 80 Prozent des Ausfallrisikos gekoppelt ist.
Insgesamt wurden binnen drei Jahren 11 688 Gründungsprojekte im Land auf diese Weise gefördert. Rund 300 Gründer wurden für die Studie zusätzlich interviewt. Die Zahl der Anträge ist stetig gestiegen und  hat im vergangenen Jahr um 13 Prozent höher gelegen als 2011, obwohl die generelle  Gründungsbereitschaft im Land und in Deutschland nicht gewachsen ist. Die  Studie  fängt einen Gründeralltag ein, der  anders aussieht, als das Image innovativer, sich in der Digitalwelt tummelnder  Start-ups suggeriert. Sie betrachtet allerdings nur den Ausschnitt der durch Kredite geförderten Gründungen.

Viel Förderung  für Gründer im ländlichen Raum

„Sehr viele Gründer stammen aus dem ländlichen Raum – das war  die größte Überraschung“, sagt eine Pressesprecherin der L-Bank. Zwar dominiert zahlenmäßig die wirtschaftsstarke Region Stuttgart, in der gut ein Fünftel der geförderten Gründer im Land zu Hause sind. Doch insgesamt fließen mehr als zwei Drittel der Kredite in Regionen mit unterdurchschnittlicher Wirtschaftskraft, meist abseits der Metropolen, die nur einen Anteil von 57,7 Prozent an der Wirtschaftskraft in Baden-Württemberg haben. „Die Kredite wirken somit ausgleichend“, heißt es in der Studie. Die Förderung erfülle damit den intendierten Zweck, dort zu greifen, wo es  wenig private Alternativen gibt.
Die binnen drei Jahren vergebenen 1,7 Milliarden Euro an Förderkrediten hätten jährlich zusätzlich 3400 Arbeitsplätze entstehen lassen und die Wirtschaftskraft in der Region um jährlich 255 Millionen Euro gesteigert, heißt es in der Studie.  Ein Drittel der geförderten Jungunternehmer wäre ohne die Hilfe nicht an den Start gegangen, ein Viertel hätte weniger investiert. 2014 lag das durchschnittliche Kreditvolumen bei etwas mehr als 200 000 Euro.
Ein genauerer Blick auf die Studie enthüllt allerdings auch  Schwachstellen des Gründerstandortes Baden-Württemberg. So schafft es das Land bei der Gründungsintensität unter den 16 Bundesländern nur ins Mittelfeld.  Sowohl bei der Zahl der Gewerbeanmeldungen je tausend Einwohner als auch bei der Zahl der Anmeldungen relativ zu den bestehenden Unternehmen liegt das Land  auf Platz acht. Unter den geförderten Unternehmen sind Firmen mit innovativen Geschäftsideen mit 12,2 Prozent   relativ gering vertreten. Allerdings können auch Gründungen, die erst nur mit einem kleinen Betrag gefördert wurden, großes Potenzial haben. Als Paradebeispiel gilt die Tübinger Biotechfirma Curevac, die  inzwischen vom Microsoft-Gründer Bill Gates entdeckt wurde und mit dessen Millionen neue Impfstoffe entwickelt.  Deren Geschichte begann mit einem Gründerkredit der L-Bank.

Wenig Neugründungen in der Industrie

Neugründungen im verarbeitenden Gewerbe sind allerdings unterrepräsentiert. Rund ein Drittel der baden-württembergischen Wirtschaftskraft hängt davon ab – in Deutschland insgesamt ist es nur etwas mehr als ein Fünftel. Doch nur 19,1 Prozent der Fördergelder flossen in diesen Bereich. Das kann   damit zu tun haben, dass  Gründungen wegen des hohen Kapitalbedarfs schwieriger sind oder weniger ins  Förderprofil passen.  Überproportional wurden junge Firmen im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesen, sowie dem Handel unterstützt. Dies sei durchaus gewollt, heißt es in der Studie. Die Förderprogramme wirkten „auf die Branchenstruktur insofern ausgleichend als dominante Branchen unter- und weniger dominante Branchen überproportional Fördermittel beanspruchen.“ </p><p>Eine weitere  Erkenntnis aus der Studie ist es, wie sehr Gründungen  von dem Gefühl getrieben werden, als Arbeitnehmer  sich nicht verwirklichen zu können. Den Wunsch, der eigene  Chef zu sein, haben fast zwei Drittel der interviewten Gründer als einen   Antrieb erwähnt. Mehr als ein Drittel nannte  fehlende Entwicklungsperspektiven in ihrem angestammten  Beruf.

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KOMMENTAR – Jeder Arbeitsplatz zählt

Baden-Württemberg ist nicht gerade Deutschlands heißester Standort für Unternehmensgründungen. Und das kann man in gewisser Weise  als Kompliment auffassen. Wenn die umfangreiche Studie der landeseigenen L-Bank zu ihrer Gründerförderung aufweist, dass zwischen 2011 und 2014 nur 5,6 Prozent der von ihr unterstützten Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus stattfanden, dann heißt das eben, dass wegen der gut laufenden Wirtschaft im Land nur wenige Menschen aus der Not heraus zum Gründer werden mussten. Insofern relativiert sich der auf den ersten Blick mäßige Platz des Südwestens im Bundesvergleich.
Dennoch gibt es beim Blick auf einige Details durchaus Zahlen, die langfristig nachdenklich stimmen. Das produzierende Gewerbe im Land hat auch innerhalb Deutschlands einen überproportionalen Anteil. Dennoch ist es offenbar schwierig, als Gründer  in der Industrie zu starten. Auch die Zahl der geförderten Gründer, die mit einer vollkommen neuen Idee an den Markt gehen, erscheint  gering – wenngleich das nicht  ungewöhnlich ist.
Nun sollte man die Zahlen der Studie nicht überinterpretieren. Es geht hier ausschließlich um jenen Ausschnitt an Gründungen, die in das Raster des Förderprogramms passen. Die Gründerförderung der Landesbank hat andere Aufgaben, als  gezielt das „next big thing“ hervorzubringen, also ein technologie- und innovationsgetriebenes Wachstumsunternehmen. Den an sie gestellten Auftrag erfüllt die Förderung  laut der wissenschaftlichen Studie  gut.  Sie soll Benachteiligungen ausgleichen, sowohl in einzelnen Regionen des Landes als auch in bestimmten Branchen. Sie soll Arbeitsplätze schaffen – und genau das tut sie. Die Untersuchung  trifft  keine Aussage darüber, was aus den geförderten Unternehmen  geworden ist. Aber dafür dürfte es im dreijährigen Betrachtungszeitraum bei vielen Firmen zu früh zu sein.
Die L-Bank ist abseits der in der Studie betrachteten Förderprogramme  zudem als Finanzinvestor auch bei Gründungen involviert, in denen es um riskantere, aber auch chancenreichere Investments geht. Genau in diesem Bereich muss der Südwesten aufholen. Die positive Bilanz in einem  wenig spektakulären, aber dennoch  wichtigen Bereich der Gründerförderung kann kein Grund sein, um sich auszuruhen.

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