Der Marathonlauf von Retina Implant

Retina ImplantSo sieht der Chip von Retina Implant im Auge aus. Foto: Retina Implant

IdeenwerkBW-Schwerpunkt Medizintechnologie in Baden-Württemberg, Teil 3 und Schluss: Retina Implant aus Reutlingen hat  fast 15 Jahre nach der Gründung die Ziellinie der Markteinführung erreicht. Geduldige Investoren machten dies erst möglich.

Am Anfang der Geschichte von Retina Implant stand erst einmal nicht die Geschäftsidee. „Der Impuls war der medizinische Bedarf“, sagt Reinhard Rubow, der schon vor 14 Jahren das Unternehmen gründete, das da bereits eine mehrjährige Vorgeschichte in der Forschung an der Universität Tübingen hatte. Es ging um eine besonders grausame Augenkrankheit. Retinitis pigmentosa, eine genetisch bedingte Degeneration der so genannten Fotorezeptoren im Auge, bedeutet für den Patienten, dass er weiß, er wird eines Tages erblinden.
Doch es gibt bisher keinerlei Möglichkeit, dies zu verhindern oder zumindest weniger gravierend zu machen.
„Das ist nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Arzt eine schwer erträgliche Situation“, sagt Rubow. Retina Implant hat einen Chip entwickelt, der ins Auge eingepflanzt werden kann und den betroffenen Patienten wenigstens eine gewisse Sehfähigkeit erhält. Für die Technologie hätte es potenziell andere, größere Märkte gegeben – doch der Impuls war es, ein menschlich besonders schmerzliches Gesundheitsproblem zu lösen.

Die Hürden für Retina Implant waren enorm

Doch die Tatsache, dass erst jetzt, nach mehr als einem Jahrzehnt intensiver Entwicklungstätigkeit, der Schritt zur Vermarktung des Produkts gegangen werden kann, zeigt auch, vor welchen enormen Hürden Neuentwicklungen der Medizintechnologie stehen können, insbesondere, wenn sie im Rahmen eines Startups vorangetrieben werden. Mit einer solchen Entwicklungsdauer, die etwa zur Hälfte der Technologie, zu anderen Hälfte aber den notwendigen Zertifizierungen und Genehmigungen geschuldet ist, liegt Retina Implant für die Medizintechnik im oberen Spektrum – aber gleichzeitig in einem Bereich, der etwa bei pharmazeutischen und und biotechnologischen Neuentwicklungen absolut üblich ist.
Auch bei der Entwicklung braucht es immer Kontakt zu Hochschulen, vor allem zum Naturwissenschaftlich Medizinischen Institut der Universität Tübingen. „Nein, als ich damit anfing, hätte ich nie gedacht, dass es solch ein langer Weg wird“, sagt Rubow: „Wir haben damals einen tollen Businessplan gehabt, Volumen etwa 15 Millionen Euro. Am Ende hat es die doppelte Zeit gebraucht und das dreifache Geld.“ Er und seine Mitstreiter hatten das Glück, dass er von Anfang an geduldige Investoren im Boot hatte, denen es nicht um das schnelle, große Geld ging, sondern um Nachhaltigkeit.

Schwierige Suche nach Geldgebern

Auf einer ganzen Vortragsfolie kann er die lange, frustrierende Suche nach Geldgebern illustrieren. Banken winkten angesichts des Zeithorizonts und des Risikos gleich ab. Rein auf Rendite hin orientierte Risikokapitalgeber wollten erst wissen, dass das Ganze im Menschen funktioniert. Technologieunternehmen als mögliche Partner wollten das Produkt erst am Markt sehen, bevor sie einstiegen. Und die Anträge für staatliche Fördermittel charakterisiert man als „furchtbar aufwendig“ schon für Beträge von 50 000 Euro. Staatliche Forschungsförderung von immerhin mehr als zehn Millionen Euro gab es nur bis zum Zeitpunkt der Gründung. Am Ende waren es dann Geldgeber mit einer persönlichen Nähe zu den Gründern und ein risikobereiter Hedgefonds aus New York, die zum Engagement bereit waren.
„Sie brauchen Leute, die an die Idee glauben, dann können sie die Durststrecken überwinden“, sagt Rubow. Die bisherigen Investoren gingen im vergangenen Jahr auch den kapitalintensiven Schritt zur Vermarktung des Produktes mit, für den noch einmal 26 Millionen Euro frisches Geld eingeworben wurde. Marketing und Vertrieb werden 2017 jetzt die Hälfte der geplanten Ausgaben ausmachen. Nun will das Unternehmen mit zwei Produkten an den Markt, dem genannten Chip zur Implantation ins Auge und einem Therapieverfahren, das mit elektrischen Impulsen arbeitet – und das sich im Zuge des Entwicklungsprozesses ergab. Am Beispiel der beiden Produkte kann Reinhard Rubow auch erläutern, wie schwierig die Marktlogik im Gesundheitswesen sein kann. Der Chip schafft es in den Erstattungskatalog der Krankenkassen, die ambulante Therapie bisher nicht. Die Patienten selber jedenfalls sind überzeugt. Der weitaus größte Teil sei bereit, die 5500 Euro – etwa so viel wie ein aufwendiges Hörgerät – aus eigener Tasche zu bezahlen.

Die erste Folge erschien am 30.5. und die zweite am 1.6.

Unternehmensporträt Retina Implant
In 15 Jahren Forschung und Entwicklung hat das im Technologiepark Tübingen-Reutlingen angesiedelte Unternehmen Retina Implant zwei Produkte marktreif gemacht: Ein Netzhautimplantat und eine Therapie per Elektrostimulation. Ziel ist es, das Sehvermögen von Menschen mit der degenerativen Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa länger zu erhalten oder es zumindest teilweise wiederzugewinnen.
Seit 1995 wurden für das Projekt rund 52 Millionen Euro für die Forschung, Entwicklung, Erprobung und Zulassung des Retina Implantats ausgegeben. Weitere 7,6 Millionen Euro kostete seit 2009 die Entwicklung der Elektrostimulation. 10,3 Millionen stammten aus staatlicher Forschungsförderung (im Wesentlichen vor der Firmengründung), 49,2 Millionen kamen von privaten Investoren. Im Zuge der Markteinführung hat die Firma die Mitarbeiter von 30 auf 45 aufgestockt.

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