Life Science Center Esslingen: Stadt steigt aus

Life Science Center EsslingenDas Life Science Zentrum in Esslingen ist im Jahr 2000 gestartet. Foto: Horst Rudel/Archiv

Das Life Science Center Esslingen sucht einen privaten Investor,  der am bisherigen Konzept in der Schelztorstraße festhält. Die Stadt will aussteigen – ein Beispiel dafür,  dass die Förderung der Biotechnologie ein schwieriges Feld ist.

Die Entwicklung hat die Mieter überrascht: Wenn der Gemeinderat im Dezember endgültig grünes Licht gibt, wird die Stadt Esslingen auf die Suche nach einem privaten Investor gehen, der das Life Science Center in der Schelztorstraße übernimmt. Weil CDU, SPD, Freie Wähler und FDP dieses Vorgehen befürworten, ist der Beschluss nur noch eine Formsache.

Damit geht ein Stück Wirtschaftsförderungsgeschichte in Esslingen zu Ende, die sich die Initiatoren vor 18 Jahren ein wenig anders vorgestellt hatten. Das Life Science Center, im Jahr 2000 als Gründerzentrum für Biotechnologieunternehmen geschaffen, sollte mithelfen, die damals vom Strukturwandel geschwächte Wirtschaft zu stärken und neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen.

Im Life Science Center Esslingen sind Erstmieter immer noch drin

Die Idee war es, dass Biotechnologieunternehmen in der Schelztorstraße, subventioniert mit günstigen Mieten und finanziell unterstützt durch einen Life Science Fonds, ihre ersten Gehversuche machen – und sich nach einer ersten Konsolidierungsphase neue Räume in der Stadt suchen sollten, um Nachfolgern Platz zu machen. Was man damals noch nicht wissen konnte: Bis Biotechnologieunternehmen tatsächlich die Gewinnzone erreichen, können wegen langwieriger Testreihen viele Jahre vergehen. Und auch der Wechsel ist nicht unproblematisch, weil viele Labore ein komplexes Zertifizierungsverfahren durchlaufen müssen und deswegen nicht einfach umziehen können.

Die Konsequenz: zwei der vier im Life Science Center beheimateten Unternehmen, BioTask und Bio Tesys, sind seit der Eröffnung Mieter. Und auch die beiden anderen, Micro Biolytics und Meidrix Biomedicals, sind seit rund einem Jahrzehnt dabei. Weil damit die ursprüngliche Gründeridee in Frage gestellt ist, hat der Esslinger Wirtschaftsförderer Marc Grün zwei Modelle erarbeitet.

Gewerbeimmobilie zu marktüblichen Preisen

Man könne entweder das Life Science Center Esslingen als städtische Gewerbeimmobilie, dann aber zu den marktüblichen Mietpreisen, weiterführen – oder es an einen privaten Investor weiterverkaufen. Der soll, so ist es der ausdrückliche Wunsch der Mehrheit im Esslinger Gemeinderat, verpflichtet werden, den dort tätigen Biotechnologieunternehmen eine langfristige Entwicklungsperspektive zu geben.

Die Einnahmen aus diesem Immobilienverkauf könnten dazu benutzt werden, die neue Idee des Wirtschaftsförderers zu verwirklichen: Grün plant bekanntlich, die Küferstraße zur Gründermeile umzufunktionieren. Die Schaufenster sollen die Jungunternehmer nutzen, um ihre Ideen zu präsentieren. Dazu soll die Stadt leer stehende Flächen anmieten und diese Studienabgängern, die mit der Selbstständigkeit liebäugeln, kostengünstig zur Verfügung stellen.

Biotechnologie braucht sehr langen Atem

Der Chef der Bioregio-Stern, Klaus Eichenberg, weist auf die Herausforderungen für neue Firmen hin. „Biotechnologie gibt es in Europa erst seit etwas mehr als 20 Jahren. Wir sind also eine noch sehr junge Branche“, sagt Eichenberg. Vor 17 Jahren ist die Bioregio-Stern gegründet worden, deren Aufgabe es ist, junge Biotechnologieunternehmen in den Regionen Stuttgart und Neckar/Alb dabei zu unterstützen, Geldgeber zu finden, damit sie ihre Produkte nach einer meist extrem langen Entwicklungsphase auf dem weltweiten Markt platzieren können.

Auch die vier im Esslinger Life Science Center beheimateten Firmen gehören dazu, aber eben noch viele andere auch. Die Bioregio kümmert sich neben 120 klassischen medizintechnischen Firmen und 40 Engineering-Unternehmen, die Instrumente für die Biotechnologiebranche herstellen, um 110 Biotech-Unternehmen mit rund 4000 Mitarbeitern.

Dezentrale Strukturen in der Region Stuttgart

Die Strukturen rund um Stuttgart und im Bereich Neckar/Alb unterscheiden sich dabei erheblich: Ein Großteil der Firmen im Bereich Neckar/Alb konzentriert sich auf den 2003 von den Städten Reutlingen und Tübingen geschaffenen Plätzen für zwei Biotechnologiezentren mit zusammen 25 000 Quadratmetern Fläche. Rund um Stuttgart gebe es, so Eichenberg, eine eher dezentrale Verteilung. In Stuttgart selber etwa betreut die Bioregio sechs Unternehmen. Aber auch in Waiblingen, Schorndorf, Backnang, Leinfelden-Echterdingen, Nürtingen und Kirchheim existieren Biotech-Firmen.

Esslingen mit seinem Life Science Center auf 2000 Quadratmetern – die Hälfte für Büros, die andere für Labore – könne natürlich nicht mit Tübingen und Reutlingen mithalten, sagt Eichenberg. Dennoch sei Esslingen auch wegen seiner Hochschule ein wichtiger Partner für die Bioregio. Sehr erfreut ist er, dass es dort den Bachelor-Studiengang Biotechnologie gibt, der derart gefragt sei, dass die Hochschule regelmäßig zahlreiche Bewerber abweisen müsse. Zudem gibt es einen berufsbegleitenden Masterstudiengang in diesem Fach.

Geld wird in der Branche erst nach mehr als elf Jahren verdient

Dass nun das Life Science Center Esslingen veräußert werden solle, findet Klaus Eichenberg gar nicht einmal so außergewöhnlich. Auch Tübingen und Reutlingen hätten Anfang dieses Jahres ihre Biotechnologiezentren nach 15 Jahren an den ursprünglichen Investor, die L-Bank, zurückgegeben und sich, nachdem nun dort alle Flächen belegt seien, aus dieser Art der Förderung zurückgezogen. Insgesamt brauche die Biotechnologie aber weiterhin Unterstützung auf allen Ebenen, betont der Bioregio-Chef.

Unternehmer in dieser Branche bräuchten einen ganz langen Atem. Studien hätten ergeben, dass der Break Even, also jener Punkt, an dem die Unternehmen mit ihren Erfindungen und Entwicklungen Geld verdienten, bei 11,6 Jahren liegt. Erschwerend komme, so der Bioregio-Chef, hinzu, dass die Branche stark kontrolliert werde und zahlreiche Zertifizierungsverfahren zu bewältigen seien.

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