Lebensmittel online – mit Boxenstopp

Lebensmittel onlineCornel Scheible schiebt einen vollen Einkaufswagen zu einer Abholstation in Göppingen; Foto: Alberternst

Lebensmittel online sind  bisher nur ein Nischenangebot. Vor allem die Kühlkette ist dabei ein Problem, doch Abholboxen für die Kunden könnten eine Lösung sein. In Göppingen experimentiert man schon damit. 

Mit Einkaufsliste, Handscanner und Einkaufswagen läuft Cornel Scheible durch den Supermarkt in Göppingen. Er zieht die Produkte aus dem Regal, legt sie in eine wärmeisolierte Box und scannt die Strichcodes. Scheible kauft dabei aber nicht für sich selbst ein, sondern für mehrere Kunden, die etwas im Online-Shop bestellt haben. Der Projektleiter des Göppinger Edeka Gebauer’s schiebt den vollen Einkaufswagen zur Abholstation, packt die Einkäufe in Tüten und legt die frischen Produkte wie Fleisch und Fisch sowie Tiefkühlware in verschiedene Kühlschränke.
Frühestens zwei Stunden nach der Bestellung holen die Kunden ihren Einkauf ab. „Das ist manchmal wie ein Boxenstopp. Die Leute fahren vor und innerhalb von zwei Minuten sind sie wieder raus. Auch mit vier vollen Tüten ist das zu schaffen“, beschreibt Scheible die Abholung am 40-Quadratmeter-Container. Die Kunden sparen damit Zeit. Kein Gang durch die Regalreihen, kein Warten in der Schlange an der Kasse. Sie bekommen aber dennoch die gleichen Produkte, die sie sonst vielleicht im Supermarkt gekauft hätten.

Bisher 4500 Artikel sind im Angebot

4500 Artikel bietet der Händler mittlerweile über das Internet an. Das ist nur ein Bruchteil des Gesamtsortiments – nicht ohne Grund. „Es müssen permanent alle Produkte des Online-Shops vorhanden sein“, sagt Geschäftsführer Jens Gebauer. Dafür habe er eine Mindestreserve für das Abholgeschäft eingerichtet. Der Internethandel wurde mit dem Warenwirtschaftssystem verknüpft. Bei einem Engpass bekäme der Kunde notfalls den etwas teureren Artikel ohne Aufpreis, erklärt Gebauer. Lebensmittel online – das funktioniert in Deutschland seit rund 15 Jahren. Mittlerweile liefern manche Anbieter auch Tiefkühlkost, frisches Obst und Gemüse bis nach Hause. Trotzdem gehen noch fast alle Kunden  in die herkömmlichen Supermärkte.
„Der Versand von Waren ist bislang ein Nischengeschäft“, sagt eine Sprecherin der Edeka-Gruppe. Laut Jens Gebauer liege das vor allem an den zusätzlichen Versandkosten. Auf die können die Händler aber nicht verzichten. „Die Margen sind durch die Discounter schon so gering“, sagt der Geschäftsführer. Daher bleibe nur eine „hybride Lösung“. Diese hat Gebauer umgesetzt: Die Produkte werden über abholen.de im Internet bestellt und dann an der Station abgeholt, ohne zusätzliche Gebühren für die Kunden.

Für Lebensmittel online ist die Kühlkette entscheidend

Die Kühlkette wird dabei bis zum Abholen nicht unterbrochen. Fleisch und Fisch müssen sogar immer am selben Tag abgeholt werden. „Wir wollen online keine andere Frische bieten als in den Märkten“, sagt Gebauer. Das sei in seinen Augen der größte Fehler der meisten Versandhändler für Lebensmittel online.
Seine Abholstationen, mittlerweile sind es drei, sieht Gebauer noch in der Testphase. Neben der in Göppingen gibt es weitere in Filderstadt-Bonlanden und Leinfelden-Echterdingen. Der Betreiber vergleicht den Geschäftszweig mit einem Start-Up. Mit einer ähnlichen Idee, einer Abholstation für Getränke, hatte der Geschäftsführer 2003 schon einen Businessplanwettbewerb gewonnen. Zehn Jahre später wollte er dann ein System aufbauen, das auch im Familienbetrieb, Gebauer’s Edeka, funktioniert. Ganz neu ist dieser adaptierte Service für Lebensmittel online aber nicht. In Frankreich gab es schon 2004 den ersten sogenannten Drive-In-Supermarkt. Seitdem hat allein die Kette Intermarché mehr als 1000 solcher Stationen aufgebaut. 2010 hat auch die Metro-Tochterfirma Real begonnen, das neue Verkaufsmodell auszuprobieren. Sie experimentiert aber wie Gebauer nur mit drei Abholstationen.
Mit der Entwicklung seines Online-Handels ist Jens Gebauer zufrieden. Jede Woche kommen 30 bis 50 Kunden pro Abholstation, sagt er. Insgesamt haben sich ihm zufolge mehr als 2000 Personen auf abholen.de registriert. „Es sind nicht nur die Manager, sondern zu ganz großem Teil Frauen mit Kindern“, sagt der Geschäftsführer. Die einzelnen Einkäufe über das Internet seien im Durchschnitt sogar größer als im stationären Handel. Laut Gebauer habe der Göppinger Edeka im vergangenen Jahr 250000 Euro Umsatz mit dem Online-Geschäft erzielt.
Um Gewinne damit verbuchen zu können, reichen drei Abholstationen aber nicht aus. Zu den Abholungen muss immer ein Mitarbeiter vor Ort sein. Bei der jetzigen Zahl der Bestellungen rentiere sich das Geschäft nicht, sagt der Händler. Auf Dauer soll die Ausgabe allerdings mit Hilfe von Automaten stattfinden, um die Betriebskosten zu senken. „Das Modell funktioniert erst ab zehn bis zwölf Shops“, sagt Gebauer. Auch deshalb wird er in den kommenden drei Monaten insgesamt drei weitere Standorte eröffnen.

Bald könnten die ersten Abholstationen nach Stuttgart kommen

„Die Abholstationen haben ganz viel Potenzial. Wir müssen nur den nächsten Schritt gehen“, sagt der Händler. Diesen Schritt, den Aufbau von unzähligen Stationen, könne Jens Gebauer aber nicht mehr finanzieren. Er habe nun viel in die Technologie investiert. Jetzt seien andere gefragt, sagt er. Einzelne Vorgespräche mit Investoren habe Gebauer schon geführt – aber bewusst nichts Konkretes. Denn der Geschäftsführer hofft noch, dass die Edeka-Gruppe sich der Sache annimmt. Bislang habe die Lebensmittelkette ein Engagement jedoch abgelehnt. Jens Gebauer will trotzdem weiter abwarten. Er geht davon aus, dass mit einer bald anstehenden Verjüngung des  Edeka-Managements noch mehr alternative Geschäftsmodelle gefördert werden.
Dann könnte auch Stuttgart die ersten Abholstationen bekommen. „Innerhalb eines halben Jahres stellen wir dort zehn Stationen auf“, sagt Gebauer. Tankstellen und U-Bahn-Haltestellen seien für ihn ideale Abholorte. Obwohl die Großstädte für Jens Gebauer sehr interessant sind, schließt er auch ländliche Regionen nicht aus. Dort könnten Stationen an Orten entstehen, wo sich ein Supermarkt gar nicht mehr lohnt, sagt er. Und er spinnt das Szenario weiter: Mit den Stationen wäre es auch leichter für ältere Menschen. Die könnten dann ihren Einkauf im Internet bestellen und müssten nur jemanden finden, der die Tüten für sie abholt. Die nötige Internetaffinität traut Jens Gebauer auch dieser Zielgruppe zu.

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